Mitten auf den Feldern südlich von Werl entstand Mitte der 1930er Jahre innerhalb kürzester Zeit einer der modernsten Fliegerhorste der jungen deutschen Luftwaffe. Was zunächst als geheimes Bauprojekt begann, entwickelte sich rasch zu einem militärischen Großvorhaben, das die Stadt wirtschaftlich veränderte und über Jahrzehnte prägen sollte. Der ehemalige Fliegerhorst Werl wurde zunächst zum Symbol der nationalsozialistischen Aufrüstung, später zum NATO-Standort im Kalten Krieg und schließlich zum heutigen Gewerbe- und Technologiepark KonWerl.
Geheime Planungen sorgen für Diskussionen
Bereits 1934 begannen erste Vermessungen und Untersuchungen südlich von Werl. Das Vorhaben wurde zunächst unter größter Geheimhaltung vorbereitet. Offiziell sprach man von einer „Deutschen Verkehrsfliegerschule“, tatsächlich handelte es sich jedoch um den Aufbau eines neuen Luftwaffenstandortes. Während viele Einwohner auf neue Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung hofften, regte sich bei den betroffenen Landwirten Widerstand. Zahlreiche Bauern mussten ihre Flächen am Melsterberg aufgeben und wurden mit Entschädigungen oder Ersatzland abgefunden.
Gerüchte über den Bau eines Fliegerhorstes machten bereits früh die Runde. Selbst ausländische Medien berichteten über die militärischen Pläne des Deutschen Reiches, die offiziell jedoch zunächst dementiert wurden.
Tausende Arbeiter errichten den Fliegerhorst in Rekordzeit
Mit dem offiziellen Baubeginn Anfang 1935 entwickelte sich die Baustelle zu einem der größten Infrastrukturprojekte der Region. Täglich wurden rund 1.000 Arbeiter aus dem Ruhrgebiet und dem Sauerland nach Werl gebracht. Gearbeitet wurde rund um die Uhr im Schichtbetrieb und unabhängig von Wetter oder Jahreszeit. Die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften sorgte dafür, dass die Arbeitslosigkeit in der Region praktisch verschwand. In Spitzenzeiten waren rund 1.500 Menschen gleichzeitig mit dem Bau beschäftigt.
Archäologische Funde verzögern die Arbeiten
Während der Bauarbeiten zeigte sich schnell, dass der lehmhaltige Untergrund für den Flugbetrieb ungeeignet war. Das bereits eingeebnete Gelände musste deshalb erneut großflächig abgetragen und neu vorbereitet werden. Dabei stießen die Bauarbeiter überraschend auf Spuren früher Besiedlungen. Archäologen entdeckten Überreste einer römischen Siedlung sowie Funde aus der Zeit der bandkeramischen Kultur, die mehrere tausend Jahre zurückreichen.
Einer der modernsten Fliegerhorste Deutschlands entsteht
Mit der offiziellen Bekanntgabe der Luftwaffe im Jahr 1935 wurde das Projekt offen als Militärflugplatz weitergeführt. In den folgenden Monaten entstand auf dem weitläufigen Gelände eine nahezu autarke Militärstadt. Kasernen, Werkstätten, Flugzeughallen, Sportanlagen, Exerzierplätze, ein Kasino und zahlreiche Nebengebäude wurden errichtet. Ein eigenes Heizkraftwerk versorgte die gesamte Anlage mit Energie. Besonders modern war das kreisförmige Rollfeld mit einer umlaufenden Rollbahn, an der sieben Flugzeughallen angeschlossen waren. Unter den Wiesenflächen lagen versteckte Treibstofflager, die aus militärischen Gründen sorgfältig getarnt wurden. Die Baukosten beliefen sich auf rund vier Millionen Reichsmark – eine enorme Summe für die damalige Zeit.

Große Eröffnung macht Werl zur Garnisonsstadt
Am 7. April 1936 wurde der Fliegerhorst unter großer öffentlicher Beteiligung feierlich eröffnet. Die Stadt Werl erlebte einen propagandistisch inszenierten Festakt mit Militärparaden, Musikzügen und politischen Reden. Mit dem Einzug der Fliegergruppe Werl des Jagdgeschwaders 134 „Horst Wessel“ wurde die Stadt offiziell Garnisonsstandort der Luftwaffe. Die Uniformen der jungen Piloten und Soldaten prägten fortan das Stadtbild.
Erste Einsätze noch vor der offiziellen Inbetriebnahme
Bereits Wochen vor der offiziellen Einweihung wurden die ersten Maschinen des Geschwaders eingesetzt. Zu den ersten Flugzeugen gehörten die Jagdflugzeuge Arado Ar 65 und Arado Ar 68, die mit Maschinengewehren bewaffnet waren. Die Ausbildung umfasste neben Flugtraining auch umfangreiche Schießübungen auf eigens errichteten Schießständen außerhalb des Flugplatzgeländes.
Reparaturzentrum und Radarstandort im Krieg
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs gewann der Fliegerhorst zunehmend an Bedeutung für die Luftwaffe. In den Werkstätten wurden nicht nur eigene Maschinen gewartet, sondern zunehmend auch beschädigte Flugzeuge anderer Verbände repariert. Besondere Bedeutung erhielt der Standort durch die Ausrüstung von Nachtjägern mit dem damals hochmodernen „Lichtenstein“-Radar, das den deutschen Nachtjägern bei der Abwehr alliierter Bomberverbände helfen sollte.
Täuschungsanlagen sollen alliierte Bomber verwirren
Um den Flugplatz vor Luftangriffen zu schützen, errichtete die Luftwaffe in der Umgebung aufwendige Attrappenanlagen. Holzflugzeuge, künstliche Hallen und simulierte Industrieanlagen sollten alliierte Bomber täuschen und von den tatsächlichen militärischen Einrichtungen ablenken. Teilweise wurden sogar künstliche Schweißarbeiten und Feuer simuliert, um den Eindruck aktiver Produktionsstätten zu erzeugen.
Wichtiger Luftwaffenstandort in Westfalen
Mit Beginn des Krieges übernahm das Flughafen-Bereichskommando Werl eine zentrale Rolle bei der Organisation mehrerer Militärflugplätze in Westfalen. Dem Kommando unterstanden unter anderem die Standorte Dortmund, Paderborn, Gütersloh, Detmold und Lippstadt. Große Flugtage dienten gleichzeitig der Propaganda und der Werbung für die Luftwaffe in der Bevölkerung.
Plünderungen nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches
Als die Luftwaffe den Fliegerhorst Mitte April 1945 aufgab, verbreitete sich die Nachricht schnell in der Bevölkerung. Zahlreiche Einwohner strömten auf das Gelände und räumten die verbliebenen Lagerbestände aus. Lebensmittel, Haushaltswaren, Decken, Fallschirmseide und zahlreiche weitere Gegenstände verschwanden innerhalb weniger Stunden aus den Vorratslagern und Gebäuden.
NATO-Standort im Kalten Krieg
Nach Kriegsende übernahmen zunächst amerikanische und später belgische Streitkräfte den ehemaligen Fliegerhorst. Unter der Bezeichnung „Airfield B.157“ wurde das Gelände in die Infrastruktur der NATO integriert. Die belgischen Streitkräfte stationierten Logistik- und Instandsetzungseinheiten in Werl, während die US-Armee ein Nuklearwaffenlager, Raketenstellungen und Kommunikationseinrichtungen aufbaute. Damit blieb Werl auch während des Kalten Krieges ein militärisch bedeutender Standort.
Das Ende der Militärära
Erst 1994 verließen die letzten amerikanischen und belgischen Soldaten das Gelände endgültig. Damit endete nach fast 60 Jahren die militärische Nutzung des ehemaligen Fliegerhorstes. In den folgenden Jahren begann die Umwandlung des Areals in ein modernes Gewerbegebiet.
Heute erinnert nur noch wenig an die militärische Vergangenheit des Geländes. Auf dem ehemaligen Fliegerhorst entstand mit dem Kompetenz- und Gewerbezentrum KonWerl ein moderner Wirtschaftsstandort. Dennoch sind an verschiedenen Stellen noch Spuren der Geschichte sichtbar – von ehemaligen Kasernengebäuden bis zu Relikten der militärischen Infrastruktur.
Ein Ort deutscher Militärgeschichte
Der Fliegerhorst Werl steht beispielhaft für die militärische Entwicklung Deutschlands im 20. Jahrhundert. Vom Prestigeprojekt der nationalsozialistischen Aufrüstung über den Zweiten Weltkrieg bis hin zur Nutzung durch NATO-Streitkräfte und die zivile Nachnutzung spiegelt das Gelände zahlreiche Kapitel deutscher Zeitgeschichte wider.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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