Flugplatz Köthen

Wo heute Solarmodule Strom erzeugen und Sportflieger starten, gehörte einst einer der bedeutendsten Militärflugplätze der Sowjetunion in Ostdeutschland zum Alltag. Der Flugplatz Köthen in Sachsen-Anhalt war über Jahrzehnte ein strategischer Standort des Warschauer Paktes und Ausgangspunkt zahlreicher Überwachungs- und Abfangflüge entlang der NATO-Grenze. Die Geschichte des Areals reicht jedoch deutlich weiter zurück – bis in die Anfänge der deutschen Luftfahrt der 1920er Jahre.

Köthen setzt früh auf die Luftfahrt

Bereits 1923 legte die Flugwissenschaftliche Arbeitsgruppe Cöthen den Grundstein für die spätere Luftfahrttradition der Stadt. Fünf Jahre später beschloss der Stadtrat den Bau eines eigenen Flugplatzes südlich des Stadtgebiets. Die aufstrebende Luftfahrt galt damals als Symbol des technischen Fortschritts und sollte Köthen wirtschaftlich und infrastrukturell stärken.

Die Nationalsozialisten machen Köthen zur Garnisonsstadt

Mit der Aufrüstung des Deutschen Reiches veränderte sich die Rolle des Flugplatzes grundlegend. 1937 bezog das Luftnachrichten-, Lehr- und Versuchsregiment das Gelände. Der Flugplatz wurde fortan ausschließlich militärisch genutzt. Parallel entstanden umfangreiche Kasernenanlagen für die Luftwaffe, wodurch Köthen offiziell zur Garnisonsstadt wurde. Die militärische Bedeutung des Standortes nahm in den folgenden Jahren kontinuierlich zu.

Geheime Techniktests und Aufklärungsflüge im Zweiten Weltkrieg

Bereits kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Flugplatz in militärische Operationen eingebunden. Zwischen November und Dezember 1939 war die Kampfgruppe 100 mit ihren Heinkel-He-111-Bombern in Köthen stationiert. Von hier aus starteten Aufklärungsflüge über die Nordsee bis hin zu den Orkney-Inseln und entlang der norwegischen Küste. Gleichzeitig testete die Einheit das damals hochmoderne Funknavigationssystem „X-Verfahren“, das später bei Luftangriffen der deutschen Luftwaffe eingesetzt wurde.

Amerikanische Bomber und das Ende des Krieges

Im Sommer 1944 erreichte der Luftkrieg auch die Region um Köthen. Nahe des heutigen Ortsteils Gnetsch stürzte eine amerikanische B-17 Flying Fortress ab. Kurz vor Kriegsende wurde der Flugplatz selbst Ziel alliierter Angriffe. Am 14. April 1945 griffen amerikanische Jagdbomber die militärischen Anlagen an, ehe wenige Tage später Einheiten der 3. US-Panzerdivision das Gelände einnahmen.

Die Sowjetunion macht Köthen zum MiG-Stützpunkt

Mit dem Abzug der amerikanischen Truppen begann im Sommer 1945 ein neues Kapitel der Flugplatzgeschichte. Die Sowjetarmee übernahm den Standort und baute ihn zu einem wichtigen Luftwaffenstützpunkt des Ostblocks aus. Ab 1951 wurde das 73. sowjetische Garde-Jagdfliegerregiment dauerhaft in Köthen stationiert. Über die Jahrzehnte kamen nahezu alle wichtigen sowjetischen Jagdflugzeugtypen zum Einsatz: von der MiG-15 und MiG-17 über die legendäre MiG-21 bis zur MiG-23 und schließlich zur modernen MiG-29.

Wächter des Eisernen Vorhangs

Während des Kalten Krieges gehörte Köthen zu den zentralen Überwachungsstützpunkten des Warschauer Paktes. Von hier aus kontrollierten sowjetische Piloten die westliche Außengrenze des Bündnisses und flogen regelmäßig Patrouillen zwischen der Ostsee und Ungarn. Der Flugbetrieb prägte über Jahrzehnte den Alltag der Region. Die Anwohner wussten genau, wann die Maschinen abhoben: Dienstage, Donnerstage und Sonnabende galten als feste Flugtage.

Kampfhubschrauber und Fallschirmspringer auf dem Flugplatz

Ab den 1980er Jahren erhielt der Standort zusätzliche Bedeutung durch die Stationierung von Transporthubschraubern des Typs Mil Mi-8 sowie Kampfhubschraubern Mil Mi-24. Regelmäßige Fallschirmsprungübungen und Manöver mit anderen Einheiten machten Köthen zu einem der aktivsten sowjetischen Flugplätze in der DDR.

Der rätselhafte Angriff auf eine Air-France-Maschine

Für internationale Schlagzeilen sorgte ein Vorfall im April 1952. Eine Passagiermaschine der Air France hatte auf ihrem Flug von Frankfurt nach Berlin den vorgesehenen Luftkorridor verlassen und wurde daraufhin von sowjetischen MiG-15-Jagdflugzeugen abgefangen. Nahe Könnern eröffneten die Jets das Feuer auf die Maschine. Die schwer beschädigte DC-4 konnte dennoch in Berlin-Tempelhof notlanden. Zwei Menschen wurden verletzt. Bis heute gilt als wahrscheinlich, dass die beteiligten Maschinen vom in Köthen stationierten 73. Garde-Jagdfliegerregiment stammten. Offiziell bestätigt wurde dies allerdings nie.

Das Ende der sowjetischen Luftmacht in Köthen

Mit dem Zerfall der Sowjetunion endete auch die militärische Nutzung des Flugplatzes. Im Mai 1991 stellte die sowjetische Luftwaffe den Flugbetrieb ein. Der Abzug der Truppen erfolgte unter anderem mit riesigen Transportflugzeugen vom Typ Antonow An-124 und wurde im August desselben Jahres abgeschlossen. Damit endete nach mehr als vier Jahrzehnten die Ära des sowjetischen Militärflugplatzes in Köthen.

Startbahn verschwindet, Solarpark entsteht

Nach dem Abzug der Streitkräfte verfiel ein großer Teil der Infrastruktur. Die ehemalige Hauptstartbahn wurde aufgrund ihres schlechten Zustands vollständig zurückgebaut. Auf weiten Teilen des Geländes entstand stattdessen eines der größten Photovoltaik-Projekte Deutschlands. Bereits 2008 wurde auf rund 55 Hektar Fläche ein Solarpark mit einer Leistung von 15 Megawatt errichtet, der jährlich Strom für mehrere tausend Haushalte produziert. Die verbliebenen Flächen dienen heute der allgemeinen Luftfahrt und dem Flugsport.

Flugsportverein kämpft um seine Zukunft

Doch auch die zivile Nutzung steht inzwischen vor Herausforderungen. Nachdem der Betreiber Wimex den Nutzungsvertrag für das Gelände zum September 2025 kündigte, steht der Flugsportverein Köthen vor einer ungewissen Zukunft. Der Verein prüft derzeit sowohl die Suche nach einem neuen Standort als auch eine mögliche Auflösung. Die Stadtverwaltung bemüht sich nach eigenen Angaben um Lösungen für den Fortbestand des Flugbetriebs.

Lufthansa hält die Erinnerung an Köthen lebendig

Ganz verschwunden ist die Luftfahrttradition der Stadt dennoch nicht. Bereits seit den frühen 1990er Jahren tragen Flugzeuge der Lufthansa den Namen „Köthen/Anhalt“. Aktuell erinnert ein Airbus A320 der Fluggesellschaft an die lange und bewegte Geschichte des einstigen Militärflugplatzes.

Vom Frontflugplatz zur Energiewende

Die Entwicklung des Flugplatzes Köthen spiegelt die politischen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts wider. Vom ambitionierten Flugplatzprojekt der Weimarer Republik über die militärische Nutzung im Zweiten Weltkrieg und die strategische Bedeutung im Kalten Krieg bis hin zur Nutzung als Solarpark steht das Gelände exemplarisch für den Wandel vieler ehemaliger Militärstandorte in Ostdeutschland.

Hinweis

Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.

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