Flugplatz Sperenberg

Mitten in den Wäldern Brandenburgs entstand während des Kalten Krieges einer der wichtigsten Militärflugplätze der sowjetischen Streitkräfte außerhalb der Sowjetunion. Der Flugplatz Sperenberg war über Jahrzehnte Drehkreuz für Truppentransporte, Versorgungseinsätze und Verbindungsflüge zwischen Deutschland und Moskau. Hier starteten und landeten gewaltige Transportmaschinen wie die Iljuschin Il-76, die Antonow An-22 oder die legendäre Antonow An-124.

Nach dem Ende des Kalten Krieges rückte der einst streng abgeschirmte Militärstandort plötzlich erneut in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Sperenberg galt lange als Favorit für den neuen Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg. Doch die Politik entschied anders.

Militärgeschichte beginnt lange vor dem Flugplatz

Entgegen weit verbreiteter Annahmen entstand auf dem Gelände nicht bereits während der Wehrmachtszeit ein Flugplatz. Die Geschichte des Areals reicht wesentlich weiter zurück. Bereits seit dem Jahr 1870 wurde das Gebiet als Teil der Heeresversuchsanstalt Kummersdorf militärisch genutzt. Hier testete das deutsche Militär neue Waffen, Fahrzeuge und technische Entwicklungen. Eisenbahnpioniere errichteten Ausbildungsanlagen, Brücken und Gleissysteme, deren Überreste noch heute auf dem Gelände zu finden sind. Während des Zweiten Weltkriegs befand sich auf dem Areal zeitweise sogar die Raketenforschung unter Leitung des späteren Raumfahrtpioniers Wernher von Braun, bevor die Arbeiten nach Peenemünde verlagert wurden.

Die Sowjetunion baut ihren wichtigsten Militärflughafen in Brandenburg

Erst Ende der 1950er Jahre begann die eigentliche Geschichte des Flugplatzes Sperenberg. Die sowjetischen Streitkräfte suchten damals nach einem ausschließlich militärisch genutzten Flughafen, um den zivilen Luftverkehr in Berlin-Schönefeld zu entlasten. Nach jahrelangen Diskussionen zwischen der DDR und der Sowjetunion über die Finanzierung fiel die Entscheidung schließlich zugunsten von Sperenberg. Ab 1958 entstand mitten im Wald einer der modernsten Militärflugplätze des Warschauer Paktes.

Eine sowjetische Stadt mitten in Brandenburg

Der Flugplatz entwickelte sich schnell weit über seine eigentliche militärische Funktion hinaus. Rund um die Startbahn entstand eine vollständig eigenständige sowjetische Stadt mit Schulen, Kindergärten, Geschäften, Krankenhäusern, einer Großbäckerei, Kino und umfangreichen Versorgungseinrichtungen. Sogar eine direkte Bahnverbindung nach Potsdam und Moskau gehörte zum Alltag der Bewohner. Zu Spitzenzeiten lebten und arbeiteten mehr als 5.000 Soldaten und Zivilisten auf dem streng abgeschirmten Gelände. Für viele Angehörige der sowjetischen Streitkräfte war Sperenberg über Jahrzehnte ein Stück Heimat in der DDR.

Das Luftdrehkreuz der Westgruppe der Streitkräfte

Die Bedeutung des Flugplatzes für die sowjetischen Streitkräfte war enorm. Sämtliche dort stationierten Fliegereinheiten unterstanden direkt der 16. Luftarmee sowie dem Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf. Hauptnutzer war das 226. Selbstständige Gemischte Fliegerregiment mit Transportflugzeugen der Typen Antonow An-12, An-24 und An-26 sowie Hubschraubern vom Typ Mil Mi-8. Hinzu kamen Aufklärungseinheiten mit Iljuschin Il-20 und Il-22 sowie schwere Transporthubschrauber und Kampfhubschrauber verschiedener Baureihen.

Tägliche Flüge nach Moskau

Sperenberg galt innerhalb der sowjetischen Streitkräfte als „Tor zur Heimat“. Täglich starteten sogenannte Post- und Kurierflüge zwischen Brandenburg und verschiedenen Militärflugplätzen rund um Moskau. Zum Einsatz kamen unter anderem Tupolew Tu-154, Iljuschin Il-62 sowie kleinere Verbindungsflugzeuge und Hubschrauber. Die Flugbewegungen gehörten zum Alltag des Standortes und machten Sperenberg zu einem der verkehrsreichsten sowjetischen Militärflugplätze in Europa.

Das Herzstück des Truppenabzuges nach dem Kalten Krieg

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann Anfang der 1990er Jahre der größte militärische Rückzug Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sperenberg wurde dabei zum zentralen Lufttransportknoten der Westgruppe der Streitkräfte. In den letzten Monaten des Abzuges war der Flugplatz der einzige verbliebene Lufttransportstandort der russischen Armee in Ostdeutschland. Gigantische Transportflugzeuge wie die Antonow An-124 „Ruslan“, die Antonow An-22 oder die Iljuschin Il-76 transportierten Soldaten, Fahrzeuge und Material zurück nach Russland. Im September 1994 starteten die letzten Maschinen. Damit endete die militärische Geschichte des Flugplatzes nach fast vier Jahrzehnten.

Der Flughafen, der beinahe BER geworden wäre

Kaum war die sowjetische Armee abgezogen, begann die Diskussion über die Zukunft des riesigen Geländes. Schnell rückte Sperenberg als möglicher Standort für den neuen Hauptstadtflughafen in den Fokus. Experten sahen zahlreiche Vorteile: Die abgeschiedene Waldlage hätte deutlich weniger Fluglärm verursacht als in Schönefeld. Zudem standen große Flächen für Erweiterungen zur Verfügung und die vorhandene Infrastruktur hätte den Ausbau erleichtert. Umfangreiche Gutachten und Umweltprüfungen bescheinigten Sperenberg sogar die besten Voraussetzungen aller untersuchten Standorte.

Politik entscheidet sich gegen Sperenberg

Trotz der positiven Bewertungen fiel die politische Entscheidung zugunsten von Schönefeld aus. Als Hauptargument galt die größere Nähe zum Berliner Stadtzentrum. Kritiker warnten dagegen früh vor Kapazitätsproblemen und den begrenzten Erweiterungsmöglichkeiten des späteren BER. Nach den jahrelangen Verzögerungen und Kostenexplosionen beim Bau des Hauptstadtflughafens wurde Sperenberg immer wieder als mögliche Alternative oder Ergänzung ins Gespräch gebracht. Bis heute gilt die Entscheidung gegen den Standort unter vielen Experten als eine der umstrittensten Infrastrukturentscheidungen der Nachwendezeit.

Milliardenprojekt ohne Zukunft

Nach dem Scheitern der Flughafenpläne blieb das Gelände weitgehend ungenutzt. Zahlreiche Gebäude verfielen, technische Anlagen wurden zurückgebaut oder geplündert. Seit 2009 gehört das rund 24 Quadratkilometer große Areal dem Land Brandenburg. Die Umwandlung in eine zivile Nutzung erwies sich jedoch als teuer und kompliziert. Allein die Beseitigung von Altlasten, Rückbauarbeiten und die Erschließungskosten verschlingen mehrere Dutzend Millionen Euro.

Testgelände statt Flugverkehr

Heute wird die ehemalige Start- und Landebahn nur noch für technische Versuche genutzt. Hochschulen testen dort neue Fahrbahnbeläge und Schallschutzsysteme. Ein Teil der Rollwege dient TÜV und Dekra als Versuchsstrecke für Fahrzeug- und Crashtests. Von den einst täglichen Flügen nach Moskau und den gewaltigen Transportmaschinen ist heute kaum noch etwas geblieben.

Ein Lost Place mit deutscher Zeitgeschichte

Verlassene Kasernen, überwucherte Rollwege und leerstehende Gebäude prägen inzwischen das Bild des ehemaligen Militärstandortes. Dennoch gehört Sperenberg bis heute zu den faszinierendsten Relikten des Kalten Krieges in Deutschland. Kaum ein anderer Ort verbindet die Geschichte der deutschen Raketenforschung, die militärische Präsenz der Sowjetunion und die Diskussion um den Hauptstadtflughafen so eindrucksvoll miteinander.

Der Flugplatz Sperenberg bleibt damit ein Symbol für verpasste Chancen, geopolitische Umbrüche und die schwierige Nachnutzung ehemaliger Militärstandorte.

Hinweis

Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.

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