Der Flugplatz Rangsdorf südlich von Berlin gehört zu den geschichtsträchtigsten Luftfahrtstandorten Deutschlands. Was in den 1930er Jahren als prestigeträchtiger Reichssportflughafen für die Olympischen Spiele begann, entwickelte sich im Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen Luftwaffenstandort und blieb anschließend fast fünf Jahrzehnte lang eine militärische Einrichtung der Sowjetarmee. Heute steht ein Großteil der historischen Gebäude unter Denkmalschutz. Auf dem Gelände soll in den kommenden Jahren ein neuer Stadtteil mit Wohnungen, Schulen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen entstehen.
Vorzeige-Flughafen vor den Toren Berlins
Die Geschichte des Flugplatzes beginnt 1935, als das Reichsluftfahrtministerium südlich von Berlin große Flächen in Rangsdorf enteignen ließ. Ziel war die Errichtung eines modernen Wasser- und Landflughafens für die Flugsportveranstaltungen der Olympischen Sommerspiele 1936. Die Lage unmittelbar am Rangsdorfer See und an der Bahnstrecke Berlin–Dresden machte den Standort ideal. Innerhalb weniger Monate entstand einer der modernsten Sportflughäfen des Deutschen Reiches.

Bücker macht Rangsdorf zum Zentrum des deutschen Sportflugzeugbaus
Parallel zum Bau des Flughafens verlegte die Bücker Flugzeugbau ihre Produktion und Verwaltung von Berlin-Johannisthal nach Rangsdorf. Das Unternehmen gehörte zu den führenden Herstellern von Schul- und Sportflugzeugen im Deutschen Reich. Für die Fabrikgebäude und Hallen zeichneten namhafte Architekten verantwortlich, die zugleich bedeutende Industrie- und Infrastrukturprojekte des NS-Staates planten. Rangsdorf entwickelte sich damit innerhalb kürzester Zeit zu einem wichtigen Zentrum der deutschen Luftfahrtindustrie.

Flugpioniere und Prominente starten in Rangsdorf
Bereits kurz nach der Eröffnung zog der Reichssportflughafen zahlreiche bekannte Persönlichkeiten an. Flugpionierin Elly Beinhorn startete ebenso von Rangsdorf wie Rennfahrer Bernd Rosemeyer. Auch Schauspieler Heinz Rühmann nutzte den Flugplatz für seine privaten Flüge. Die spätere Unternehmerin Beate Uhse absolvierte hier ihre Ausbildung und arbeitete anschließend als Ein- und Überführungsfliegerin für die Bücker-Werke. Der Flughafen wurde in dieser Zeit zu einem Symbol der aufstrebenden deutschen Sportfliegerei.

Vom Sportflugplatz zur Luftwaffenbasis
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Nutzung des Geländes grundlegend. Der zivile Flugbetrieb trat in den Hintergrund, Rangsdorf wurde zum Fliegerhorst der Luftwaffe ausgebaut. Die Bücker-Werke produzierten nun Flugzeugteile für die deutsche Rüstungsindustrie. Neue Montagehallen und zusätzliche Werkstätten entstanden auf dem Gelände, darunter auch Anlagen für geheime militärische Entwicklungsprojekte. Im Winter 1939/40 übernahm Rangsdorf zeitweise sogar die Funktion des Berliner Flughafens Tempelhof.

Der Flug des Claus Schenk Graf von Stauffenberg
Einen festen Platz in der deutschen Geschichte erhielt Rangsdorf am 20. Juli 1944. Von hier aus startete Claus Schenk Graf von Stauffenberg gemeinsam mit seinem Adjutanten Werner von Haeften zum Führerhauptquartier „Wolfsschanze“. Dort verübte Stauffenberg wenige Stunden später das Attentat auf Adolf Hitler. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch kehrte er am Nachmittag wieder nach Rangsdorf zurück. Ein Gedenkstein erinnert heute an dieses historische Ereignis, das den Flugplatz weit über die Luftfahrtgeschichte hinaus bekannt machte.

Die Rote Armee übernimmt den Flugplatz
Im April 1945 besetzte die Rote Armee das Gelände kampflos. Große Teile der technischen Einrichtungen sowie mehrere Hallen wurden demontiert und in die Sowjetunion transportiert. Dennoch blieb der Flugplatz weiterhin militärisch genutzt. Über fast fünf Jahrzehnte gehörte Rangsdorf zur Infrastruktur der sowjetischen Luftstreitkräfte in Deutschland. Zunächst dienten die Anlagen verschiedenen Jagdfliegereinheiten, später entwickelte sich Rangsdorf zu einem wichtigen Zentrum für die Wartung und Instandsetzung von Flugzeugtriebwerken und Militärhubschraubern.
Jahrzehnte sowjetischer Militärgeschichte
Mit der Einrichtung von Reparatur- und Instandsetzungswerken entstand in Rangsdorf eine der bedeutendsten technischen Einrichtungen der sowjetischen Luftstreitkräfte in der DDR. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden zwischen 1990 und 1993 zahlreiche ausgemusterte Flugzeuge und Hubschrauber direkt auf dem Gelände verschrottet, weil eine Rückführung in die Sowjetunion nicht mehr wirtschaftlich war. Erst 1994 verließen die letzten sowjetischen Soldaten den Standort endgültig.

Historische Hallen verfallen jahrzehntelang
Nach dem Abzug der Truppen blieb die Zukunft des Flugplatzes lange ungewiss. Viele Gebäude waren bereits während der sowjetischen Nutzung nur notdürftig instand gehalten worden. Leerstand, Vandalismus und Witterungsschäden führten dazu, dass Dächer einstürzten und wertvolle historische Substanz verloren ging. Gleichzeitig erkannten Denkmalschützer die außergewöhnliche historische Bedeutung der Anlage. Große Teile des Flugplatzes und der Bücker-Werke wurden deshalb unter Schutz gestellt.
Ein einzigartiges Luftfahrtdenkmal entsteht
Die Kombination aus Wasser- und Landflughafen, Flugschule, Industrieanlagen und Werksiedlung gilt heute als einzigartiges Zeugnis der deutschen Luftfahrtgeschichte. Insbesondere die großen Flugzeughallen mit ihren filigranen Stahl- und Betonkonstruktionen zählen zu den bedeutendsten erhaltenen Industrieanlagen der NS-Zeit. Auch die Werkswohnhäuser und die Gebäude des ehemaligen Aero-Clubs vermitteln noch heute einen Eindruck von der ursprünglichen Gestaltung des Geländes.

Aus dem Flugplatz soll ein neuer Stadtteil werden
Seit einigen Jahren laufen umfangreiche Planungen für die Umgestaltung des ehemaligen Flugplatzes. Unter dem Projektnamen „BUC-36“ soll auf dem Areal ein neuer Stadtteil entstehen. Vorgesehen sind Wohnungen, Schulen, Sportanlagen, Gastronomie sowie kulturelle Einrichtungen. Die historischen Hallen sollen erhalten und in die neue Nutzung integriert werden. Das weitläufige Flugfeld selbst soll künftig als öffentliche Grünfläche und Parkanlage dienen.

Die Luftfahrtgeschichte bleibt sichtbar
Trotz Jahrzehnten des Verfalls sind zahlreiche Zeugnisse der Vergangenheit erhalten geblieben. Dazu gehören die historischen Hallen der Bücker-Werke, ehemalige Verwaltungsgebäude, Werkssiedlungen sowie die frühere Reichssportfliegerschule am Rangsdorfer See. Damit bleibt Rangsdorf eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, wie sich Luftfahrtgeschichte, Industriearchitektur und moderne Stadtentwicklung miteinander verbinden lassen.
Ein Ort zwischen Vergangenheit und Zukunft
Der Flugplatz Rangsdorf spiegelt wie kaum ein anderer Ort die wechselvolle Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert wider. Von den Olympischen Spielen über die Luftfahrtindustrie des Dritten Reiches, die Jahrzehnte sowjetischer Militärpräsenz bis hin zur heutigen Konversion erzählt das Gelände von Aufbruch, Krieg, Teilung und Neubeginn. Mit der geplanten Umwandlung in einen neuen Stadtteil könnte der historische Flugplatz schon bald ein weiteres Kapitel seiner außergewöhnlichen Geschichte schreiben.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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