Wo heute Solarmodule Strom erzeugen und verlassene Hangars an vergangene Zeiten erinnern, befand sich einst einer der bedeutendsten Militärflugplätze Mitteldeutschlands. Der Flugplatz Brandis bei Leipzig spielte sowohl im Zweiten Weltkrieg als auch während des Kalten Krieges eine strategische Rolle und war über Jahrzehnte Heimat deutscher und später sowjetischer Luftstreitkräfte. Die Geschichte des Areals reicht von geheimen Flugzeugerprobungen über Kampfhubschrauber und Schlachtflugzeuge bis hin zum heutigen Solarpark Waldpolenz.
Bau des Flugplatzes für die Luftwaffe
Mit dem Beginn der deutschen Aufrüstung entstand in den Jahren 1934 und 1935 südlich von Brandis ein moderner Militärflugplatz der Luftwaffe. Herzstück der Anlage war eine für damalige Verhältnisse außergewöhnlich große Start- und Landebahn mit einer Länge von 1.800 Metern und einer Breite von 80 Metern. Der Flugplatz wurde ursprünglich für die Blindflugschule 1 errichtet und sollte Piloten für den Einsatz bei schlechten Sichtverhältnissen ausbilden. Gleichzeitig entwickelte sich der Standort schnell zu einem wichtigen Test- und Erprobungszentrum der deutschen Luftfahrtindustrie.

Junkers nutzt Brandis als Erprobungsstandort
Besondere Bedeutung erlangte der Flugplatz durch seine enge Verbindung zu den Junkers-Werken in Dessau. Brandis wurde regelmäßig für Flugerprobungen und technische Tests genutzt. Zu den ungewöhnlichsten Projekten gehörte das Experimentalflugzeug Sack AS-6 – ein kreisrundes Flugzeug, das bis heute zu den kuriosesten Konstruktionen der deutschen Luftfahrtgeschichte zählt. Auch der Bau weiterer Infrastruktur war geplant. Neben einer zweiten Start- und Landebahn sollte eine Endmontagehalle für den Raketenjäger Messerschmitt Me 163 entstehen. Die Kriegsentwicklung verhinderte jedoch die Fertigstellung dieser Projekte.
Heinkel-Bomber und zunehmende Luftangriffe
Während des Zweiten Weltkriegs gewann der Flugplatz weiter an militärischer Bedeutung. Zwischen Ende 1943 und Frühjahr 1944 wurde hier die II. Gruppe des Kampfgeschwaders 1 auf den schweren Bomber Heinkel He 177 umgerüstet. Mit der zunehmenden Intensität des Luftkriegs geriet auch Brandis ins Visier der Alliierten. In den Jahren 1944 und 1945 bombardierten amerikanische Verbände der US Army Air Forces mehrfach die militärischen Anlagen. Kurz vor Kriegsende beschädigten deutsche Einheiten Teile der Infrastruktur zusätzlich selbst, um sie nicht unversehrt in die Hände der vorrückenden Alliierten fallen zu lassen.

Amerikaner und Sowjets übernehmen den Flugplatz
Am 17. April 1945 besetzten amerikanische Streitkräfte den Flugplatz. Bereits wenige Monate später übernahm jedoch die Rote Armee im Zuge der Neuordnung der Besatzungszonen das Gelände. Die sowjetischen Streitkräfte begannen unmittelbar mit dem Wiederaufbau beschädigter Anlagen und machten Brandis erneut zu einem bedeutenden Militärstandort.
MiG-Jäger und Hubschrauber prägen die Nachkriegszeit
Bereits 1954 wurden die ersten sowjetischen Strahljäger vom Typ MiG-15 in Brandis stationiert. In den folgenden Jahren entwickelte sich der Flugplatz jedoch zunehmend zu einem Zentrum für Hubschrauber- und Schlachtfliegereinheiten. In den 1960er Jahren bezog das 239. selbstständige Garde-Hubschrauberregiment den Standort. Zum Einsatz kamen unter anderem die Hubschraubertypen Mi-4, Mi-6, Mi-8 und der schwere Transporthubschrauber Mi-10. Parallel wurde die Infrastruktur des Flugplatzes kontinuierlich modernisiert. Die Startbahn wurde verlängert, Rollwege erweitert und neue Vorstartbereiche angelegt.

Kampfhubschrauber sichern die NATO-Grenze
Ab Ende der 1970er Jahre übernahmen zunehmend Kampfhubschrauber die Aufgaben auf dem Flugplatz. Das 225. selbstständige Kampfhubschrauberregiment stationierte Mi-8-Transporthubschrauber sowie die gefürchteten Kampfhubschrauber Mil Mi-24 in Brandis. Mitten im Kalten Krieg gehörte der Flugplatz damit zu den wichtigsten militärischen Einrichtungen der sowjetischen Streitkräfte in der DDR.
Su-25-Schlachtflugzeuge als letzte sowjetische Einheit
Mitte der 1980er Jahre erfolgte die Stationierung des 357. selbstständigen Schlachtfliegerregiments mit Erdkampfflugzeugen vom Typ Suchoi Su-25. Für die neuen Maschinen wurden zusätzliche Splitterschutzbauten und moderne Abstellflächen errichtet. Wenige Jahre später folgte mit dem 485. selbstständigen Hubschrauberregiment eine weitere bedeutende Einheit. Brandis erreichte damit kurz vor dem Ende des Kalten Krieges seine größte militärische Bedeutung.
Der Abzug der Sowjetarmee beendet eine Ära
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann Anfang der 1990er Jahre der Rückzug der Truppen aus Ostdeutschland. Die letzten Einsätze sowjetischer Flugzeuge fanden im Frühjahr 1992 statt. Im April starteten die letzten Suchoi Su-25, im Mai folgten die letzten Mi-8- und Mi-24-Hubschrauber. Wenige Monate später transportierten Antonow An-12 und Iljuschin Il-76 die verbliebene Ausrüstung ab. Danach wurde das Gelände offiziell an deutsche Behörden übergeben.

Kurzes Comeback als ziviler Flugplatz
Nach dem Ende der militärischen Nutzung versuchte man, dem Standort eine neue Zukunft zu geben. Ab Mitte der 1990er Jahre wurde der Flugplatz privat betrieben und für den Sichtflugverkehr geöffnet. Flugschulen siedelten sich an, Rundfluganbieter nutzten die Infrastruktur und das Leipziger Luftfahrtunternehmen LipsAir betrieb von hier aus Hubschrauberflüge und Lufttaxi-Dienste. Doch die wirtschaftlichen Erwartungen erfüllten sich nicht. Im Oktober 2005 wurde der Flugbetrieb endgültig eingestellt.
Solarpark ersetzt Kampfjets
Anstelle von Kampfjets und Militärhubschraubern prägen heute Solarmodule das Bild des ehemaligen Flugplatzes. Zwischen 2007 und 2011 entstand auf dem Gelände mit dem Solarpark Waldpolenz eines der größten Photovoltaik-Projekte Deutschlands. Ergänzt wurde die Energieerzeugung später durch eine Biogasanlage, die 2013 ihren Betrieb aufnahm. Der einstige Militärstandort entwickelte sich damit zu einem Symbol für den Strukturwandel ehemaliger Militärflächen.

Verlassene Hangars erzählen die Geschichte des Flugplatzes
Trotz der neuen Nutzung sind zahlreiche Relikte der militärischen Vergangenheit erhalten geblieben. Noch heute stehen mehrere Hangars, der ehemalige Tower, Kasernengebäude, Garagenkomplexe und zahlreiche Bunkeranlagen auf dem weitläufigen Gelände. Viele Gebäude verfallen zunehmend, einige sind nur schwer zugänglich oder liegen versteckt im Gelände. Besonders die unterirdischen Anlagen und Bunker sorgen bis heute für Spekulationen über ihre frühere Nutzung. Damit bleibt der Flugplatz Brandis nicht nur ein Kapitel der deutschen Luftfahrtgeschichte, sondern auch ein faszinierender Ort für Geschichtsinteressierte und Technikliebhaber.

Vom Raketenjäger zur Energiewende
Kaum ein anderer Standort in Ostdeutschland spiegelt die politischen und militärischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts so eindrucksvoll wider wie der Flugplatz Brandis. Vom Luftwaffenstützpunkt der Wehrmacht über einen sowjetischen Militärflugplatz bis hin zu einem Zentrum erneuerbarer Energien hat das Gelände zahlreiche Epochen deutscher Geschichte erlebt.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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