Kassel. Historische Gebäude, alte Arbeitswelten und unscheinbare Gegenstände können Geschichten erzählen, die weit über ihre eigentliche Funktion hinausreichen. Genau diesen Spuren geht der Trendelburger Fotograf Diethart Rindermann in seiner Ausstellung „Vergangenes neu entdecken – Räume und Stillleben“ nach. Vom 2. Juli bis 25. September 2026 sind seine Fotografien im Foyer des Kreishauses Kassel zu sehen. Im Mittelpunkt stehen historische Räume und Gegenstände, die auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen, bei genauer Betrachtung jedoch Erinnerungen an vergangene Zeiten wecken.
Alte Gegenstände werden zu Zeitzeugen
Eine alte Metallkanne, Antriebsriemen aus einer früheren Ziegelei oder vergessene Bierflaschen in einem Waschbecken: Rindermann richtet seine Kamera bewusst auf Details, die im Alltag leicht übersehen werden. Die Motive funktionieren dabei wie fotografische Zeitkapseln. Sie verweisen auf frühere Nutzungen und lassen erahnen, welche Menschen einst mit den Gegenständen gearbeitet oder die Räume genutzt haben. Damit geht es in der Ausstellung weniger um spektakuläre Architektur als um die kleinen Spuren der Vergangenheit.
Keine Lost Places – sondern Orte mit neuer Zukunft
Bemerkenswert ist die Abgrenzung zur klassischen Lost-Place-Fotografie. Die von Rindermann ausgewählten Schauplätze sind ausdrücklich keine verlassenen Orte. Fotografiert wurden historische Anlagen, die heute wieder genutzt werden oder eine neue Funktion erhalten haben. Dazu zählen die Eisenhütte Veckerhagen, die Alte Ziegelei Oberkaufungen und die Landgräfliche Alte Mühle in Trendelburg. Die Ausstellung beschäftigt sich damit nicht mit dem endgültigen Verfall, sondern mit dem Übergang von einer vergangenen Nutzung zu einer neuen Gegenwart.
Zwischen Industriekultur und Stillleben
Rindermanns Arbeiten bewegen sich zwischen Dokumentarfotografie und klassischem Stillleben. Räume und Gegenstände werden aus ihrem alltäglichen Zusammenhang herausgelöst und bekommen dadurch eine neue Wirkung. Gerade in ehemaligen Industrie- und Handwerksstätten entstehen Motive, in denen sich Material, Alter und Gebrauchsspuren miteinander verbinden. Rost, Holz, Metall oder abgenutzte Oberflächen werden zu gestalterischen Elementen. Gleichzeitig bleibt der historische Hintergrund präsent. Die Fotografien erinnern daran, dass hinter jedem Gegenstand eine konkrete Nutzungsgeschichte steht.
Die Geschichte steckt im Detail
Die Auswahl der Bilder folgte laut Rindermann keinem streng festgelegten Konzept. Ausschlaggebend waren vielmehr der ästhetische Reiz eines Motivs und die Geschichten, die sich damit verbinden. Damit lädt die Ausstellung Besucher dazu ein, genauer hinzusehen. Ein scheinbar belangloser Gegenstand kann zum Ausgangspunkt einer persönlichen oder regionalen Erinnerung werden. Die Fotografien zeigen somit nicht nur, was erhalten geblieben ist, sondern stellen auch die Frage, welche Geschichten mit solchen Dingen und Orten verbunden sind.
Historische Orte als Teil der Gegenwart
Besonders interessant ist der Ansatz deshalb, weil die fotografierten Orte nicht museal eingefroren sind. Sie haben ihre Geschichte nicht abgeschlossen, sondern sind Teil einer neuen Nutzung geworden. Die Ausstellung verbindet damit Vergangenheit und Gegenwart. Historische Bausubstanz und alte Gegenstände werden nicht lediglich als Relikte präsentiert, sondern als Bestandteile einer weiterlebenden Geschichte. Das macht „Vergangenes neu entdecken“ auch für die Diskussion um den Erhalt historischer Gebäude interessant: Denkmalpflege bedeutet nicht zwangsläufig, einen Ort unverändert zu konservieren. Eine neue Nutzung kann ebenso dazu beitragen, historische Substanz dauerhaft sichtbar zu halten.
Ausstellung im Kreishaus Kassel
Die Ausstellung ist noch bis zum 25. September 2026 im Foyer des Kreishauses Kassel zu sehen. Geöffnet ist sie montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr sowie freitags von 8 bis 12 Uhr. Die Eröffnung fand am 2. Juli statt. Landrat Andreas Siebert und Diethart Rindermann begrüßten die Besucher, musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von CBG Friends Germany.
Fotografische Spurensuche statt Verfall
„Vergangenes neu entdecken“ setzt einen bewussten Kontrapunkt zur klassischen Lost-Place-Ästhetik. Hier stehen keine zerfallenden Ruinen im Mittelpunkt, sondern Orte, die ihre Vergangenheit bewahren und gleichzeitig eine neue Rolle gefunden haben. Diethart Rindermanns Fotografien zeigen, dass Geschichte nicht immer spektakulär daherkommen muss. Manchmal reicht eine alte Kanne, ein technisches Detail oder eine vergessene Flasche, um eine längst vergangene Welt wieder sichtbar zu machen.
