Braunschweig. Lost Places müssen nicht immer fotografiert oder betreten werden. Man kann sie auch literarisch wieder zum Leben erwecken. Genau diesem Gedanken folgt eine Veranstaltung des Vereins Forum Industriekultur in Braunschweig. Am 20. Oktober 2026 steht im Rahmen des „Industriekultur Cafés“ eine Lesung aus der Anthologie „Damals, jetzt und nie“ der Schreibgruppe WOBBS auf dem Programm. Elf Autorinnen und Autoren haben sich darin mit echten und erfundenen Lost Places in Braunschweig und Umgebung beschäftigt. Ihre Geschichten führen an Orte, deren ursprüngliche Bedeutung verschwunden ist, und verbinden die sichtbaren Spuren der Vergangenheit mit persönlichen Erinnerungen, Zukunftsvisionen und frei erfundenen Szenarien.
Zwischen Erinnerung und Fiktion
Dabei geht es nicht ausschließlich um verlassene Gebäude. Die Texte nehmen auch Orte in den Blick, die ihren ursprünglichen Charakter verloren haben oder deren Zukunft bereits eine andere Geschichte erzählt. Geschlossene Supermärkte, die Braunschweiger Innenstadt und die Tiefgarage der Technischen Universität werden zu Schauplätzen literarischer Geschichten. So entsteht ein ungewöhnlicher Blick auf das Thema Lost Places. Wo Fotografen den Verfall dokumentieren, suchen die Autoren nach Geschichten, die sich hinter den Mauern, unter Straßen oder in längst verschwundenen Alltagswelten verbergen.
Unheimliche Wissenschaft und alte Verbrechen
Die Anthologie bewegt sich dabei bewusst zwischen Realität und Fantasie. Eine Geschichte macht die Tiefgarage der TU Braunschweig zum Schauplatz unheimlicher Wissenschaft. Andere Texte führen nach Wolfenbüttel und greifen alte Verbrechen auf oder beschäftigen sich mit alchemistischen Dämpfen und ungewöhnlichen Zukunftsvisionen. Damit wird aus dem klassischen Lost Place mehr als eine verlassene Kulisse. Die Orte werden zu Projektionsflächen für Erinnerungen, Ängste und Vorstellungen davon, was gewesen ist – oder vielleicht noch passieren könnte.
Industriekultur trifft Literatur
Veranstalter ist das Forum Industriekultur, das mit dem „Industriekultur Café“ regelmäßig unterschiedliche Facetten der Industrie- und Stadtgeschichte aufgreift. Die Lesung zeigt dabei eine eher ungewöhnliche Seite des Themas: Nicht historische Fakten allein stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche Geschichten vergessene Orte in unserer Vorstellung auslösen können. Gerade für Lost-Place-Interessierte dürfte dieser Perspektivwechsel spannend sein. Denn ein leerstehendes Gebäude erzählt nicht automatisch seine Geschichte. Es braucht Menschen, die Spuren lesen, Erinnerungen bewahren oder – wie in diesem Fall – aus ihnen neue Geschichten entstehen lassen.
Termin und Anmeldung
Die Lesung findet am 20. Oktober 2026 ab 18 Uhr in der „Silberquelle“, Kalenwall 4 in Braunschweig, statt und dauert etwa zwei Stunden. Die Leitung übernehmen Friedrich-Wilhelm Mengedoht und Wolfgang ten Brink. Der Eintritt ist frei, eine vorherige Anmeldung ist jedoch erforderlich. Damit wird Braunschweig für einen Abend selbst zum literarischen Lost Place: zwischen verschwundenen Orten, alten Erinnerungen und Geschichten, die vielleicht nie passiert sind – aber trotzdem genau dort spielen könnten.
