Kossa. Rund 45 Autominuten von Leipzig entfernt liegt mitten in der Dübener Heide ein Ort, der zu DDR-Zeiten möglichst unsichtbar bleiben sollte. Unter dem Wald bei Kossa entstand zwischen 1976 und 1979 eine geheime Bunkeranlage der Nationalen Volksarmee. Heute können Besucher Teile des ehemaligen Militärkomplexes erkunden – sogar auf eigene Faust. Die Anlage war als geschützte Führungsstelle für den Kriegsfall vorgesehen. Rund 24 Millionen DDR-Mark sollen in den Bau geflossen sein. Die unterirdischen Bereiche reichen bis zu acht Meter tief und waren für die militärische Führung und Kommunikation im Ernstfall ausgelegt.
Für den Kalten Krieg gebaut
Kossa war kein gewöhnlicher Militärstandort. Die Bunker gehörten zu einem umfangreichen System geschützter militärischer Infrastruktur, das im Kalten Krieg für einen möglichen großen Krieg in Europa vorbereitet wurde. In den unterirdischen Räumen sollten unter anderem Führung, Nachrichtenübermittlung und technische Abläufe auch unter extremen Bedingungen aufrechterhalten werden. Die Anlage entstand auf einem Gelände, das bereits zuvor militärisch genutzt worden war. In den 1930er-Jahren hatte die Westfälisch-Anhaltinische Sprengstoff AG dort eine Munitionsfabrik errichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die damaligen Anlagen von den sowjetischen Streitkräften gesprengt. Erst Jahrzehnte später kehrte das Militär an diesen abgeschiedenen Ort zurück.
Drei Bunker können selbst erkundet werden
Heute ist von der Geheimhaltung nichts mehr übrig. Im Gegenteil: Drei Bereiche der ehemaligen Anlage – Museums-, Rechner- und Technikbunker – können im Rahmen einer sogenannten Entdeckertour selbstständig erkundet werden. Eine Anmeldung ist dafür grundsätzlich nicht erforderlich. Wer tiefer in die Geschichte eintauchen möchte, kann zusätzlich eine rund zweistündige Führung buchen. Diese führt unter anderem durch den Nachrichten- und den Führungsbunker und vermittelt die Funktion der einst streng abgeschirmten Anlage. Führung und Entdeckertour sind dabei zwei getrennte Angebote.
Gerade diese Möglichkeit macht Kossa für Lost-Place-Interessierte ungewöhnlich. Wo andere ehemalige Militäranlagen nur von außen betrachtet werden können, lassen sich hier unterirdische Räume, technische Einrichtungen und Relikte der DDR-Militärgeschichte legal erkunden.
Zehn Grad unter der Erde
Wer sich auf den Weg unter die Erde macht, sollte sich auf ein spezielles Raumklima einstellen. In den Bunkern herrschen ganzjährig lediglich etwa 10 bis 12 Grad Celsius. Festes Schuhwerk wird empfohlen, barrierefrei ist die Anlage nicht. Fotografieren und Filmen für private Zwecke ist erlaubt. Der Kontrast zwischen der unscheinbaren Waldlandschaft über Tage und der massiven militärischen Infrastruktur darunter macht den besonderen Reiz des Ortes aus. Was heute wie ein Lost Place wirkt, war einst Bestandteil eines streng abgeschotteten Systems, dessen Existenz die Öffentlichkeit möglichst nicht kennen sollte.
Vom Staatsgeheimnis zum Museum
Nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm die Bundeswehr die Anlage zunächst. 1993 wurde sie aus dem Bestand ausgegliedert. In den folgenden Jahren fanden sich engagierte Betreiber, die sich dem Erhalt des Komplexes widmeten. 2002 wurde die ehemalige Führungsstelle schließlich als technisches Kulturdenkmal anerkannt und als Museum für die Öffentlichkeit geöffnet. Damit wurde aus einem Ort, der jahrzehntelang verborgen bleiben sollte, ein Erinnerungsort. Die Betreiber verstehen die Anlage ausdrücklich nicht als nostalgischen Blick auf die DDR, sondern als Mahnung an die Folgen von Aufrüstung und Konfrontation im Kalten Krieg.
Ein Lost Place mit Geschichte statt Verfall
Der Bunker Kossa zeigt damit eine andere Facette des Lost-Place-Phänomens. Der Ort ist verlassen von seiner ursprünglichen militärischen Funktion, aber nicht dem Verfall preisgegeben. Seine Räume wurden erhalten, gesichert und zugänglich gemacht. Gerade deshalb ist Kossa interessant: Der Lost Place wird hier nicht zum bloßen Fotomotiv. Hinter den dicken Betonwänden steckt die Geschichte eines möglichen Krieges, der glücklicherweise nie stattfand. Die unterirdische Anlage erzählt von einer Zeit, in der ein Atomkrieg als reale Möglichkeit eingeplant wurde – und davon, wie viel Infrastruktur geschaffen wurde, um im Ernstfall weiterkämpfen zu können.
Heute kommen Besucher freiwillig dorthin, wo früher nur wenige Menschen Zutritt hatten. Aus dem strengsten Geheimnis wurde ein öffentlich zugängliches Stück Zeitgeschichte.
Besuch im Bunker Kossa
Der Besuch der Bunkeranlage ist derzeit an den Wochenenden möglich. Die Entdeckertour kostet für Erwachsene 12 Euro, für Schüler, Studenten und Jugendliche zwischen sieben und 18 Jahren 10 Euro. Wer sich für eine geführte Tour entscheidet, zahlt 15 Euro beziehungsweise ermäßigt 12 Euro.
Die Entdeckertour startet samstags und sonntags ab 10 Uhr, der letzte Einlass ist um 14 Uhr. Um 15.30 Uhr endet der Zugang zu den Bunkern, das gesamte Museum schließt eine halbe Stunde später. Wichtig: Die Eintrittsgebühr kann ausschließlich bar bezahlt werden. Parkmöglichkeiten stehen direkt auf dem Gelände zur Verfügung.
Wer den Lost Place noch in diesem Jahr besuchen möchte, sollte allerdings nicht zu lange warten. Vom 1. November bis einschließlich März bleibt das Museum geschlossen.
