Dortmund. Auf Phoenix-West in Dortmund steht eines der ältesten erhaltenen Zeugnisse der einstigen Stahlindustrie: das Schalthaus 101. Fast 30 Jahre lang blieb das denkmalgeschützte Backsteingebäude nach dem Ende des Stahlwerks weitgehend ungenutzt. Eingeschlagene Scheiben, Graffiti und morsche Bauteile machten aus dem ehemaligen technischen Herzstück einen klassischen Lost Place. Jetzt zeichnet sich ein radikaler Wandel ab.
Teile des Schalthauses stammen aus den 1890er-Jahren. Von hier aus wurde die elektrische Versorgung des Phoenix-Stahlwerks gesteuert. Mit der Stilllegung des Werks 1998 verlor das Gebäude seine ursprüngliche Funktion. Zwar gab es zwischenzeitlich einzelne Veranstaltungen, eine dauerhafte Nutzung entwickelte sich jedoch nicht. Damit begann ein Leerstand, der sich über Jahrzehnte hinzog. Das Gebäude blieb zwar als Denkmal erhalten, doch Erhaltung allein reicht nicht aus, wenn ein Bauwerk keine wirtschaftlich tragfähige Zukunft besitzt.
22 Millionen Euro für die Rettung
Im Sommer 2026 wechselte das Schalthaus den Besitzer. Die Renaissance Building Technologies GmbH & Co. KG will rund 22 Millionen Euro in die Revitalisierung investieren. Das Projekt soll das historische Gebäude in einen Innovationscampus verwandeln. Der Baubeginn ist für 2027 vorgesehen. Die Dimensionen sind beträchtlich: Das Schalthaus verfügt über rund 10.300 Quadratmeter Nutzfläche, davon sollen etwa 6.500 Quadratmeter als Büroflächen genutzt werden. Geplant sind außerdem Co-Working-Angebote, Veranstaltungsflächen, Gastronomie und Sportangebote.
Boulderhalle statt Stahlwerk
Besonders ungewöhnlich ist die geplante Mischung. In dem historischen Industriegebäude soll unter anderem eine Boulderhalle entstehen. Hinzu kommen Gastronomieflächen mit Blick auf den historischen Hochofen, eine Veranstaltungshalle sowie Räume für Start-ups und Unternehmen aus Technologie und Innovation. Nach Angaben des Investors könnten später rund 350 Arbeitsplätze im Gebäude entstehen. Damit bekommt das Schalthaus eine Nutzung, die mit seiner ursprünglichen Funktion kaum unterschiedlicher sein könnte. Wo einst Strom für die Schwerindustrie verteilt wurde, sollen künftig gearbeitet, geklettert, gegessen, getagt und gefeiert werden.
Die Geschichte bleibt sichtbar
Der Umbau soll den industriellen Charakter des Gebäudes nicht auslöschen. Vielmehr soll die historische Architektur mit modernen Arbeits- und Veranstaltungsflächen verbunden werden. Geplant sind unter anderem eine neue energetische Gebäudehülle, Wärmepumpe, Photovoltaik und Betonkernaktivierung. Allerdings ist die Sanierung technisch anspruchsvoll. Bei Untersuchungen wurden unter anderem Schäden an Betonstützen festgestellt. Teile der Tragstruktur müssen erneuert werden, auch der Boden des Gebäudes wird vollständig ausgetauscht. Allein dafür werden nach Angaben des Investors rund 220 Betonmischer-Ladungen benötigt.
Vom Schandfleck zum Vorzeigeprojekt?
Das Schalthaus 101 steht damit exemplarisch für den Strukturwandel auf Phoenix-West. Aus dem ehemaligen Stahlstandort ist längst ein Technologie- und Gewerbestandort geworden. Rund 120 Unternehmen mit mehr als 5.700 Beschäftigten haben sich inzwischen auf dem Areal angesiedelt. Das Schalthaus war allerdings lange das Gegenbild dieser Entwicklung: ein historisches Gebäude mitten im Zukunftsquartier, das selbst keine Zukunft zu haben schien. Nun könnte ausgerechnet dieser Lost Place zu einem neuen Anziehungspunkt des Areals werden. Rund 4.000 Quadratmeter sollen bereits vergeben oder reserviert sein. Erste Mieter könnten nach derzeitiger Planung ab 2029 einziehen.
Ein Lost Place verschwindet – die Geschichte bleibt
Das Schalthaus 101 wird damit nicht zum nächsten austauschbaren Neubau. Die historische Hülle bleibt erhalten und erhält eine neue Funktion. Genau darin liegt die eigentliche Qualität des Projekts. Denn Denkmalschutz bedeutet nicht zwingend, ein Gebäude auf dem Stand seiner letzten Nutzung einzufrieren. Manchmal bedeutet er, einen historischen Bau so weit zu verändern, dass er überhaupt wieder eine Zukunft bekommt.
Nach fast 30 Jahren Leerstand wird aus dem Lost Place Schalthaus 101 nun ein Ort für die nächste Generation. Der Stahl ist verschwunden – die Architektur bleibt. Und vielleicht ist das die überzeugendste Form von Industriekultur: Geschichte nicht nur zu konservieren, sondern sie wieder nutzbar zu machen.
