MS „Völkerfreundschaft“ steht vor der Verschrottung

Foto: Niels Johannes/CC BY-SA 4.0
Foto: Niels Johannes/CC BY-SA 4.0

Rostock. Für Renate und Knut Enneper ist es mehr als ein Schiff – es war der Ort, an dem sie sich kennenlernten und ihre große Liebe begann. „Das war die beste Zeit meines Lebens“, sagt die heute 85-Jährige. Ihr Mann Knut (82), früher Bootsmann an Bord, ergänzt: „Wer einmal mitgefahren war, wollte nie wieder von Bord.“

Doch nun ist klar: Die einstige „Völkerfreundschaft“, später als „Astoria“ unterwegs und inzwischen ältestes Kreuzfahrtschiff der Welt, wird verschrottet. Das belgische Recyclingunternehmen Galloo hat das 160 Meter lange Schiff für gerade einmal 200.000 Dollar ersteigert und bereits nach Gent überführt. Dort haben die Abrissarbeiten begonnen – bis 2026 soll die einstige Ikone in ihre Einzelteile zerlegt sein.

Von der „Stockholm“ zur „Völkerfreundschaft“

Die bewegte Geschichte des Schiffes reicht bis ins Jahr 1948 zurück, als es in Göteborg als „Stockholm“ vom Stapel lief. Internationale Schlagzeilen machte es 1956, als es im dichten Nebel vor der US-Ostküste mit dem italienischen Luxusliner „Andrea Doria“ kollidierte. Während die „Andrea Doria“ sank und 46 Menschen starben, konnte die schwer beschädigte „Stockholm“ gerettet werden.

1960 kaufte die DDR das Schiff für 20 Millionen Kronen, taufte es auf den programmatischen Namen „Völkerfreundschaft“ und rüstete es zum schwimmenden Sozialismus-Traumschiff auf. Schwimmbäder, Kinosaal, Tanzflächen und sogar ein Volleyballfeld sollten Kreuzfahrturlaub für die Arbeiterklasse ermöglichen. Unter der Flagge der DSR-Reederei führte es DDR-Bürger nach Leningrad, ins Schwarze Meer, nach Kuba – und trug dabei immer auch politische Botschaften.

Erinnerungen zwischen Alltag und Weltpolitik

Für die Besatzung wie die Passagiere war das Schiff ein Ort unvergesslicher Erlebnisse. „Leningrad, Karibik, Madeira – das alles waren schöne Touren“, erinnert sich Knut Enneper. Auch politisch schrieb die „Völkerfreundschaft“ Geschichte: Im Oktober 1962 durchbrach sie während der Kuba-Krise die US-Blockade, später kam es zu mehreren Kollisionen – mit westdeutschen Marineschiffen und sogar einem Bundeswehr-U-Boot.

Die „Völkerfreundschaft“ diente als Drehort für Defa-Filme, als Quartier für DDR-Delegationen bei Weltfestspielen, als Hochzeits- und Krankenzimmer, ja sogar als Schauplatz von Stasi-Überwachung.

Vom Traumschiff zum Casting-Hintergrund

Nach der Außerdienststellung 1985 begann das unstete Leben eines Schiffes mit vielen Namen und Flaggen. Mal Kreuzfahrtschiff, mal Asylbewerberunterkunft, mal Kulisse für „Germany’s Next Topmodel“ – die einstige „Völkerfreundschaft“ kehrte mehrfach nach Mecklenburg-Vorpommern zurück, etwa 2015 als „Azores“ nach Warnemünde und zuletzt 2019 als „Astoria“ nach Wismar.

Doch Corona, Insolvenzen und technische Schäden machten dem Oldtimer der Weltmeere den Garaus. Seit Jahren lag das Schiff im Rotterdamer Hafen, bis es nun endgültig zum Abwracken nach Belgien geschleppt wurde.

Abschied mit Wehmut

Für viele ehemalige Besatzungsmitglieder und Passagiere ist die Nachricht vom Ende des Schiffes ein Schlag. „Sehr schade“, sagt Manfred Sander (74) aus Mecklenburg, der 1975 als Student eine Reise nach Leningrad machte. Er schwärmt noch heute von der Atmosphäre an Bord: „Die Coffee-Time auf dem Achterdeck werde ich nie vergessen.“

Vielleicht, sagt er, werde er noch einmal nach Gent fahren, um die „Völkerfreundschaft“ ein letztes Mal zu sehen – bevor sie in Hochöfen und Stahlwerke verschwindet.

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