Salzgitter. Der Bergbau hat Salzgitter über Jahrzehnte geprägt – wirtschaftlich, städtebaulich und in den Biografien ganzer Familien. Doch von den ehemaligen Gruben und Schachtanlagen ist im heutigen Stadtbild vielerorts kaum noch etwas zu erkennen. Damit die Geschichte des Erzbergbaus nicht mit der letzten Generation der Bergleute verschwindet, will die Stadt Salzgitter ihre Erinnerungskultur deutlich ausbauen. Der Rat hat dafür nun einen entsprechenden Maßnahmenkatalog auf den Weg gebracht.
Konkret soll die Verwaltung zunächst ermitteln, was die Umsetzung der geplanten Maßnahmen kosten würde. Gleichzeitig sollen mögliche Förderprogramme und weitere Finanzierungswege geprüft werden. Erst anschließend soll über die tatsächliche Umsetzung entschieden werden.
Gedenkstelen an ehemaligen Bergbaustandorten
Ein zentraler Bestandteil des Vorhabens sind neue Gedenkstelen. Sie sollen an den relevanten ehemaligen Bergbaustätten im Stadtgebiet und an Orten schwerer Grubenunglücke aufgestellt werden. Damit sollen Standorte wieder sichtbar werden, die nach dem Ende des Bergbaus vielfach ihre industrielle Prägung verloren haben. Gerade darin liegt der historische Wert des Vorstoßes: Ein Förderturm oder eine erhaltene Zechenanlage erzählt ihre Geschichte beinahe von selbst. Wo solche baulichen Zeugnisse verschwunden sind, braucht Erinnerung dagegen einen konkreten Ort und eine verständliche Einordnung.
Hannoversche Treue soll stärker ins Bewusstsein rücken
Besondere Aufmerksamkeit gilt den ehemaligen Schachtanlagen Hannoversche Treue I, II und III. Für die Standorte soll gemeinsam mit den jeweils Beteiligten ein Konzept entwickelt werden, das Information und Gedenken miteinander verbindet. Die Grube Hannoversche Treue steht dabei auch für eines der schwersten Unglücke der niedersächsischen Bergbaugeschichte. 1960 kamen bei einem Brand unter Tage 33 Bergleute ums Leben. Die Grube wurde bereits 1967 stillgelegt; heute sind die Schächte verfüllt und das frühere Bergwerk aus dem unmittelbaren Stadtbild weitgehend verschwunden. Eine Gedenkstele erinnert bereits an die Opfer.
Auch das Museum Schloss Salder soll wachsen
Die Erinnerung soll nicht ausschließlich draußen im Stadtgebiet stattfinden. Auch die Bergbauausstellung im Städtisches Museum Schloss Salder soll erweitert werden. Gleichzeitig soll auf dem Schlossplatz die Sicht- und Auffindbarkeit der verschiedenen Museumsteile verbessert werden. Damit verfolgt die Stadt einen zweigleisigen Ansatz: Die Geschichte soll dort erzählt werden, wo sie stattgefunden hat, und zugleich an einem zentralen musealen Ort zusammengeführt werden.
Mehr als Nostalgie
Hinter dem Ratsbeschluss steckt allerdings mehr als der Wunsch, die Vergangenheit romantisch zu verklären. Der Bergbau brachte Arbeit und Wohlstand, war aber zugleich mit harter körperlicher Arbeit, gesundheitlichen Belastungen und tödlichen Risiken verbunden. Genau diese Ambivalenz soll bei der künftigen Erinnerung eine Rolle spielen. Salzgitter entstand und wuchs in erheblichem Maße durch die industrielle Entwicklung. Die Bevölkerung vervielfachte sich innerhalb weniger Jahrzehnte, während Siedlungen und Infrastruktur in unmittelbarer Nähe der Erzgruben entstanden. Die Bergbaugeschichte ist deshalb keine abgeschlossene Episode, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Entstehung der heutigen Stadt.
Was bleibt, wenn die Schächte verschwunden sind?
Der Beschluss kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die aktive Bergbaugeschichte Salzgitters endgültig Vergangenheit ist. Gerade dadurch wird die Frage dringlicher, wie Erinnerung künftig funktionieren soll. Denn wenn Schächte verfüllt, Betriebsgebäude verschwunden und ehemalige Grubenflächen umgenutzt sind, lässt sich die industrielle Vergangenheit nicht mehr selbstverständlich ablesen. Gedenkstelen, museale Präsentationen und historische Informationen können diese Lücke zumindest teilweise schließen. Sie ersetzen zwar kein erhaltenes Industriedenkmal, machen aber sichtbar, was andernfalls aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden könnte.
Salzgitter hat seine Bergbaugeschichte nicht verloren – aber viele ihrer sichtbaren Spuren. Jetzt soll aus dem unsichtbaren Erbe wieder eine sichtbare Stadtgeschichte werden.
