Stiege. Das Albrechtshaus im Selketal gehört bald endgültig der Vergangenheit an (wir berichteten mehrfach). Jahrzehntelang war die ehemalige Lungenheilstätte südlich von Stiege ein Lost Place mitten im Harz. Seit der Schließung 1993 verfiel das einst bedeutende Sanatorium, 2013 zerstörte ein Großbrand große Teile des historischen Hauptgebäudes. Inzwischen sind auch die letzten Reste der einstigen Anlage weitgehend verschwunden. Doch wo sich über Jahre eine Brandruine und ein Symbol des Verfalls befanden, soll nun ein touristisches Großprojekt entstehen. Auf dem rund 14 Hektar großen Gelände plant die Upland Parcs GmbH aus Willingen ein Ferienresort mit 121 Ferienhäusern und vier zentralen Gebäuden. Der Landkreis Harz hat dafür inzwischen die Baugenehmigung erteilt. Die Anlage soll nach aktueller Planung 2028 eröffnet werden.
Vom Lungensanatorium zum Lost Place
Die Geschichte des Albrechtshauses reicht weit zurück. 1897 wurde die Einrichtung als Lungenheilstätte eröffnet. Die abgelegene Lage im Harz war damals kein Nachteil, sondern ein entscheidender Standortvorteil: Saubere Luft, Wald und Ruhe galten als wichtige Voraussetzungen für die Behandlung von Lungenerkrankungen, insbesondere Tuberkulose. Benannt wurde die Heilstätte nach Prinzregent Albrecht von Preußen. Das ursprüngliche Haus war für zunächst 40 männliche Patienten ausgelegt. Bereits 1898 kam mit dem Marienheim eine Einrichtung für weibliche Patienten hinzu. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Areal mehrfach erweitert.

Auch die medizinische Nutzung veränderte sich. Während der DDR-Zeit blieb das Albrechtshaus zunächst eine Fachklinik für Lungenerkrankungen. Als die Tuberkulose an Bedeutung verlor, wurde die Einrichtung 1987 zu einem Sanatorium für Herz-Kreislauf-Patienten. 1991 erfolgte die Umwandlung in eine Reha-Klinik. Ende 1993 war schließlich Schluss.
Mehr als 30 Jahre Leerstand
Was danach folgte, ist eine typische Lost-Place-Geschichte: große Pläne, neue Eigentümer, angekündigte Investitionen – und schließlich Stillstand. Bereits um die Jahrtausendwende sollte das ehemalige Sanatorium zu einer Hotelanlage umgebaut werden. Besonders ambitioniert waren Pläne für ein Luxushotel der Kempinski-Gruppe mit rund 300 Betten. Doch aus dem Projekt wurde nichts. Nach ersten Abrissarbeiten an Nebengebäuden ruhten die Arbeiten spätestens ab 2009 vollständig.
Während Investoren kamen und gingen, verfiel das Areal zunehmend. Vandalismus hinterließ deutliche Spuren, Fenster wurden eingeschlagen, Bauteile entfernt und die Gebäude sich selbst überlassen. Dann kam der 22. August 2013.
Ein Feuer besiegelt das Schicksal des Albrechtshauses
In den frühen Morgenstunden stand das ehemalige Hauptgebäude in Flammen. Rund 100 Einsatzkräfte waren schließlich mit der Brandbekämpfung beschäftigt. Weil die frühere Klinik nicht mehr an die reguläre Wasser-, Strom- und Gasversorgung angeschlossen war und die Selke zu wenig Löschwasser führte, musste Wasser über mehrere Kilometer vom Bergsee Güntersberge herangeführt werden. Die Selketalbahn und mehrere Straßen mussten dafür zeitweise gesperrt werden. Das Feuer zerstörte große Teile des historischen Gebäudes. Die Brandermittler gingen von Brandstiftung aus. Aus dem bereits stark verfallenen ehemaligen Sanatorium wurde endgültig eine Ruine.
Für Lost-Place-Fotografen wurde das Albrechtshaus anschließend zu einem besonders eindrucksvollen Motiv: eine ausgebrannte historische Heilstätte, überwuchert vom Wald und erreichbar über die schmalspurige Selketalbahn. Doch auch dieses Kapitel ist nun vorbei.
Die Stabkirche konnte gerettet werden
Eine Besonderheit des Geländes blieb allerdings erhalten. Bereits 1905 war auf dem Gelände der Heilstätte eine außergewöhnliche Holzkirche errichtet worden. Die im nordischen Stil gestaltete Kirche überstand den Brand von 2013 nahezu unbeschädigt. Ein Förderverein setzte sich anschließend für ihre Rettung ein. Schließlich wurde die Kirche Stück für Stück abgebaut und nach Stiege umgesetzt. 2021 begann die Translozierung; 2022 konnte die restaurierte Kirche an ihrem neuen Standort nahe dem Bahnhof Stiege wieder eingeweiht werden. Damit blieb zumindest ein bedeutendes Zeugnis der Geschichte des Albrechtshauses erhalten.
Jetzt kommt ein Ferienresort
Auf dem ehemaligen Klinikgelände soll nun eine völlig neue Nutzung entstehen. Upland Parcs plant 121 Ferienhäuser für jeweils vier, sechs, acht oder zwölf Personen. Ergänzt werden sie durch vier zentrale Gebäude mit Rezeption und Shop, Restaurant, Schwimmbad sowie weiteren Freizeit- und Aufenthaltsangeboten. Auch ein Indoorspielbereich für Kinder ist vorgesehen. Das Resort soll ganzjährig betrieben werden und sich an unterschiedliche Zielgruppen richten – von Familien und Paaren über Aktivurlauber bis hin zu Natur- und Wellnessgästen.
Der Projektentwickler vermarktet die Anlage ausdrücklich als Ferienziel mitten in der Natur. Die Ferienhäuser sollen sich nach Angaben des Unternehmens möglichst in die Landschaft einfügen. Geplant sind unter anderem energieeffiziente Gebäudekonzepte, eine vollständig elektrische Versorgung und ein eigenes Wärmenetz.

Sechs Hektar Bebauung auf 14 Hektar Fläche
Trotz der 121 Häuser soll nicht das gesamte Gelände bebaut werden. Von den rund 14 Hektar Projektfläche sollen etwa sechs Hektar für die Ferienhäuser genutzt werden. Große Bereiche bleiben als Grün- und Freiflächen erhalten. Das ist nicht nur eine gestalterische Entscheidung. Das Areal liegt in einer außergewöhnlich naturnahen Umgebung und grenzt an das Naturschutzgebiet Albrechtshaus. Dort sollen unter anderem wertvolle Waldgesellschaften wie Waldmeister-Buchenwälder, Erlenbruchwälder und hoch gelegene Traubeneichen-Buchenwälder geschützt werden. Die Natur ist damit zugleich Standortvorteil und planerische Herausforderung.
Der Bedarfshaltepunkt bleibt – mitten im neuen Ferienpark
Eine kuriose Verbindung zur Vergangenheit dürfte erhalten bleiben: der Haltepunkt Albrechtshaus an der Selketalbahn. Wer dort heute mit einem Zug der Harzer Schmalspurbahnen unterwegs ist, muss genau wissen, dass es sich überhaupt um einen Bahnhof handelt. Denn der Zug hält nicht automatisch. Der Haltepunkt wird als Bedarfshalt betrieben. Früher diente er vor allem den Beschäftigten und Patienten der Heilstätte; heute steigen dort überwiegend Wanderer und Ausflügler aus.
Mit dem neuen Ferienresort könnte der unscheinbare Haltepunkt wieder eine deutlich größere Bedeutung bekommen. Aus dem ehemaligen Klinikstandort soll ein touristischer Anlaufpunkt werden, der nicht nur über die Straße, sondern auch mit der historischen Schmalspurbahn erreichbar ist.
Auch Einheimische sollen profitieren
Der Landkreis Harz verbindet mit dem Projekt entsprechend hohe Erwartungen. Das Resort soll nicht ausschließlich eine abgeschlossene Ferienwelt für seine Gäste werden. Restaurant, Schwimmbad und weitere Einrichtungen sollen nach Angaben des Landkreises, soweit es der laufende Betrieb zulässt, auch Besucherinnen und Besuchern aus der Region offenstehen. Damit könnte das Projekt einen Teil der touristischen Infrastruktur im Selketal ergänzen und neue Angebote schaffen. Gleichzeitig entstehen mit einem Resort dieser Größenordnung Arbeitsplätze und zusätzliche Nachfrage bei regionalen Dienstleistern.
Vom Lost Place zum Urlaubsort
Für die Lost-Place-Szene bedeutet die Entwicklung allerdings auch einen endgültigen Schlussstrich. Das Albrechtshaus, wie es Fotografen und Urbexer über Jahre kannten, existiert nicht mehr. Die Brandruine, die verwitterten Fassaden und die verlassenen Räume sind verschwunden. An ihre Stelle treten Ferienhäuser, Grünflächen und touristische Infrastruktur. Das ist der normale Lauf vieler aufgegebener Orte: Erst verliert ein Gebäude seine Funktion, dann beginnt der Verfall – und irgendwann entscheidet sich, ob die Ruine verschwindet, erhalten oder durch etwas völlig Neues ersetzt wird. Beim Albrechtshaus fiel die Entscheidung nach mehr als drei Jahrzehnten Leerstand nun eindeutig aus.
Wo einst Tuberkulosepatienten zur Ruhe und Genesung in den Harz kamen, sollen künftig Urlauber ihre Ferien verbringen. Die Geschichte des Ortes endet damit nicht. Sie bekommt lediglich ein neues Kapitel – und ausgerechnet der einstige Lost Place könnte zu einem neuen touristischen Magneten im Selketal werden.
