Biblis. Der letzte von vier Kühltürmen des stillgelegten Kernkraftwerks Biblis ist am Freitagmittag gesprengt worden – trotz eines am Vortag eingereichten Widerspruchs von Naturschutzverbänden und einer Petition mit mehr als 10.000 Unterschriften. Kurz zuvor hatte der Kreis Bergstraße noch einen vorläufigen Abrissstopp signalisiert. Doch RWE trieb die Abrissarbeiten in der Nacht voran und ließ den 80 Meter hohen Betonkoloss um 12.45 Uhr planmäßig einstürzen. Für Naturschützer ist das Vorgehen kein Zufall, sondern eine gezielte Eskalation, um das juristische Verfahren zu umgehen.
Der Turm war nicht nur ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Region – er war zugleich Brutstätte für Hunderte Mehlschwalbennester, Deutschlands größter bekannten Kolonie dieser Art. Der Abriss bedeutet daher nicht nur den Verlust eines Industriebauwerks, sondern auch den endgültigen Entzug eines wichtigen Lebensraums.
Abriss trotz Widerspruch – RWE setzt Fakten
Die Naturschützer hatten am Donnerstag den Widerspruch beim Kreis eingereicht, der daraufhin einen Abrissstopp in Aussicht stellte. Kreis-Baudezernent Matthias Schimpf erklärte dem hr am Freitag, man habe RWE am Donnerstag über die mögliche aufschiebende Wirkung des Widerspruchs informiert. RWE hingegen argumentierte, die Arbeiten seien bereits so weit fortgeschritten, dass eine Unterbrechung aus statischen Gründen nicht möglich gewesen sei. Zudem sei die Gefahr eines unkontrollierten Einsturzes gegeben, wenn der Turm stehen geblieben wäre, erklärte Kraftwerksleiter Ralf Stüwe.
Der Kreis ordnete daraufhin den Sofortabriss an. Schimpf betonte, RWE habe eine gültige Abbruchgenehmigung, die es nutze. Der Konzern verweigerte jegliche inhaltliche Stellungnahme zum Widerspruch. Für die Naturschützer wirkt dieser Ablauf wie ein kalkulierter Sprint gegen die Zeit: „Kurz nach Einreichen des Widerspruchs begannen die Arbeiten am Turm“, sagte Lovis Kauertz vom Verein Wildtierschutz Deutschland.
Keine Ankündigung – Medien und Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen gestellt
Anders als bei den Abrissen der vorherigen drei Kühltürme gab es diesmal keine Vorankündigung oder Medieninformation. Der Abriss erfolgte ohne Einladung oder Pressearbeit – eine Vorgehensweise, die bei Naturschützern den Eindruck verstärkt, dass RWE bewusst auf Überraschung und schnelle Fakten setzt, um rechtliche Schritte zu unterlaufen.
Schwalben ohne Ersatz – Naturschützer sehen Gesetzesverstoß
Die Naturschützer wollten den Abriss nicht grundsätzlich verhindern, sondern lediglich so lange verschieben, bis Ersatzbrutplätze geschaffen und von den Mehlschwalben angenommen worden wären. RWE verweist auf acht sogenannte Schwalbentürme, die 2023 in der Nähe der Kühltürme errichtet wurden. Doch bisher haben die Vögel diese künstlichen Nistplätze nicht angenommen.
RWE ist optimistisch, dass sich die Mehlschwalben nach dem Abriss ansiedeln werden. Naturschützer wie Florinde Stürmer sehen das anders: Die Schwalbentürme seien zu niedrig und falsch positioniert, Mehlschwalben seien sehr ortstreu und kehrten nur selten an neue Orte zurück. Zudem sei ein Monitoring über mehrere Jahre nötig, um geeignete Alternativen zu finden – ein solcher Prozess habe nicht stattgefunden. Der Widerspruch beruft sich daher auf einen Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz (§44 Abs. 5 BNatSchG).
Kampf um Ersatzmaßnahmen geht weiter
Trotz des Rückschlags wollen die Naturschützer nicht aufgeben. Sie suchen weiter nach geeigneten Ersatznistplätzen und fordern eine ernsthafte, langfristige Strategie. „Es ist kein Hexenwerk, passende Behausungen zu finden“, sagt Stürmer, „man muss es nur wollen.“
Der Abriss des letzten Kühlturms markiert nicht nur das Ende eines technischen Denkmals, sondern auch einen neuen Höhepunkt im Konflikt zwischen Energiekonzern, Behörden und Naturschützern – und lässt die Frage offen, wie ernst die Schutzverpflichtungen für bedrohte Arten in der Praxis wirklich genommen werden.
