Krefeld/Uerdingen. Für die Michaelskirche im Krefelder Stadtteil Uerdingen wird der Abriss immer wahrscheinlicher. Das evangelische Gotteshaus an der Niederstraße ist bereits seit Oktober 2024 wegen erheblicher Bauschäden geschlossen. Eine Sanierung würde nach Angaben der Kirchengemeinde mehrere Millionen Euro kosten. Gleichzeitig bestehen akute Gefahren durch beschädigte Bauteile. Die Gemeinde sieht deshalb derzeit keine realistische Möglichkeit, das Gebäude wieder für Gottesdienste oder andere Nutzungen herzurichten. Die Kirche steht inzwischen dauerhaft leer.
Beton, Klinker und Glas
Die Michaelskirche wurde nach Plänen des Architekten Heinrich Otto Vogel errichtet und im Dezember 1964 eingeweiht. Mit ihrer großen Hallenkonstruktion, den markanten Glasflächen und dem freistehenden, 42 Meter hohen Glockenturm prägt sie bis heute das Erscheinungsbild des Uerdinger Zentrums. Rund 600 Menschen finden in dem Kirchenraum Platz. Auch der Turm zeigt inzwischen deutliche Schäden. Die Klinkerverkleidung ist so problematisch, dass ein Schutznetz und ein Schutzgang am Eingang angebracht werden mussten. Die Glocken schweigen seit Jahren, weil ihre Schwingungen weitere Fassadenteile gefährden könnten.
Millionen für eine Sanierung fehlen
Die wirtschaftliche Dimension ist das zentrale Problem. Eine Sanierung würde mehrere Millionen Euro verschlingen – Geld, das die evangelische Kirchengemeinde nicht aufbringen kann oder will. Bereits 2025 wurde deshalb in der Bezirksvertretung Uerdingen mitgeteilt, dass die Gemeinde eine Reaktivierung nicht beabsichtige und sich um eine Aufhebung des Denkmalschutzes bemühe. Anschließend sollte das Grundstück zum Verkauf angeboten werden. Damit wird aus einem Sanierungsfall zunehmend eine Abrissfrage. Einen Käufer für die schwer geschädigte Immobilie zu finden, wurde schon damals als wenig wahrscheinlich eingeschätzt.
Ein Stück Nachkriegsmoderne verschwindet
Besonders bitter ist der mögliche Verlust aus Sicht der Architekturgeschichte. Die Michaelskirche ist kein historischer Sakralbau, sondern ein typisches und zugleich eigenständiges Beispiel der Kirchenarchitektur der Nachkriegszeit. Ihre Entstehung fällt in eine Epoche, in der Kirchen nicht mehr nur als traditionelle Gotteshäuser, sondern als eigenständige architektonische und gesellschaftliche Räume verstanden wurden. Auch im Stadtbild besitzt die Kirche Bedeutung. Die Stadt Krefeld beschreibt den Turm der Michaelskirche ausdrücklich als Bestandteil der prägenden Silhouette des historischen Uerdinger Stadtkerns.
Denkmalschutz allein reicht nicht
Der Fall zeigt einmal mehr das bekannte Dilemma bei Kirchen der Nachkriegsmoderne: Architektonische Bedeutung und wirtschaftliche Tragfähigkeit liegen häufig weit auseinander. Ein Denkmalstatus kann ein Gebäude schützen – er kann aber weder eine millionenschwere Sanierung finanzieren noch automatisch eine neue Nutzung schaffen.
Sollte der Denkmalschutz tatsächlich aufgehoben werden und kein Käufer gefunden werden, könnte die Michaelskirche bald aus dem Uerdinger Stadtbild verschwinden. Dann wäre nicht nur ein Kirchengebäude verloren, sondern ein prägendes Stück Nachkriegsarchitektur – und einmal mehr die Erkenntnis bestätigt, dass Denkmalschutz ohne Nutzungsperspektive schnell an seine Grenzen stößt.
