Sie sehen aus wie gelandete Raumschiffe, stehen tatsächlich aber seit mehr als 40 Jahren mitten in einem Wohngebiet von ’s-Hertogenbosch. Am Bollenveld im Stadtteil Maaspoort bilden 50 weiße Kugelhäuser eine der ungewöhnlichsten Wohnsiedlungen der Niederlande. 1984 wurden die sogenannten Bolwoningen fertiggestellt – als staatlich gefördertes Experiment für eine neue Form des Wohnens.
Entworfen wurden die Häuser vom Künstler und Architekten Dries Kreijkamp (1937–2014). Seine Überzeugung: Der Mensch müsse nicht zwangsläufig in der klassischen „Kiste“ wohnen. Die Kugel betrachtete Kreijkamp als ideale, ursprüngliche Form und versprach sich davon unter anderem ein günstiges Verhältnis zwischen Wohnvolumen und Außenfläche.
5,5 Meter Durchmesser und 55 Quadratmeter
Jede Kugel besitzt einen Durchmesser von rund 5,5 Metern und steht auf einem zylindrischen Sockel. Dort befinden sich Eingang, Abstellfläche und Haustechnik. Über eine Wendeltreppe geht es in die eigentliche Wohnkugel. Die verschiedenen Bereiche sind auf mehreren Ebenen angeordnet – Schlafzimmer, Bad und Küche bis hin zum Wohnbereich.
Elf runde Fenster bringen Licht in den ungewöhnlichen Innenraum. Doch die außergewöhnliche Architektur verlangt ihren Bewohnern einiges ab: Gerade Wände für Schränke gibt es nicht, Bilder lassen sich kaum aufhängen und gewöhnliche Möbel passen häufig schlicht nicht an die runden Außenwände. Die Wohnungen sind deshalb weniger standardisierte Wohnmaschinen als vielmehr eine dauerhafte architektonische Herausforderung.
Ein Experiment gegen die Langeweile
Die Idee entstand in einer Zeit, in der die Niederlande dringend neuen Wohnraum benötigten. Gleichzeitig wuchs die Kritik an den uniformen Neubausiedlungen der Nachkriegszeit. Die Regierung stellte deshalb ab 1968 Fördermittel für experimentellen Wohnungsbau bereit. Mehr als 60 solcher Projekte entstanden – die Bolwoningen in ’s-Hertogenbosch gehörten zu den ungewöhnlichsten. Kreijkamp hatte bereits zuvor Prototypen entwickelt. Ein erstes Modell entstand 1982 in Vlijmen. Pläne für weitere Siedlungen unter anderem in Almere und Rotterdam wurden später nicht umgesetzt. Die 50 Kugelhäuser von ’s-Hertogenbosch blieben damit das große realisierte Experiment.

Zwischen Kultstatus und Konstruktionsproblemen
Ganz problemlos war das Experiment allerdings nicht. Im Laufe der Jahre wurden verschiedene konstruktive Probleme bekannt. Zeitweise stand sogar ein Abriss der gesamten Siedlung im Raum. Kreijkamp konnte jedoch eine umfassende Restaurierung durchsetzen. Die Häuser wurden erhalten und zusätzlich teilweise um kleine Abstellmöglichkeiten ergänzt. Heute sind die Bolwoningen längst mehr als ein kurioses Wohnexperiment. Die Stadt ’s-Hertogenbosch führt die Siedlung als Teil ihres baukulturellen Erbes; die 50 Kugelhäuser stehen weiterhin und werden bewohnt. Auch architektonisch haben sie ihren Sonderstatus behalten.
Ein Zukunftsentwurf aus den 1980er-Jahren
Was damals wie eine radikale Idee wirkte, wirkt heute erstaunlich aktuell. Kleine Wohnflächen, kompakte Baukörper und die Frage, wie viel Raum der Mensch tatsächlich benötigt, gehören längst wieder zu den großen Themen der Architektur. Die Bolwoningen liefern darauf allerdings keine einfache Antwort – dafür sind sie viel zu speziell.
Vielleicht liegt genau darin ihr Wert. Während unzählige Wohngebäude aus den 1980er-Jahren heute austauschbar wirken, haben diese 50 Kugeln nichts von ihrer Eigenwilligkeit verloren. Sie wurden als Experiment gebaut – und sind heute selbst ein Stück Architekturgeschichte.
