Biblis. Im südhessischen Biblis ist am Donnerstag ein markantes Kapitel der Energiegeschichte zu Ende gegangen: Der dritte von ursprünglich vier Kühltürmen des stillgelegten Atomkraftwerks Biblis wurde kontrolliert zum Einsturz gebracht. Gegen 14 Uhr kippte der 7.500 Tonnen schwere Turm nach gezielter Schwächung der Stützen innerhalb weniger Sekunden in sich zusammen – wenn auch nicht vollständig. Ein Teil des Kühlturms ragt noch wie ein überdimensionaler Zahn in den Himmel.
RWE nutzte für den Abriss ferngesteuerte Bagger, ein Verfahren, das bereits bei den ersten beiden 80 Meter hohen Kühltürmen erfolgreich erprobt wurde. Der vierte und letzte Turm soll im Januar folgen. Ursprünglich war der Abriss des dritten Turms bereits im vergangenen Winter geplant, Verzögerungen entstanden jedoch durch Vogelschutzauflagen und notwendige Asbestsanierungen.
Nach Angaben von RWE wird der entstehende Bauschutt recycelt. Da die Kühltürme nie mit radioaktiven Stoffen in Kontakt gekommen seien, sei dies problemlos möglich. Über die Lagerung von Abfällen aus dem Rückbau gibt es in der Region jedoch seit Jahren Streit. Erst im Februar bestätigte der Verwaltungsgerichtshof Kassel die Rechtmäßigkeit der geplanten Lagerung des Bauschutts auf einer Deponie in Büttelborn (Groß-Gerau).
Der Rückbau des AKW Biblis läuft seit 2017. Die beiden Druckwasserreaktoren gingen in den Jahren 1974 und 1976 in Betrieb und wurden nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 stillgelegt. RWE plant, das gesamte Kraftwerksgelände spätestens bis Mitte der 2030er Jahre vollständig zurückzubauen, sodass die Anlage aus dem Atomgesetz entlassen werden kann.
Die Zukunft des Areals steht bereits fest im Fokus: Kreis, Stadt Biblis, Wirtschaftsförderung und RWE haben eine Kooperation unterzeichnet, um eine nachhaltige gewerbliche Nutzung zu ermöglichen. Darüber hinaus plant die Landesregierung in Biblis den Bau eines Kernfusionsreaktors, der Energie aus der Verschmelzung von Wasserstoff-Atomen erzeugen soll. Eine aktuelle Machbarkeitsstudie soll verschiedene Optionen prüfen; die Finanzierung hierfür hat der Kreistag in diesem Jahr genehmigt.
Mit dem Abriss des dritten Kühlturms wird ein markanter Schritt im Rückbau des AKW vollzogen und gleichzeitig Platz für eine neue, zukunftsweisende Energieinfrastruktur geschaffen.
