Der Autofriedhof im Moor – Von Harald Kissinger

Foto: pexels.com/Lorenzo Manera
Foto: pexels.com/Lorenzo Manera

Es gibt Wälder, in die man hineingeht, weil man die Stille sucht. Und es gibt Wälder, aus denen man froh ist, wieder herauszukommen. Dieser Wald gehörte zur zweiten Sorte. Er lag irgendwo zwischen Feldern und Mooren, weit abseits der nächsten Ortschaft. Selbst die Forstwege verloren sich irgendwann zwischen Birken, Kiefern und dichtem Unterholz. Dahinter begann das Moor. Schwarz, still und trügerisch. Kleine Wasserflächen lagen zwischen Torf und Gras, manche kaum größer als eine Badewanne, andere so tief, dass niemand wusste, was sich darunter verbarg.

Die Menschen aus dem nahe gelegenen Dorf mieden diesen Teil des Waldes. Nicht, weil es dort etwas Besonderes zu sehen gab. Im Gegenteil. Eigentlich gab es dort nur Bäume, Wasser, Schlamm und alte Autowracks. Dutzende Fahrzeuge sollten dort seit Jahrzehnten vor sich hin rosten. Einige waren kaum noch zu erkennen, andere standen noch so vollständig zwischen den Bäumen, als hätten ihre Besitzer sie erst gestern verlassen. Man erzählte sich, die Autos seien in den fünfziger und sechziger Jahren ins Moor gebracht worden. Damals war ein altes Fahrzeug nicht viel mehr als lästiger Schrott. Was noch brauchbar war, wurde ausgebaut. Der Rest verschwand im Wald.

So zumindest lautete die vernünftige Erklärung.

Die letzte Aufnahme

Martin glaubte nicht an Geschichten. Er war Fotograf und hatte schon genügend verlassene Orte gesehen, um zu wissen, dass die Wirklichkeit meistens viel banaler war als die Legenden, die später daraus entstanden. Als er von dem Autofriedhof hörte, war für ihn deshalb sofort klar, dass er dorthin musste. Alte Karosserien, die langsam von Moos, Farn und Bäumen verschluckt wurden – genau das war die Art von Motiv, nach der er suchte.

Er fuhr an einem regnerischen Nachmittag in den Wald. Sein Wagen blieb auf einem schmalen Forstweg stehen. Von dort aus ging er zu Fuß weiter. Nach etwa zwanzig Minuten entdeckte er das erste Fahrzeug. Ein alter Opel, dessen Dach vollständig mit Moos bedeckt war. Die Scheiben waren zerbrochen, aus dem Innenraum wuchsen Pflanzen. Ein Stück weiter stand ein VW Käfer zwischen zwei Birken. Dahinter tauchten weitere Wracks auf.

Martin blieb stehen und sah sich um.

Er hatte mit einigen Autos gerechnet.

Nicht mit einem ganzen Friedhof.

Die Fahrzeuge lagen überall. Ein alter Ford war bis zur Hälfte im Moor versunken. Ein Lieferwagen lehnte schief an einer Kiefer. Zwischen Farnen lag ein völlig zerfressener Wagen, dessen Motorhaube kaum noch vom Boden zu unterscheiden war. Manche Karosserien waren so stark überwuchert, dass sie aus der Entfernung wie seltsame, metallische Felsen wirkten.

Martin fotografierte.

Je weiter er ging, desto stiller wurde der Wald.

Das Auto ohne Rost

Gegen Abend stieß er auf einen Wagen, der nicht hierherpasste.

Er stand auf einer kleinen trockenen Fläche zwischen zwei Moorlöchern. Ein dunkelblauer Mercedes. Alt, vermutlich aus den sechziger Jahren. Doch im Gegensatz zu den anderen Fahrzeugen war seine Karosserie kaum verrostet. Das Chrom glänzte noch stellenweise. Die Reifen waren platt, aber vorhanden. Die Scheiben waren unbeschädigt.

Martin ging um das Fahrzeug herum.

Auf der Fahrerseite war die Tür nicht abgeschlossen.

Er öffnete sie.

Ein Geruch schlug ihm entgegen.

Feuchte Erde.

Und etwas anderes.

Etwas Süßliches.

Im Innenraum lagen Blätter. Auf dem Armaturenbrett hatte sich eine dicke Schicht Staub gesammelt. Der Schlüssel steckte noch im Zündschloss.

Martin setzte sich nicht hinein. Stattdessen fotografierte er den Wagen durch die offene Tür.

Dann hörte er ein Geräusch.

Ganz leise.

Ein Knacken.

Martin drehte sich um.

Hinter ihm stand ein Mann.

Er war vielleicht siebzig Jahre alt und trug eine alte, dunkle Arbeitsjacke. Sein Gesicht war schmal und auffallend blass.

„Sie sollten hier nicht fotografieren“, sagte der Mann.

Martin nahm die Kamera herunter.

„Warum?“

Der Alte sah zu dem Mercedes.

„Weil die Autos nicht leer sind.“

Martin lachte unsicher.

„Was soll das heißen?“

Der Mann antwortete nicht. Er ging einfach an ihm vorbei und verschwand zwischen den Bäumen.

Die Geschichte der Fahrzeuge

Martin wartete einige Minuten.

Dann folgte er dem Mann.

Doch er fand niemanden.

Nur weitere Autos.

Ein Opel Rekord. Ein alter Taunus. Ein Käfer. Ein NSU Prinz. Manche Fahrzeuge waren so tief eingesunken, dass nur noch Dächer und Kotflügel aus dem Moor ragten. Die Natur hatte längst begonnen, sie wieder in den Wald zurückzuführen.

Martin erinnerte sich an die Worte des Alten.

Die Autos sind nicht leer.

Er öffnete einen weiteren Wagen.

Nichts.

Nur verrottete Sitze und Schlamm.

Beim nächsten ebenfalls nichts.

Er begann sich zu beruhigen.

Dann fand er den ersten Fußabdruck.

Er war frisch.

Barfuß.

Er führte vom Moor zu einem alten Opel und endete direkt an der Fahrertür.

Martin sah sich um.

„Hallo?“

Keine Antwort.

Er folgte den Abdrücken.

Sie führten von Auto zu Auto.

Immer dieselbe Größe.

Immer barfuß.

Und dann hörten sie plötzlich auf.

Mitten auf einer trockenen Stelle.

Martin kniete sich hin und berührte den Boden.

Der Schlamm war kalt.

Sehr kalt.

Die Nacht im Wald

Als Martin auf seine Uhr sah, war es bereits kurz nach neun.

Er hätte längst zurück sein müssen.

Doch der Weg, auf dem er gekommen war, schien verschwunden.

Der Wald sah plötzlich anders aus.

Dichter.

Dunkler.

Fremder.

Er ging in die Richtung, in der er sein Auto vermutete. Nach einigen Minuten erkannte er zwischen den Bäumen Licht.

Scheinwerfer.

Martin atmete erleichtert auf.

Dann blieb er stehen.

Es waren keine Scheinwerfer seines Autos.

Vor ihm standen mehrere Fahrzeuge.

Alle alt.

Alle verlassen.

Und alle hatten ihre Lichter eingeschaltet.

Kein Motor lief.

Kein Mensch war zu sehen.

Martin ging langsam näher.

In einem der Wagen bewegte sich etwas.

Ein Schatten.

Dann im nächsten.

Dann im dritten.

Die Türen begannen sich zu öffnen.

Eine nach der anderen.

Klack.

Klack.

Klack.

Martin wich zurück.

Aus dem ersten Wagen stieg eine Gestalt.

Ein Mann.

Dann eine Frau.

Dann ein Kind.

Sie alle waren nass.

Ihre Kleidung klebte an ihren Körpern.

Und ihre Haut war grau.

Martin wollte schreien, doch kein Ton kam über seine Lippen.

Die Gestalten gingen nicht auf ihn zu.

Sie gingen zu ihren Autos.

Als würden sie darauf warten, dass jemand einstieg.

Dann öffnete sich hinter Martin eine Tür.

Er drehte sich um.

Der dunkelblaue Mercedes stand direkt hinter ihm.

Die Fahrertür war offen.

Auf dem Sitz lag plötzlich etwas, das vorher nicht dort gewesen war.

Ein altes Foto.

Martin hob es auf.

Darauf waren mehrere Menschen vor genau diesem Mercedes zu sehen.

Ein Mann.

Eine Frau.

Ein Junge.

Und hinter ihnen ein Wald.

Auf der Rückseite stand ein Datum.

  1. Oktober 1978.

Martin betrachtete das Bild.

Dann sah er den Jungen darauf genauer an.

Er trug dieselbe Jacke wie der alte Mann, den Martin am Nachmittag getroffen hatte.

Der Fahrer

„Jetzt wissen Sie, warum wir hier sind.“

Die Stimme kam aus dem Mercedes.

Martin erstarrte.

Der alte Mann saß auf dem Fahrersitz.

Er sah genauso aus wie am Nachmittag.

Nur dass seine Kleidung jetzt völlig durchnässt war.

„Wer sind Sie?“, fragte Martin.

Der Alte lächelte.

„Der letzte Fahrer.“

„Was ist hier passiert?“

Der Mann blickte in den Wald.

„Wir sind nie angekommen.“

Martin verstand die Worte nicht.

Der Alte deutete auf die Fahrzeuge.

„Damals haben sie uns gesagt, wir sollten die Autos ins Moor bringen. Es war nur ein kurzer Weg. Wir wollten sie abstellen und wieder zurück. Aber der Boden war weich. Das Wasser stieg. Einer nach dem anderen blieb stecken.“

Martin sah zu den Gestalten.

„Und dann?“

Der Alte antwortete:

„Dann kam die Nacht.“

Ein kalter Wind strich durch die Bäume.

„Warum hat man euch nicht gefunden?“

Der Mann sah Martin an.

„Weil niemand nach uns gesucht hat.“

Der Morgen danach

Am nächsten Morgen fand ein Förster Martins Kamera am Rand des Waldes.

Sein Auto stand noch immer dort, wo er es abgestellt hatte.

Von Martin fehlte jede Spur.

Die Polizei suchte mehrere Tage.

Sie fanden keine Leiche.

Keine Kleidung.

Keine Fußspuren.

Nur die Kamera.

Auf der Speicherkarte befanden sich 83 Fotos.

Die ersten zeigten die bekannten Autowracks.

Dann kamen Bilder von dem dunkelblauen Mercedes.

Danach wurden die Aufnahmen merkwürdig.

Auf einem Foto stand Martin selbst vor dem Wagen.

Auf dem nächsten saß er auf dem Fahrersitz.

Auf dem dritten war das Auto bereits vollständig im Nebel verschwunden.

Das letzte Bild zeigte den Wald bei Nacht.

Dutzende Scheinwerfer leuchteten zwischen den Bäumen.

Und vor jedem Fahrzeug stand eine Gestalt.

In der Mitte des Bildes war Martin zu sehen.

Er stand mit dem Rücken zur Kamera.

Neben ihm der alte Mann.

Beide blickten auf die Fahrzeuge.

Unter dem Foto war mit Bleistift ein Satz geschrieben.

„Wir warten noch auf die letzte Fahrt.“

Die Polizei hielt das Bild für einen makabren Scherz.

Bis einige Wochen später ein Förster bei einer Kontrollfahrt einen neuen Wagen entdeckte.

Er stand tief im Wald.

Dort, wo zuvor kein Fahrzeug gestanden hatte.

Ein dunkelblauer Mercedes.

Die Karosserie war vollständig verrostet.

Die Scheiben waren blind.

Moos wuchs aus dem Innenraum.

Und auf dem Fahrersitz lag eine Kamera.

Daneben ein Mann.

Martin.

Nur war er inzwischen seit drei Monaten verschwunden.

Harald Kissinger

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