Das Kinderheim – Von Harald Kissinger

Foto: pexels.com/Ahmet Arıkaya
Foto: pexels.com/Ahmet Arıkaya

Am Rand eines dichten Waldgebietes, weit entfernt von der nächsten Ortschaft, stand ein altes Kinderheim, das seit mehr als dreißig Jahren leer war. Das Gebäude war Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet worden und hatte über Jahrzehnte hinweg Kindern ein Zuhause bieten sollen, die keines mehr hatten. Hinter seiner hell verputzten Fassade verbargen sich lange Schlafsäle, ein Speisesaal mit hohen Fenstern, Unterrichtsräume und ein kleiner Festsaal, in dem zu Weihnachten einst Lieder gesungen worden waren. Auf alten Fotografien lächelten Kinder in ordentlichen Kleidern in die Kamera, während ihre Betreuerinnen und Betreuer hinter ihnen standen. Niemand hätte damals vermutet, dass dieser Ort eines Tages zu einem Platz werden würde, den selbst die Bewohner des nahe gelegenen Dorfes mieden.

Als das Heim schließlich geschlossen wurde, hieß es offiziell, die Einrichtung sei nicht mehr zeitgemäß und die Kinder würden in anderen Häusern untergebracht. Die Möbel wurden abtransportiert, die Akten eingelagert und die Türen verschlossen. Was danach geschah, geriet schnell in Vergessenheit. Das Gebäude verfiel, der Garten verwilderte und die Zufahrt wurde von Sträuchern überwuchert. Doch im Dorf hielten sich Geschichten, die niemand so recht erklären konnte. Spaziergänger wollten in manchen Nächten Stimmen aus dem Haus gehört haben. Andere behaupteten, hinter den Fenstern kleine Schatten zu erkennen, obwohl das Gebäude längst keinen Strom mehr hatte. Am häufigsten aber erzählte man von einem Kinderlied, das nach Mitternacht aus dem oberen Stockwerk dringen sollte.

Der Fotograf Daniel hatte von diesen Geschichten gehört und beschloss, sich selbst ein Bild zu machen. Er hielt wenig von Geistergeschichten, kannte aber den Reiz verlassener Orte. Das Kinderheim war für ihn ein interessantes Motiv: ein weitgehend vergessenes Gebäude, in dem sich die Spuren seiner Vergangenheit noch immer abzeichneten. An einem nebligen Novemberabend fuhr er zum Gelände. Die Sonne war bereits hinter den Bäumen verschwunden, als er den alten Zufahrtsweg erreichte. Zwischen den Stämmen tauchte das Gebäude auf, dessen Fassade von dunklen Wasserläufen gezeichnet war. Efeu hatte sich bis zum zweiten Stock vorgearbeitet, mehrere Fensterscheiben waren zerbrochen und das Dach war an einer Ecke teilweise eingebrochen. Daniel nahm seine Kamera aus dem Rucksack und trat durch eine Lücke im rostigen Zaun.

Die Stimmen im Schlafsaal

Im Inneren empfing ihn ein Geruch nach feuchtem Putz, Moder und altem Holz. Im Eingangsbereich lagen zerbrochene Fliesen, an den Wänden hingen Reste vergilbter Tapeten und eine breite Treppe führte in die oberen Stockwerke. Daniel fotografierte die verwaiste Empfangstheke und die langen Flure, in denen sich der Staub über Jahrzehnte ungestört hatte ablagern können. In einem ehemaligen Gruppenraum standen noch einige kleine Stühle. An der Wand hing eine verblasste Zeichnung, auf der eine Sonne, ein Haus und mehrere Kinder mit übergroßen Köpfen zu sehen waren. Darunter hatte jemand in krakeliger Schrift geschrieben: „Wir sind alle lieb.“

Daniel betrachtete die Zeichnung einen Moment länger, als er beabsichtigt hatte. Dann setzte er seinen Rundgang fort. Im ersten Obergeschoss fand er die früheren Schlafräume. Die meisten Betten waren längst entfernt worden, doch an den Wänden zeichneten sich noch helle Rechtecke ab, wo einst Schränke gestanden hatten. In einer Ecke lag eine verrostete Metallbettkante, daneben verstreute Holzklötze und ein einzelner, stark verschmutzter Stoffhase. Daniel fotografierte die Gegenstände und ging weiter, bis er am Ende des Flures eine Tür entdeckte, die sich von den übrigen unterschied. Sie war dunkel gestrichen und mit mehreren Kratzspuren übersät. Auf einem kleinen Schild stand die Zahl 17.

Als Daniel die Tür öffnete, blickte er in einen Raum, der offenbar als Schlafsaal für jüngere Kinder gedient hatte. An der Wand standen noch mehrere schmale Betten, deren Metallgestelle von Rost überzogen waren. Auf dem Boden lagen Papierfetzen und zerbrochene Spielzeuge. Das Fenster war mit Brettern vernagelt, sodass nur wenig Licht in den Raum fiel. Daniel stellte sein Stativ auf und begann, die Szenerie zu fotografieren. Während er durch den Sucher blickte, hörte er plötzlich ein leises Geräusch aus dem Flur. Es klang, als würde jemand mit kleinen Schritten über den Holzboden laufen.

Er nahm die Kamera herunter und lauschte. Das Geräusch verstummte. Daniel ging zur Tür und leuchtete in den Gang, doch dort war niemand zu sehen. Er erklärte sich das Knarren mit dem Wind, der durch das beschädigte Gebäude zog, und kehrte zu seiner Arbeit zurück. Wenige Minuten später hörte er es wieder. Diesmal waren die Schritte von einem leisen Kichern begleitet. Es klang wie das Lachen eines Kindes, das versuchte, nicht entdeckt zu werden.

Daniel trat in den Flur. „Hallo? Ist da jemand?“, rief er, obwohl ihm selbst klar war, wie unsinnig die Frage in einem verlassenen Gebäude klang. Keine Antwort. Er ging bis zur Treppe, leuchtete in den Eingangsbereich und kontrollierte die Räume im Erdgeschoss. Alles war unverändert. Als er zurückkehrte, fiel ihm auf, dass die Tür von Zimmer 17 nicht mehr offen stand. Sie war geschlossen.
Er war sich sicher, sie weit aufgelassen zu haben.

Das Bild an der Wand

Daniel drückte die Klinke herunter. Die Tür ließ sich ohne Widerstand öffnen, und im Inneren schien alles so zu sein wie zuvor. Doch als er seine Taschenlampe über die Wand neben dem Fenster gleiten ließ, bemerkte er etwas, das ihm vorher nicht aufgefallen war. Dort hing ein kleines gerahmtes Bild. Das Glas war gesprungen, der Rahmen von Feuchtigkeit aufgequollen. Auf dem Foto standen acht Kinder vor dem Gebäude, vermutlich aufgenommen in den siebziger Jahren. Sie trugen einfache Kleidung und blickten ernst in die Kamera. Hinter ihnen stand eine Frau mit streng zurückgebundenem Haar.

Daniel trat näher. Auf der Rückseite des Rahmens klebte ein vergilbter Zettel. Er löste sich bereits an einer Ecke, doch die handschriftliche Beschriftung war noch lesbar: „Gruppe 17 – Weihnachten 1978.“ Darunter waren die Namen der Kinder notiert. Daniel fotografierte das Bild und wollte den Rahmen wieder an seinen Platz hängen, als er bemerkte, dass eines der Kinder anders aussah als die übrigen. Während die anderen direkt in die Kamera blickten, hatte der Junge ganz rechts den Kopf leicht zur Seite gedreht. Sein Gesicht lag im Schatten, und seine Augen schienen auf etwas außerhalb des Bildes gerichtet zu sein.

Daniel vergrößerte die Aufnahme auf dem Display seiner Kamera. Der Junge trug einen dunklen Pullover und hielt etwas in den Händen, das zunächst wie ein Spielzeug aussah. Bei genauerem Hinsehen erkannte Daniel eine kleine Metallklingel, wie sie früher an den Betten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen verwendet worden war. Er fragte sich, warum ein Kind bei einer Gruppenaufnahme eine solche Klingel halten sollte. Dann fiel ihm auf, dass neben dem Namen des Jungen ein kurzer Vermerk stand: „Michael – nicht mehr auffindbar.“

Ein kalter Luftzug strich durch den Raum. Daniel blickte zum vernagelten Fenster, obwohl dort unmöglich Wind eindringen konnte. Im selben Moment erklang aus dem Flur eine dünne, helle Stimme. Sie sang eine Melodie, die Daniel zunächst nicht zuordnen konnte. Es war ein Kinderlied, langsam und unsicher vorgetragen, als hätte das Kind den Text vergessen. Die Stimme kam näher, bis sie direkt vor der Tür zu stehen schien.

Dann verstummte sie.

Daniel packte seine Kamera und trat hinaus. Am Ende des Flures stand ein kleiner Junge. Er trug einen dunklen Pullover und kurze Hosen, obwohl es in dem Gebäude bitterkalt war. Sein Haar war nass, und seine Füße waren schmutzig, als wäre er durch feuchten Waldboden gelaufen. Daniel konnte sein Gesicht im Halbdunkel kaum erkennen.

„Hey, Kleiner“, sagte er vorsichtig. „Was machst du hier?“

Der Junge antwortete nicht. Stattdessen hob er langsam die rechte Hand. Darin hielt er eine kleine Metallklingel.

Die Nachtwache

Daniel wich einen Schritt zurück. Für einen Moment glaubte er, jemand habe sich einen makabren Scherz erlaubt. Vielleicht war das Kind mit einem Erwachsenen auf das Gelände gekommen und hatte sich im Gebäude versteckt. Doch wie hätte es unbemerkt an ihm vorbeikommen sollen? Und warum trug es Kleidung, die aussah, als stamme sie aus einer anderen Zeit?

„Wo sind deine Eltern?“, fragte Daniel.

Der Junge senkte den Kopf. Dann sagte er mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war: „Sie kommen nachts.“

Daniel verstand nicht, was er meinte. Er wollte eine weitere Frage stellen, doch der Junge drehte sich um und ging den Flur entlang. Seine Schritte waren kaum zu hören. Am Ende des Ganges verschwand er hinter einer Tür, die Daniel bisher für einen Wandschrank gehalten hatte.

Daniel folgte ihm. Hinter der Tür lag eine schmale Treppe, die in einen tiefer gelegenen Gebäudeteil führte. Die Stufen waren feucht und mit Staub bedeckt. Unten befand sich ein schmaler Gang mit mehreren kleinen Räumen. An den Wänden waren noch alte Nummern zu erkennen, daneben hingen rostige Haken. In einem der Räume standen schmale Betten, die offenbar nicht für gewöhnliche Schlafsäle gedacht gewesen waren. Auf einem Tisch lagen vergilbte Karteikarten, daneben ein verstaubtes Buch mit einem ledernen Einband.

Daniel schlug das Buch auf. Es handelte sich um ein altes Diensttagebuch, geführt von einer Mitarbeiterin des Kinderheims. Die Einträge stammten aus dem Winter 1978 und berichteten von wiederholten nächtlichen Vorfällen. Kinder seien aus ihren Betten aufgestanden, hätten Stimmen gehört und behauptet, ein Junge gehe durch die Flure, obwohl alle Türen verschlossen gewesen seien. In einem späteren Eintrag stand, dass Michael aus Gruppe 17 seit mehreren Tagen vermisst werde. Die Suche im Haus und auf dem Gelände sei erfolglos geblieben.

Der letzte Eintrag war in einer zittrigen Handschrift verfasst worden: „Die Kinder behaupten, Michael sei noch hier. Sie sagen, er stehe nachts vor ihren Betten und bitte sie, mit ihm zu kommen. Ich habe die Leitung informiert. Niemand will mir glauben. Heute Nacht werde ich selbst nachsehen.“

Daniel blätterte um. Die folgende Seite war leer. Am unteren Rand des Papiers entdeckte er jedoch einen dunklen Fleck, der sich durch mehrere Seiten zog. Er konnte nicht sagen, ob es sich um Feuchtigkeit oder etwas anderes handelte. Als er das Buch schloss, hörte er über sich das Geräusch vieler kleiner Schritte. Es klang, als liefen mehrere Kinder gleichzeitig über den Flur.

Dann begann jemand zu singen.

Diesmal waren es mehrere Stimmen.

Alle Kinder sind da

Daniel lief die Treppe hinauf. Als er den oberen Flur erreichte, blieb er wie angewurzelt stehen. Vor den Türen der ehemaligen Schlafräume standen Kinder. Es mussten mindestens zwanzig sein. Einige trugen Nachthemden, andere alte Pullover und kurze Hosen. Ihre Gesichter waren blass, ihre Haare feucht und ihre Kleidung schmutzig. Keines der Kinder bewegte sich. Sie standen einfach da und blickten Daniel an.
Aus einem der Zimmer ertönte eine Stimme: „Eins, zwei, drei, vier …“

Ein anderes Kind setzte die Zahlenreihe fort. Bald zählten alle gemeinsam, langsam und im selben gleichförmigen Rhythmus. Daniel wich zurück. Die Stimmen hallten durch das Gebäude, wurden lauter und schienen aus allen Richtungen zugleich zu kommen. Als die Kinder bei siebzehn angekommen waren, verstummten sie gleichzeitig.

Dann trat der Junge mit der Klingel aus der Gruppe hervor.

„Du hast uns gefunden“, sagte er.

Daniel wollte antworten, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Er erkannte den Jungen vom Foto wieder. Michael. Das Kind, das 1978 verschwunden war.

„Was ist mit euch passiert?“, brachte Daniel schließlich hervor.

Michael sah zu den anderen Kindern. „Wir sollten schlafen“, sagte er. „Aber wir durften nicht nach Hause. Niemand durfte nach Hause.“ Hinter ihm öffnete sich eine Tür. Eine Frau trat auf den Flur. Sie trug ein dunkles Kleid und hatte ihr Haar streng zurückgebunden. Ihr Gesicht war schmal, die Augen lagen tief in den Höhlen. Daniel erkannte sie sofort: Es war die Frau vom alten Gruppenfoto.

„Zurück in eure Zimmer“, sagte sie.

Die Kinder senkten die Köpfe. Einige verschwanden lautlos hinter den Türen, andere lösten sich im Dunkel auf, als wären sie nie da gewesen. Michael blieb stehen. Die Frau wandte sich Daniel zu und betrachtete ihn mit einem Ausdruck, der zwischen Ärger und Erschöpfung lag.

„Sie gehören nicht hierher“, sagte sie.

Daniel wich zurück. „Wer sind Sie?“

„Die Nachtwache.“

Die Frau streckte eine Hand nach ihm aus. Ihre Finger waren ungewöhnlich lang und bleich. „Sie haben die Kinder geweckt. Jetzt müssen Sie bleiben, bis alle schlafen.“

Daniel drehte sich um und rannte.

Der Ausgang

Er stürmte die Treppe hinunter, durchquerte den Eingangsbereich und erreichte die Haustür. Doch als er sie aufriss, blickte er nicht auf den überwucherten Garten und den alten Zufahrtsweg. Draußen lag derselbe Flur, den er gerade verlassen hatte. Am Ende standen die Kinder und zählten erneut. Daniel schlug die Tür zu und riss sie ein zweites Mal auf. Wieder der Flur. Wieder die Kinder. Wieder die Zahlen.

Er rannte durch einen Seitengang, stieß eine Tür auf und gelangte in den früheren Speisesaal. Lange Tische standen darin, auf denen sich Staub und zerbrochenes Geschirr angesammelt hatten. An der Stirnseite hing eine alte Uhr. Ihre Zeiger standen auf Mitternacht. Daniel lief weiter, öffnete eine weitere Tür und fand sich im Schlafsaal wieder. Zimmer 17. Das gerahmte Foto hing noch immer an der Wand.

Doch diesmal war etwas anders.

Auf dem Bild standen nicht mehr acht Kinder vor dem Gebäude. Es waren neun.

Der Junge ganz rechts hielt noch immer die kleine Metallklingel. Neben ihm stand Daniel selbst. Er trug dieselbe Jacke, denselben Rucksack und dieselbe Kamera, die ihm gerade von der Schulter rutschte. Sein Gesicht war blass, die Augen starr auf die Kamera gerichtet. Unter dem Foto stand eine neue Beschriftung: „Gruppe 17 – aufgenommen in der Nacht.“

Daniel ließ den Rahmen fallen. Das Glas zerbrach auf dem Boden. Hinter ihm hörte er die Stimme der Frau.

„Es ist Zeit zu schlafen.“

Er drehte sich um. Die Nachtwache stand in der Tür, hinter ihr Michael und die anderen Kinder. Daniel wich zurück, bis er mit den Beinen gegen eines der alten Betten stieß. Die Kinder kamen näher. Ihre Gesichter waren nun deutlich zu erkennen. Manche lächelten, andere wirkten traurig. Michael hielt ihm die Klingel entgegen.

„Du musst nicht allein bleiben“, sagte er. Dann läutete die Klingel.

Der Ton war hell und klar und erfüllte den gesamten Raum. Daniel spürte, wie die Kälte in seine Hände und Beine kroch. Seine Kamera fiel zu Boden. Die Kinder begannen wieder zu zählen, doch diesmal hörte er ihre Stimmen nicht mehr als etwas Bedrohliches. Sie klangen müde, erschöpft und unendlich traurig.

Als sie bei siebzehn angekommen waren, wurde alles dunkel.

Das neue Gruppenfoto

Am nächsten Morgen entdeckte ein Spaziergänger die offene Eingangstür des Kinderheims. Er alarmierte die Polizei, nachdem er im Gebäude eine Kamera und einen Rucksack gefunden hatte. Von Daniel fehlte jede Spur. Die Beamten durchsuchten sämtliche Räume, den Keller und das verwilderte Grundstück, fanden aber weder einen Hinweis auf seinen Verbleib noch Anzeichen dafür, dass sich in der Nacht jemand anderes im Haus aufgehalten hatte.

Die Kamera wurde sichergestellt. Auf der Speicherkarte befanden sich zahlreiche Aufnahmen des verlassenen Kinderheims, der Schlafsäle und des alten Diensttagebuchs. Die letzten Bilder zeigten die Flure im zweiten Stock. Auf einem Foto standen mehrere Kinder vor einer Tür. Auf dem nächsten war eine Frau in einem dunklen Kleid zu sehen. Das letzte Bild zeigte das Gruppenfoto aus Zimmer 17.

Die Polizei konnte nicht erklären, wie das Bild aufgenommen worden war. Es zeigte die Kinder aus dem Jahr 1978, die Nachtwache und Daniel. Alle standen vor dem Gebäude, als wäre die Aufnahme erst wenige Stunden zuvor entstanden. Daniel trug seine Kamera um den Hals und blickte mit einem seltsam entrückten Gesichtsausdruck in die Ferne. Neben ihm stand Michael, der Junge, der seit Jahrzehnten als vermisst galt.

Das Kinderheim wurde später endgültig gesichert. Die Fenster wurden vernagelt, der Zugang zum Grundstück gesperrt und das Gebäude einige Jahre danach abgerissen. Von Zimmer 17 blieb nichts zurück. Das Gruppenfoto verschwand in einem Archiv, und mit ihm geriet auch die Geschichte von Daniel in Vergessenheit.

Doch noch heute erzählen Menschen aus dem Dorf, dass sie in manchen Novembernächten Kinderstimmen aus dem Wald hören. Manchmal klingt es wie ein Lied, manchmal wie ein leises Zählen. Wer sich dem ehemaligen Standort des Heims nähert, soll zwischen den Bäumen gelegentlich ein schwaches Licht erkennen können. Und wenn der Nebel besonders dicht über dem Boden liegt, ist manchmal eine kleine Gestalt zu sehen, die am Rand des Waldes steht und eine Metallklingel in der Hand hält.

Sie wartet, bis jemand näher kommt.

Dann fragt sie mit leiser Stimme: „Willst du mit uns spielen?“

Und irgendwo tief im Wald beginnt eine Gruppe von Kindern von vorn zu zählen.

Eins.

Zwei.

Drei.

Bis siebzehn.

Und dann wird es still.

Harald Kissinger

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