Tief unter den bewaldeten Hügeln des Ruhrgebiets lag ein Bergwerk, dessen Name längst aus den Karten verschwunden war. Über hundert Jahre lang hatten die Männer dort Kohle aus dem schwarzen Gestein gebrochen, bis die letzte Förderschicht beendet und der Betrieb endgültig eingestellt worden war. Die Fördergerüste wurden abgebaut, die Maschinen verschrottet und die meisten Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Was blieb, waren einige verfallene Nebengebäude, ein zugemauerter Zugang und ein überwuchertes Gelände, auf dem zwischen Brombeeren und Birken noch immer die Reste alter Gleise zu erkennen waren. Die Schächte waren verfüllt worden, zumindest laut den Unterlagen des Bergbauunternehmens. Doch unter der Erde erstreckten sich kilometerlange Stollen, deren genaue Lage in den letzten Betriebsjahren niemand mehr vollständig überblickt hatte.
Die älteren Menschen aus der Gegend erzählten, dass das Bergwerk niemals wirklich zur Ruhe gekommen sei. In windstillen Nächten, wenn der Nebel tief über den Wiesen lag, konnte man angeblich ein dumpfes Hämmern aus dem Boden hören. Manchmal sei sogar das Kreischen einer Grubenlokomotive zu vernehmen gewesen, gefolgt von einem lang gezogenen Signalhorn, das tief aus der Erde heraufdrang. Die meisten hielten das für Aberglauben. Ehemalige Bergleute hingegen wurden still, wenn die Rede darauf kam. Einige wechselten das Thema, andere schauten zu Boden. Und wenn jemand nach der letzten Schicht fragte, die damals gefahren worden war, kam immer dieselbe Antwort: „Die letzte Schicht ist nie zurückgekommen.“
Das Förderbuch
Markus hatte solche Geschichten schon oft gehört. Als Fotograf verlassener Orte war er an Gerüchte gewöhnt, die sich um alte Fabriken, Krankenhäuser und stillgelegte Industrieanlagen rankten. Für ihn waren es meist die Spuren der Vergangenheit, die einen Lost Place interessant machten, nicht die Geschichten über angebliche Geister. Als er bei der Durchsicht alter Unterlagen auf das ehemalige Bergwerk stieß, beschloss er deshalb, das Gelände zu besuchen. Besonders ein vergilbter Zeitungsartikel hatte seine Aufmerksamkeit geweckt. Darin wurde von einem Grubenunglück berichtet, das sich im November 1962 ereignet haben sollte. Sieben Bergleute seien nach einer Explosion unter Tage eingeschlossen worden. Die Rettungsmannschaften hätten tagelang nach ihnen gesucht, ohne die Männer lebend bergen zu können. Schließlich sei der betroffene Stollenbereich wegen akuter Einsturzgefahr versiegelt worden.
Merkwürdigerweise erwähnte der Artikel weder die Namen der Vermissten noch die genauen Umstände des Unglücks. Auch in späteren Berichten über die Schließung des Bergwerks fand Markus keinen Hinweis auf die sieben Männer. In einem digitalisierten Archiv entdeckte er jedoch einen kurzen Vermerk aus dem Jahr 1963, der ihn stutzig machte: Die Unterlagen zur letzten Nachtschicht wurden auf Anweisung der Betriebsleitung aus dem Förderbuch entfernt. Wer diese Anweisung erteilt hatte, war nicht vermerkt. Markus druckte die Seite aus und legte sie zu seinen übrigen Unterlagen. Dann packte er seine Kamera, eine leistungsstarke Taschenlampe, Ersatzakkus und ein Stativ. Am folgenden Freitag wollte er das Gelände erkunden.
Er erreichte das ehemalige Bergwerk kurz vor Sonnenuntergang. Der Himmel hing tief über dem Land, und dunkle Wolken schoben sich über die Baumwipfel. Ein kalter Wind strich über das verwilderte Gelände, ließ die trockenen Zweige knacken und trieb abgestorbene Blätter über den zerbrochenen Asphalt. Zwischen den Resten alter Mauern ragten rostige Rohrleitungen aus dem Boden. Hinter einem eingestürzten Schuppen entdeckte Markus eine massive Stahltür, die halb von Efeu überwuchert war. Daneben befand sich ein verwittertes Schild mit der Aufschrift Wartungszugang – Zutritt verboten. Die Tür stand einen Spalt offen.
Markus wusste, dass ein Betreten des gesicherten Geländes gefährlich und möglicherweise verboten war. Er blieb zunächst vor dem Zugang stehen und fotografierte die Tür von außen. Aus der Dunkelheit dahinter drang ein Geruch nach feuchter Erde, kaltem Metall und etwas Süßlichem, das ihn an verwesendes Laub erinnerte. Er leuchtete in den Spalt. Eine schmale Treppe führte hinab in die Finsternis. Auf den Stufen lag Staub, doch mitten hindurch verlief eine dunkle Spur, als hätte dort erst vor Kurzem jemand schwere, nasse Stiefel abgesetzt.
Markus wollte gerade umkehren, als er das Geräusch hörte.
Dreimaliges Hämmern.
Dumpf und schwer.
Es kam aus der Tiefe.
Er wartete, doch zunächst blieb es still. Dann erklang das Hämmern erneut, diesmal begleitet von einem metallischen Scheppern, als würde irgendwo unter der Erde eine Lore gegen eine Schiene stoßen. Markus spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Er sagte sich, dass Geräusche in alten Bergwerken weit getragen werden konnten und dass sich unterirdisch durchaus noch lose Metallteile bewegen mochten. Trotzdem zog er die Kamera näher an sich und trat einen Schritt zurück. In diesem Moment ertönte aus der Tiefe eine Stimme.
„Schichtbeginn.“
Die Stimme klang rau, weit entfernt und seltsam blechern, als käme sie aus einem alten Lautsprecher.
Markus erstarrte. Dann hörte er ein zweites Geräusch, das er sofort erkannte: das rhythmische Klacken von Metallrädern auf Schienen.
Eine Grubenlokomotive fuhr unter ihm an.
Einfahrt um Mitternacht
Markus hätte gehen sollen. Stattdessen stieg er die Treppe hinab. Er redete sich ein, dass sich irgendwo ein Zugang zu einem noch genutzten Versorgungstunnel befinden musste. Vielleicht arbeiteten dort tatsächlich Menschen, obwohl das Bergwerk offiziell stillgelegt war. Der Gedanke war absurd, doch er erschien ihm immer noch vernünftiger als die Vorstellung, dass eine Geisterlokomotive durch die unterirdischen Stollen fuhr.
Die Treppe endete in einem niedrigen Gang, dessen Wände mit alten Ziegeln ausgekleidet waren. Feuchtigkeit glänzte auf dem Mauerwerk, und an der Decke hingen verrostete Kabel. Markus leuchtete den Weg vor sich aus. Nach wenigen Metern entdeckte er eine alte Grubenschiene, die im Boden verlief und in einen längeren Stollen führte. Die Schienen waren mit einer dünnen Schicht Wasser bedeckt. Zwischen den Schwellen standen kleine Pfützen, in denen sich das Licht seiner Taschenlampe spiegelte. An der Wand hing eine verblasste Tafel, auf der die Zahl 7 zu erkennen war.
Als Markus weiterging, wurde die Luft kälter. Sein Atem bildete kleine Wolken, obwohl er sich körperlich anstrengte. Das Geräusch der Lokomotive wurde lauter. Schließlich erreichte er eine Kreuzung, an der drei Stollen zusammenliefen. Über dem mittleren Eingang hing ein Schild: Förderstrecke 4 – Abschnitt West. Darunter waren mit Kreide mehrere Namen geschrieben worden. Die Schrift wirkte frisch, als hätte jemand sie erst vor wenigen Stunden angebracht.
Markus trat näher und las die Namen lautlos. Sieben waren es. Neben jedem Namen stand dieselbe Uhrzeit: 23.17 Uhr.
In diesem Augenblick flackerte seine Taschenlampe. Er schlug leicht gegen das Gehäuse, doch das Licht blieb unruhig. Dann hörte er hinter sich ein metallisches Klicken. Markus drehte sich um und sah am Ende des Ganges zwei schwache Lichtpunkte. Sie bewegten sich langsam auf ihn zu. Zuerst hielt er sie für Reflexionen auf dem feuchten Gestein, doch dann erkannte er die Form einer Lokomotive. Sie war klein und gedrungen, eine alte Grubenmaschine mit einem offenen Führerstand und zwei Scheinwerfern, deren gelbliches Licht durch den Stollen schnitt. Dahinter rollten mehrere Kohlenloren.
Die Lokomotive fuhr ohne sichtbaren Fahrer. Auf dem Führerstand lag eine dicke Schicht schwarzer Erde. Die Räder drehten sich, obwohl kein Motorengeräusch zu hören war. Als sie näher kam, bemerkte Markus, dass in den Loren keine Kohle lag. Sie waren voll mit nassem, schwarzem Schlamm, aus dem gelegentlich etwas Helles herausragte. Markus wollte nicht genauer hinsehen. Die Lokomotive verlangsamte ihre Fahrt und blieb schließlich wenige Meter vor ihm stehen.
Aus dem Führerstand erklang eine Stimme.
„Einsteigen.“
Markus wich zurück. „Wer ist da?“
„Die Schicht wartet.“
Die Stimme klang, als würde jemand mit einem Mund voller Erde sprechen. Dann öffnete sich hinter der Lokomotive die Tür eines kleinen Mannschaftswagens. Im Inneren brannte eine trübe Lampe. Auf den Bänken saßen Männer in alten Grubenanzügen. Ihre Helme waren mit Kohlenstaub bedeckt, ihre Gesichter schwarz verschmiert. Keiner bewegte sich. Keiner hob den Kopf.
Nur der Mann am Ende des Wagens sah Markus direkt an.
Seine Augen waren milchig weiß.
„Du bist spät dran“, sagte er.
Die Männer ohne Gesichter
Markus rannte. Er stürmte durch den Seitengang, stolperte über eine Schiene und schlug mit der Schulter gegen die Wand. Hinter ihm setzte sich die Lokomotive wieder in Bewegung. Das Klacken der Räder wurde schneller, und das Licht ihrer Scheinwerfer huschte über das feuchte Gestein. Markus bog in einen schmalen Stollen ein, dessen Decke so niedrig war, dass er den Kopf einziehen musste. Er hörte das Rattern der Loren hinter sich, dann ein dumpfes Krachen, als würde etwas Schweres gegen die Stollenwand prallen.
Er erreichte eine alte Verbindungstür und riss sie auf. Dahinter lag ein Raum, der offenbar früher als Materiallager gedient hatte. Zerbrochene Holzkisten standen an den Wänden, dazwischen lagen verrostete Werkzeuge und verrottete Seile. An der Rückwand hing ein schwarzes Brett. Darauf steckten mehrere vergilbte Schichtzettel. Markus trat näher und leuchtete sie an. Die oberste Karte trug das Datum des Unglücks aus dem Jahr 1962. Darunter standen sieben Namen, dieselben, die er zuvor im Stollen gesehen hatte.
Am unteren Rand war eine handschriftliche Bemerkung zu lesen: Mannschaft nicht zurückgekehrt. Förderfahrt um 23.17 Uhr eingestellt.
Markus fotografierte den Zettel. Dann hörte er hinter sich ein leises Atmen.
Er drehte sich um.
Ein Mann stand in der Tür. Er trug einen alten Grubenanzug, einen Helm mit einer zerbrochenen Lampe und schwere Stiefel, aus denen schwarzes Wasser auf den Boden tropfte. Seine Hände waren mit Schlamm bedeckt. Dort, wo sein Gesicht hätte sein müssen, lag nur eine dunkle, unförmige Fläche, als hätte die Erde selbst alle Züge verschluckt.
Markus wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen das schwarze Brett stieß.
„Was wollt ihr von mir?“, flüsterte er.
Der Mann hob langsam den Kopf. Aus der Dunkelheit seines Gesichts drang ein Geräusch, das wie ein tiefes, rasselndes Lachen klang.
„Die Schicht ist nicht beendet.“
Dann streckte er eine Hand aus.
Markus schlug sie weg und stürmte an ihm vorbei. Der Gang schien endlos zu sein. Er rannte, bis seine Lunge brannte und seine Beine schwer wurden. Immer wieder hörte er die Lokomotive hinter sich, doch wenn er sich umdrehte, war nichts zu sehen. Nur die Schienen, die sich in der Dunkelheit verloren, und das schwache Flackern seiner Taschenlampe.
Schließlich erreichte er eine breitere Strecke. Vor ihm stand ein alter Förderwagen, der halb in einer eingestürzten Nische steckte. Dahinter führte ein Stollen steil nach oben. Markus wollte gerade weiterlaufen, als er auf dem Boden etwas entdeckte: eine Reihe nasser Fußspuren. Sie führten von der Wand zu dem Förderwagen und endeten dort. Keine Spur führte zurück.
Aus der Dunkelheit ertönte erneut die Stimme.
„Acht Mann.“
Markus blieb stehen.
„Wir waren sieben.“
Das Licht seiner Taschenlampe erlosch.
Die letzte Einfahrt
In der Finsternis hörte Markus Stimmen. Zunächst waren es nur undeutliche Laute, ein Flüstern, das aus verschiedenen Richtungen zu kommen schien. Dann erkannte er einzelne Worte. Namen. Zahlen. Arbeitsanweisungen. Jemand rief nach einem Bohrhammer, ein anderer verlangte nach einer Lampe. Dazwischen erklang das Husten eines Mannes, der kaum noch Luft bekam. Schließlich hörte Markus einen Satz, der so leise gesprochen wurde, dass er ihn beinahe überhört hätte.
„Der Stollen gibt nach.“
Ein ohrenbetäubendes Krachen erschütterte das Gestein. Markus wurde zu Boden geschleudert. Staub und kleine Steine prasselten auf ihn herab. Er schützte den Kopf mit den Armen und wartete darauf, dass die Decke einstürzte. Doch nach wenigen Sekunden verstummte das Krachen. Als er die Augen öffnete, brannte seine Taschenlampe wieder. Das Licht war schwach, aber es reichte aus, um die Umgebung zu erkennen.
Der Stollen sah anders aus.
Die Ziegelwände waren verschwunden. Stattdessen ragte rohes, dunkles Gestein aus dem Boden. Die Schienen waren neu und glänzten feucht im Licht. An den Wänden hingen elektrische Lampen, deren gelbes Licht eine Reihe von Werkzeugen und Förderwagen beleuchtete. Markus stand mitten in einem Bergwerk, das seit mehr als sechzig Jahren nicht mehr existieren durfte.
Männer arbeiteten an den Wänden. Sie schlugen mit Hämmern auf das Gestein ein, schoben Kohle in Loren und riefen einander Anweisungen zu. Ihre Gesichter waren jung, ihre Bewegungen schnell und routiniert. Doch keiner schien Markus zu bemerken. Er versuchte, sie anzusprechen, aber seine Stimme ging im Lärm der Arbeit unter. Dann ertönte ein Signalhorn.
Die Männer hielten inne.
Ein Vorarbeiter trat aus einem Seitengang. Er trug einen weißen Helm und eine dunkle Jacke, an deren Brust ein Namensschild befestigt war. Markus konnte den Namen nicht lesen. Der Mann sah auf eine Taschenuhr und rief: „Letzte Fahrt! Alle Mann auf die Loren!“
Die Bergleute legten ihre Werkzeuge nieder und gingen zu einem Mannschaftswagen. Einer nach dem anderen stieg ein. Markus erkannte einige Gesichter aus dem alten Foto, das er im Archiv gesehen hatte. Sieben Männer. Die Vermissten von 1962. Sie wirkten erschöpft, aber lebendig. Einer von ihnen blieb stehen und sah Markus an.
„Du bist neu“, sagte er.
Markus nickte, unfähig zu sprechen.
Der Bergmann lächelte müde. „Dann hast du Glück. Du kannst noch zurück.“
„Wie komme ich hier heraus?“
Der Mann zeigte auf einen schmalen Gang hinter dem Mannschaftswagen. „Geh, solange die Glocke noch nicht schlägt.“
Markus drehte sich um und rannte in die angegebene Richtung. Hinter ihm schlossen sich die Türen des Mannschaftswagens. Die Lokomotive setzte sich in Bewegung. Das Rattern der Räder hallte durch den Stollen, und die Männer begannen ein altes Bergmannslied zu singen. Ihre Stimmen waren rau und tief, doch in ihrem Gesang lag etwas Verzweifeltes, als wüssten sie, dass sie denselben Weg zum tausendsten Mal zurücklegen mussten.
Markus erreichte eine Leiter, die in einen senkrechten Schacht führte. Er kletterte hinauf, ohne nach unten zu sehen. Die Sprossen waren glitschig, seine Hände rutschten ab und zu ab, doch er zwang sich weiter. Über ihm schimmerte ein schwacher Lichtschein. Als er endlich den oberen Rand erreichte, zog er sich auf den Boden und blieb keuchend liegen.
Er lag im Freien.
Der Himmel war schwarz, und dichter Nebel hing über dem Gelände. Vor ihm ragte die Ruine eines alten Maschinenhauses auf. Markus erkannte die Stelle sofort. Es war der Wartungszugang, durch den er das Bergwerk betreten hatte. Er rappelte sich auf und taumelte zu seinem Auto. Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte 23.17 Uhr.
Er startete den Motor und fuhr los, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Der Eintrag, der fehlte
Am nächsten Morgen meldete sich Markus bei der Polizei. Er erzählte von dem Zugang, den unterirdischen Stollen und den Männern, die er gesehen hatte. Die Beamten hielten seine Schilderung zunächst für die Folge einer Panikattacke oder einer gefährlichen Begegnung mit unbefugten Personen. Sie begleiteten ihn zum Gelände, doch der Wartungszugang war verschlossen. Die Stahltür ließ sich nicht öffnen, und hinter ihr befand sich nach den Plänen lediglich ein verfüllter Versorgungsschacht.
Markus zeigte den Beamten die Fotos auf seiner Kamera. Die meisten Aufnahmen waren verwackelt oder vollkommen schwarz. Auf einigen waren jedoch Schienen zu erkennen, dazu alte Förderwagen und die Umrisse von Männern in Grubenanzügen. Ein Bild zeigte deutlich den Mannschaftswagen. Hinter einem der Fenster saß ein Bergmann und blickte direkt in die Kamera.
Die Polizei ließ die Aufnahmen prüfen. Ein Sachverständiger konnte nicht feststellen, ob sie manipuliert worden waren. Die Kleidung der Männer und die Bauart der Lokomotive passten tatsächlich in die frühen sechziger Jahre. Doch auf keinem Bild war Markus selbst zu sehen, und auf keiner Aufnahme ließ sich der Ort eindeutig bestimmen.
Einige Wochen später erhielt Markus einen Brief von einem pensionierten Bergbauingenieur, der von dem Fall gehört hatte. Der Mann hatte jahrzehntelang in den Archiven des Unternehmens gearbeitet und war auf den Namen eines der sieben vermissten Bergleute gestoßen. Er schickte Markus eine Kopie des ursprünglichen Schichtbuchs aus dem Jahr 1962. Die letzte Seite war aus dem gebundenen Buch herausgetrennt worden. Am Rand stand ein handschriftlicher Vermerk: Acht Mann eingefahren. Sieben Mann vermisst. Ein Mann nicht registriert.
Darunter war ein Name notiert.
Markus.
Nicht sein Vorname und Nachname, sondern sein vollständiger Name, einschließlich des Geburtsdatums. Die Angaben stimmten bis auf den letzten Tag.
Markus legte den Brief auf den Tisch und starrte lange auf das Papier. Dann rief er den ehemaligen Bergbauingenieur an. Der Mann war jedoch nicht mehr erreichbar. Zwei Tage später erfuhr Markus, dass er in seinem Haus verstorben war. Die Todesursache war laut Polizei ein Herzinfarkt. In seinem Arbeitszimmer fand man zahlreiche alte Schichtbücher, historische Fotografien und eine Karte des stillgelegten Bergwerks. Auf der Karte war ein Stollen rot markiert. Daneben stand: Förderstrecke 4 – niemals öffnen.
Die Schicht geht weiter
Markus kehrte nie wieder zu dem Bergwerk zurück. Er versuchte, das Erlebte zu vergessen, doch die Nächte wurden zunehmend unerträglich. Immer wieder wachte er um 23.17 Uhr auf, weil er ein metallisches Klacken hörte, das aus dem Keller oder aus den Wänden zu kommen schien. Manchmal roch die Luft in seiner Wohnung nach feuchter Erde und Kohlenstaub. Auf dem Boden neben seinem Bett fand er morgens dunkle Fußspuren, die an der Tür endeten, ohne dass sich erklären ließ, wie sie dorthin gelangt waren.
Eines Nachts hörte er das Signalhorn.
Es war ein langer, tiefer Ton, der durch die Stille schnitt und in seinen Ohren nachhallte. Markus setzte sich im Bett auf. Die Uhr zeigte 23.16 Uhr. Er sprang auf, schaltete das Licht ein und kontrollierte die Wohnung. Alle Fenster waren geschlossen, die Türen verriegelt. Dann hörte er das Klacken wieder. Diesmal kam es eindeutig aus dem Flur.
Markus ging zur Wohnungstür. Unter dem Türspalt schimmerte ein schwaches gelbes Licht. Er hielt den Atem an und lauschte. Draußen waren Schritte zu hören, schwere Stiefel auf einem harten Boden. Dann klopfte jemand dreimal.
Markus wich zurück.
„Schichtbeginn“, sagte eine Stimme.
Er erkannte sie sofort.
Es war die Stimme aus dem Stollen.
Die Türklinke bewegte sich langsam nach unten. Markus wollte schreien, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt. Dahinter lag kein Hausflur. Dahinter verlief ein dunkler Bergwerksstollen, dessen Schienen sich in die Tiefe verloren. Eine Grubenlokomotive stand davor, ihre Scheinwerfer warfen gelbe Lichtkegel auf das feuchte Gestein. Auf dem Führerstand saß der Mann mit dem gesichtslosen Kopf.
Hinter ihm warteten die sieben Bergleute.
Der Mann hob die Hand und zeigte auf Markus.
„Die letzte Schicht ist vollständig.“
Am nächsten Morgen fand man die Wohnung leer vor. Die Tür stand offen, das Licht brannte und auf dem Küchentisch lag ein altes Schichtbuch, dessen Seiten feucht und schwarz verfärbt waren. Auf der letzten Seite standen acht Namen. Sieben davon gehörten den vermissten Bergleuten. Der achte war der Name von Markus.
Daneben stand eine Uhrzeit.
23.17 Uhr.
Seit diesem Tag berichten Anwohner des ehemaligen Bergwerks, dass sie nachts gelegentlich das Signalhorn einer Grubenlokomotive hören. Manchmal dringt das Geräusch aus dem Boden, manchmal scheint es aus dem Wald zu kommen. Wer sich dem Gelände nähert, kann zwischen den Bäumen ein schwaches Licht erkennen, das sich langsam über die überwucherten Gleise bewegt.
Und wer genau hinhört, vernimmt hinter dem Rattern der Räder acht Männerstimmen, die tief unter der Erde ein altes Bergmannslied singen.
Die letzte Schicht ist noch immer unterwegs.
Und sie wartet auf den neunten Mann.
Harald Kissinger
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