Der alte Lokschuppen lag am Rand eines längst stillgelegten Bahnbetriebswerks. Zwischen überwucherten Gleisen, zerbrochenen Signalen und verrosteten Weichen hatte sich die Natur über Jahrzehnte hinweg ihren Platz zurückerobert. Brombeerranken wucherten durch die Schwellen, Birken standen mitten auf den ehemaligen Rangierwegen und das Dach des gewaltigen Backsteingebäudes war an mehreren Stellen eingebrochen. Über dem großen Tor prangte noch immer ein verblasster Schriftzug: Lokomotivwerkstatt. Darunter klebten die Reste eines Warnschildes, dessen Aufschrift längst niemand mehr entziffern konnte.
Die Eisenbahner der umliegenden Ortschaft kannten den Ort. Manche hatten dort gearbeitet, andere kannten die Geschichten ihrer Väter und Großväter. Und alle erzählten dasselbe: Nachts sollte man den Lokschuppen besser meiden. Es gebe Geräusche, die dort nicht hingehörten. Metallisches Hämmern, das Quietschen schwerer Räder und manchmal sogar das tiefe Fauchen einer Dampflokomotive. Dabei war die letzte Maschine vor mehr als vierzig Jahren aus dem Schuppen gefahren. Zumindest offiziell.
Besonders hartnäckig hielt sich die Geschichte von einem Unfall im Winter 1978. Damals hatte ein Rangierer namens Heinrich Voss während einer Nachtschicht eine Lokomotive in die Werkstatthalle dirigiert. Irgendetwas war schiefgelaufen. Die Maschine setzte sich plötzlich in Bewegung, obwohl die Bremsen angezogen sein sollten. Voss wurde zwischen dem schweren Stahlkoloss und einer Werkstattgrube eingeklemmt. Seine Kollegen fanden ihn erst Stunden später. Was genau geschehen war, blieb ungeklärt. Der offizielle Unfallbericht sprach von menschlichem Versagen. Die alten Arbeiter behaupteten hingegen, die Lokomotive sei von allein gefahren. Und sie hätten noch lange nach dem Unfall eine Stimme aus dem Führerstand gehört.
Als der Fotograf Daniel Reuter an einem verregneten Novemberabend das Gelände betrat, wusste er von dieser Geschichte nichts. Er war auf der Suche nach Motiven für eine neue Fotoreportage über vergessene Eisenbahnanlagen. Der Lokschuppen war ihm bereits mehrfach empfohlen worden. Ein gewaltiges Gebäude, authentischer Verfall, alte Werkstatttechnik und angeblich noch einige Maschinen im Inneren. Für ihn klang das nach einem perfekten Lost Place.
Das Tor war nur angelehnt. Mit einem kräftigen Ruck bekam Daniel es weit genug auf, um sich hindurchzuschieben. Sofort schlug ihm ein widerlicher Geruch entgegen. Altes Öl, feuchte Erde, Moder und etwas Süßliches, das ihn an verdorbenes Fleisch erinnerte. Er verzog das Gesicht und leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Halle. Der Lichtkegel wanderte über rostige Werkbänke, herunterhängende Kabel, zerbrochene Lampen und tiefe Wartungsgruben. Überall lagen Werkzeuge herum, als hätten die Arbeiter ihre Plätze nur kurz verlassen und wären nie zurückgekehrt.
In der hinteren Hälfte der Halle stand tatsächlich eine Lokomotive. Ein gewaltiges schwarzes Ungetüm, dessen Lack an vielen Stellen abgeplatzt war. Rost fraß sich durch die Kesselverkleidung, und an den Rädern klebten alte Schlammreste. Daniel trat näher. Auf dem Führerstand war eine verblasste Nummer zu erkennen. Er fotografierte die Maschine von mehreren Seiten und kletterte schließlich über eine rostige Leiter hinauf. Der Führerstand war überraschend gut erhalten. Ein verstaubter Sitz, ein zerbrochenes Glas, Hebel und Anzeigen. Auf dem Boden lag ein alter Lederhandschuh.
Dann hörte er es.
Ein kurzes, dumpfes Klopfen. Drei Schläge, direkt unter ihm.
Daniel hielt inne. Er leuchtete in die Tiefe, konnte aber nichts erkennen. Vielleicht ein loses Blechteil, das sich im Wind bewegte. Er wollte gerade wieder hinuntersteigen, als sich hinter ihm etwas bewegte. Ein schweres, schleifendes Geräusch, als würde jemand einen Eisenblock über den Boden ziehen.
„Hallo?“, rief Daniel.
Keine Antwort.
Stattdessen ertönte ein tiefes metallisches Knacken. Dann ein Zischen.
Daniel drehte sich langsam um. Aus dem Kessel der Lokomotive stieg ein dünner weißer Dampfstreifen auf. Er starrte darauf. Das war unmöglich. Die Maschine war seit Jahrzehnten außer Betrieb. Kein Feuer, kein Druck, keine Energieversorgung. Und doch begann irgendwo im Inneren etwas zu arbeiten.
Ein Hebel bewegte sich.
Ganz langsam.
Dann ein zweiter.
Aus dem Lautsprecher über dem Führerstand knackte es. Ein Rauschen, ein kurzes Pfeifen und schließlich eine heisere Stimme.
„Voss an Rangierleitung. Ich brauche freie Fahrt.“
Daniel erstarrte. Die Stimme klang, als käme sie aus einem alten Funkgerät, tief und kratzig, beinahe erstickt. Er griff nach seiner Kamera, doch seine Finger zitterten so stark, dass ihm das Gerät beinahe aus der Hand fiel.
„Wer ist da?“, brachte er hervor.
Die Antwort kam sofort.
„Die verdammte Schicht ist noch nicht vorbei.“
Im selben Moment setzte sich die Lokomotive in Bewegung.
Zuerst nur ein Ruck. Dann drehten sich die gewaltigen Räder langsam an. Metall kreischte auf Metall. Daniel verlor das Gleichgewicht und stürzte vom Führerstand. Er schlug hart auf dem Betonboden auf, spürte einen stechenden Schmerz in der Schulter und blieb benommen liegen. Die Lokomotive rollte an ihm vorbei. Langsam, schwer und mit einem Geräusch, das durch Mark und Bein ging.
Doch sie hatte keinen Antrieb. Kein Feuer, keinen Strom. Und trotzdem bewegte sie sich.
Daniel rappelte sich auf und rannte in Richtung Hallentor. Hinter ihm wurde das Geräusch immer lauter. Die Lokomotive beschleunigte. Funken sprühten unter den Rädern, obwohl die Schienen längst von Rost überzogen waren. Dann ertönte ein schriller Pfiff, so laut, dass Daniel sich die Ohren zuhielt.
Er erreichte die Werkstattgrube und stolperte. Im letzten Moment konnte er sich an einer Metallstrebe festhalten. Seine Taschenlampe fiel hinunter und beleuchtete den Grund der Grube. Dort lag etwas.
Ein Mensch.
Oder das, was von einem Menschen übrig geblieben war.
Zwischen ölverschmierten Werkzeugen und verrotteten Holzresten lag eine Gestalt in einer alten Eisenbahneruniform. Der Kopf war zur Seite gedreht, das Gesicht kaum noch zu erkennen. Ein Arm ragte unnatürlich weit unter dem Körper hervor. Auf der Brust klebte ein Namensschild.
HEINRICH VOSS.
Daniel wich zurück. Sein Magen zog sich zusammen. Er wollte schreien, doch aus seiner Kehle kam nur ein ersticktes Krächzen. Dann hörte er hinter sich Schritte.
Langsame, schwere Schritte.
„Du hast hier nichts verloren“, sagte eine Stimme.
Daniel drehte sich um.
Am anderen Ende der Grube stand ein Mann in einer alten Bahnuniform. Seine Kleidung war voller schwarzer Ölflecken, die Hände waren blutverschmiert. Das Gesicht war grau und auf der Stirn klaffte eine tiefe Wunde. Ein Auge hing halb geschlossen in der Höhle, die einmal sein Gesicht gewesen sein musste. Trotzdem lächelte der Mann.
„Die Schicht ist voll“, sagte er.
Daniel wich zurück. „Was zum Teufel sind Sie?“
Der Mann hob langsam den Kopf. „Der Rangierer.“
Dann zeigte er auf die Lokomotive.
„Und du bist zu spät gekommen.“
Mit einem brutalen Ruck sprang die Maschine an. Der Scheinwerfer auf der Vorderseite flammte auf und tauchte die Halle in ein grelles, gelbliches Licht. Daniel sah jetzt, was sich hinter den Fenstern des Führerstandes bewegte. Dort saßen Menschen. Mehrere Männer in alten Arbeitskleidern. Ihre Gesichter waren eingefallen, ihre Haut schwarz vor Ruß und Öl. Einer hatte keine Nase mehr, einem anderen fehlte der halbe Unterkiefer. Sie starrten Daniel an, ohne zu blinzeln.
Dann öffnete sich die Tür des Führerstandes.
„Einsteigen!“, brüllte Voss.
Daniel rannte los. Er stolperte über eine herumliegende Kette, schlug mit dem Gesicht auf den Boden und spürte, wie ihm Blut über die Lippen lief. Er schmeckte Eisen und Dreck. Hinter ihm donnerte die Lokomotive. Die Schienen bebten, der Boden vibrierte, und aus dem Schornstein quoll schwarzer Rauch, der sich unter dem Dach sammelte.
Er erreichte das Tor, doch es war nicht mehr da.
An seiner Stelle befand sich eine massive Backsteinwand.
Daniel hämmerte mit beiden Fäusten dagegen. Er schrie, fluchte und schlug sich die Knöchel auf. Hinter ihm kam die Lokomotive näher. Der Pfiff war jetzt unerträglich. Dann hörte er wieder die Stimme aus dem Lautsprecher.
„Letzte Durchsage. Alle Mann aufsteigen.“
Etwas packte ihn am Kragen und riss ihn herum. Es war Voss. Seine Finger fühlten sich an wie kalte Schraubstöcke. Daniel schlug nach ihm, traf aber nur auf etwas Hartes, Feuchtes. Der Rangierer grinste. Zwischen seinen Zähnen klebten schwarze Klumpen, und aus seinem Mund tropfte eine dunkle Flüssigkeit.
„Du hast doch fotografiert“, flüsterte er. „Dann kannst du auch bleiben.“
Daniel schrie, als ihn der Mann über den Beton zog. Seine Fingernägel kratzten über den Boden, seine Kamera zerbrach unter dem Gewicht seines Körpers. Die Lokomotive kam zum Stehen. Die Tür des Führerstandes stand offen. Einer der Männer streckte ihm eine Hand entgegen. Die Haut war verbrannt und hing in langen Fetzen von den Fingern.
„Komm schon“, sagte er. „Wir warten.“
Dann wurde es schwarz.
Am nächsten Morgen fand ein Spaziergänger das offene Hallentor. Im Inneren war alles still. Die Lokomotive stand wieder an ihrem alten Platz. Kein Rauch, kein Dampf, kein Geräusch. Nur ein paar frische Blutspuren auf dem Beton führten bis zur Werkstattgrube. Von Daniel fehlte jede Spur.
Die Polizei untersuchte das Gelände, fand aber weder eine Person noch Hinweise auf einen Unfall. Lediglich seine Kamera lag zerbrochen neben einer Wartungsgrube. Die Speicherkarte war erstaunlicherweise unbeschädigt. Auf den letzten Aufnahmen war zunächst die Lokomotive zu sehen, dann der Führerstand. Auf dem letzten Bild stand Daniel selbst vor der Maschine. Sein Gesicht war kreidebleich, der Mund weit geöffnet, die Augen vor Entsetzen aufgerissen.
Hinter ihm standen sechs Männer in alten Eisenbahneruniformen.
Und ganz vorne, direkt neben Daniel, war Heinrich Voss zu erkennen.
Einige Wochen später wurde das Gelände endgültig abgesperrt. Das Tor erhielt ein neues Schloss, die Zufahrt wurde mit Betonblöcken versperrt. Doch Anwohner berichten bis heute, dass sie in manchen Nächten ein tiefes Pfeifen hören. Kurz darauf folgen metallisches Rattern und das dumpfe Schlagen schwerer Räder auf Schienen.
Manchmal, kurz vor Mitternacht, soll sogar eine Stimme aus dem Lokschuppen dringen.
„Rangierleitung an Lokschuppen. Eine Person fehlt noch.“
Und wenn man genau hinhört, folgt darauf ein Geräusch, das klingt wie ein Mann, der verzweifelt gegen eine verschlossene Tür hämmert.
Denn im alten Lokschuppen ist die letzte Schicht noch lange nicht beendet.
Harald Kissinger
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