In Wałbrzych, dem früheren Waldenburg in Niederschlesien, steht ein außergewöhnliches Zeugnis der Stadtgeschichte vor einer ungewissen Zukunft. Das ehemalige Kino „Górnik“ ist seit Jahrzehnten geschlossen und inzwischen weitgehend zur Ruine geworden. Lediglich die markante, abgerundete Fassade erinnert noch an die Zeit, als das Gebäude zu den wichtigsten Kultur- und Veranstaltungsorten der Stadt gehörte. Die Stadt Wałbrzych versucht seit Jahren, eine neue Nutzung für den denkmalgeschützten Bau zu finden. Doch bislang fehlt ein Investor, der bereit ist, die enormen Kosten einer Sanierung zu übernehmen.
Vom „Capitol“ zum „Górnik“
Errichtet wurde das Gebäude Ende der 1920er-Jahre. Entworfen wurde es vom deutschen Architekten Ludwig Hermann Moshamer. Der Bau galt für das damalige Waldenburg als ausgesprochen modern. Statt historischer Ornamente prägten klare Formen, große Fensterflächen und eine dynamisch gerundete Fassade das Erscheinungsbild. Ursprünglich trug das Kino den Namen „Capitol“. Neben Filmvorführungen fanden dort auch Konzerte, Theaterveranstaltungen und weitere kulturelle Aktivitäten statt. Damit war das Haus weit mehr als ein gewöhnliches Kino. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Nutzung und auch der Name. Das Gebäude wurde zum „Bergarbeiter-Kulturhaus“ und eng mit der örtlichen Bergbauindustrie verbunden. Später setzte sich die Bezeichnung „Górnik“ durch.
Erinnerungen an eine längst vergangene Kinozeit
Besonders in den 1970er- und 1980er-Jahren erlebte das „Górnik“ seine Blütezeit. Neben Kinovorstellungen wurden dort unter anderem Ballett-, Gesangs- und Rhythmikkurse angeboten. Auch Konzerte gehörten zum Programm. Viele Einwohner verbinden mit dem Gebäude deshalb persönliche Erinnerungen. Auf der Leinwand liefen unter anderem internationale und polnische Publikumserfolge wie „Enter the Dragon“, „Die Schlacht um Midway“, „Sexmission“, „Kingsajz“ und „Jäger des verlorenen Schatzes“. Doch mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel verlor das Kino seine Bedeutung. Die letzte Vorstellung fand 1992 statt. 1999 wurde das Gebäude endgültig aufgegeben.
Rettungsversuch scheiterte
Bereits Mitte der 1990er-Jahre gab es Pläne, dem verlassenen Gebäude neues Leben einzuhauchen. Aus dem ehemaligen Kino sollte ein Theater werden. Doch statt einer erfolgreichen Umnutzung verschärfte sich der bauliche Verfall. Der ehemalige Zuschauerraum wurde wegen seines schlechten Zustands und der damit verbundenen Einsturzgefahr abgebrochen. Für eine vollständige Sanierung fehlte anschließend das notwendige Geld. Damit ging ein großer Teil des historischen Innenlebens verloren. Besonders die charakteristische Innenarchitektur des ehemaligen Kinos ist heute weitgehend verschwunden. Erhalten geblieben ist vor allem die prägnante Fassade.
Denkmalschutz macht Abriss und Umbau kompliziert
Das „Górnik“ steht im kommunalen Denkmalregister von Wałbrzych. Geschützt sind unter anderem der Baukörper, die Gestaltung der Fassaden, Fenster- und Türöffnungen sowie Teile der Raumstruktur und architektonische Details. Damit ist das Gebäude nicht einfach ein leerstehender Altbau, der abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden könnte. Gleichzeitig stellt der Denkmalschutz einen möglichen Investor vor zusätzliche Herausforderungen. Das Problem: Je länger das Gebäude leer steht, desto schwieriger und teurer dürfte seine Rettung werden.
90 Millionen Złoty für einen Konzertsaal
Einen ambitionierten Versuch, das Gebäude dauerhaft zu sichern, gab es 2013. Damals schrieb die Stadt einen Architekturwettbewerb für einen neuen Standort der Sudeten-Philharmonie aus. Vorgesehen war ein großer Konzertsaal mit rund 600 Plätzen. Zusätzlich sollte ein Kammermusiksaal für etwa 150 Besucher entstehen. Ergänzt werden sollte das Konzept durch weitere Räume für kulturelle Zwecke. Die kalkulierten Kosten lagen bei ungefähr 90 Millionen Złoty. Das Projekt erwies sich jedoch als finanziell nicht realisierbar und wurde nicht umgesetzt.
Stadt findet keinen Käufer
Auch ein Verkauf konnte das Problem bislang nicht lösen. 2023 bot Wałbrzych das ehemalige Kino für rund 1,5 Millionen Złoty an. Ein Käufer fand sich jedoch nicht. Das Gebäude befindet sich weiterhin im Besitz der Stadt. Statt einer neuen Nutzung bestimmen Verfall und Sicherungsmaßnahmen das Bild. 2026 wurden unter anderem die Fenster verschlossen beziehungsweise gesichert. Hintergrund waren auch frühere Vorfälle mit Bränden und Unfällen auf dem verlassenen Gelände.
Sanierung könnte 200 Millionen Złoty kosten
Inzwischen ist die finanzielle Dimension des Problems noch deutlicher geworden. Im Dezember 2025 bezifferte der Bürgermeister von Wałbrzych, Roman Szełemej, die Kosten für eine vollständige Sanierung auf etwa 200 Millionen Złoty. Für die Stadt ist eine solche Summe kaum aus eigener Kraft zu stemmen. Gleichzeitig eröffnet der geltende Bebauungsplan verschiedene Möglichkeiten für eine spätere Nutzung. Neben einem Kulturzentrum kommt beispielsweise auch ein Hotel infrage. Ein zukünftiger Investor müsste das Gebäude daher nicht zwingend wieder in ein Kino verwandeln. Entscheidend wäre vielmehr, eine tragfähige Nutzung zu finden, die den Erhalt des denkmalgeschützten Bauwerks wirtschaftlich ermöglicht.
Zwischen Denkmal und Lost Place
Das ehemalige „Górnik“ steht damit exemplarisch für ein Problem, das viele historische Gebäude in Polen und anderen europäischen Ländern betrifft: Die Erinnerung an ein Bauwerk ist groß, doch die Kosten für seine Rettung übersteigen häufig die Möglichkeiten der öffentlichen Hand. Von der einstigen Kulturstätte ist heute vor allem die markante modernistische Außenhülle geblieben. Dahinter befindet sich kein wiederhergestellter Kinosaal mehr, sondern ein stark verfallenes Gebäude.
Ob aus dem einstigen „Capitol“ beziehungsweise „Górnik“ noch einmal ein lebendiger Ort wird, ist deshalb offen. Sicher ist nur: Mit jedem weiteren Jahr des Leerstands wird die Frage nach der Zukunft des Wałbrzycher Denkmals dringlicher.
