Kinugawa Onsen. Einst war Kinugawa Onsen eines der bedeutendsten Thermal- und Reiseziele Japans. Heute prägen verlassene Hotelkomplexe das Bild des Ortes. Entlang des Kinugawa-Flusses stehen gewaltige Betonbauten leer, während auf der gegenüberliegenden Flussseite weiterhin Hotels Gäste empfangen. Der ungewöhnliche Lost Place erzählt vom Aufstieg und Niedergang einer ganzen Tourismusära. Die Geschichte von Kinugawa Onsen reicht weit zurück. Bereits 1691 wurde eine heiße Quelle am Kinugawa-Fluss dokumentiert. Zunächst blieb das Thermalwasser einer privilegierten Gruppe vorbehalten. Erst später entwickelte sich die Region zu einem öffentlich zugänglichen Kur- und Erholungsort. 1927 wurden zwei getrennte Quellgebiete zum heutigen Kinugawa Onsen zusammengeführt.
Den entscheidenden Schub brachte schließlich die Eisenbahn. Mit dem Anschluss an das Verkehrsnetz Richtung Tokio im Jahr 1929 wurde der abgelegene Ort wesentlich besser erreichbar. Kinugawa Onsen entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem beliebten Ziel für Erholungssuchende aus der Hauptstadtregion.
Japans Wirtschaftswunder ließ die Hotels wachsen
Seine große Zeit erlebte Kinugawa Onsen zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren. Japans Wirtschaft boomte, Unternehmen organisierten Ausflüge für ihre Beschäftigten und Familien reisten zu Wochenendaufenthalten in die Thermalregion. Entlang des Flusses entstanden immer größere Hotels und Gästehäuser. Die Architektur folgte dem damaligen Tourismusmodell: große Gebäudekomplexe, zahlreiche Zimmer und eine Infrastruktur, die möglichst viele Gäste gleichzeitig aufnehmen konnte. 1993 erreichte der Tourismus seinen Höhepunkt. Kinugawa Onsen und das benachbarte Kawaji Onsen kamen gemeinsam auf rund 3,41 Millionen Übernachtungsgäste. Allein Kinugawa Onsen verzeichnete mehr als drei Millionen Übernachtungen.
Dann platzte Japans Wirtschaftsblase
Der Boom erwies sich jedoch als nicht dauerhaft. Mit dem Platzen der japanischen Wirtschaftsblase Anfang der 1990er-Jahre veränderte sich auch das Reiseverhalten. Firmenausflüge verloren an Bedeutung, Gruppenreisen gingen zurück und kleinere sowie günstigere Unterkünfte wurden für viele Reisende attraktiver. Die riesigen Hotelanlagen, die einst vom Massentourismus profitiert hatten, gerieten zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Leerstände und finanzielle Probleme waren die Folge. Ein weiterer Einschnitt erfolgte 2003. Die Ashikaga Bank, die für die Finanzierung vieler Tourismusunternehmen in der Region eine wichtige Rolle spielte, wurde verstaatlicht. Bereits hoch verschuldete Hotelbetreiber verloren damit eine wichtige finanzielle Stütze.
Naturkatastrophen verschärfen den Niedergang
Zu den wirtschaftlichen Problemen kamen Naturkatastrophen. Das schwere Erdbeben von 2011 und spätere Überschwemmungen beschädigten die ohnehin angeschlagenen Strukturen zusätzlich. Immer mehr Hotels gaben auf. Wo einst Reisebusse vorfuhren und Urlauber ihre Koffer ausluden, blieben die Gebäude schließlich sich selbst überlassen. Die einstigen Ferienanlagen wurden zu Lost Places. Betonfassaden verwitterten, Fenster verschwanden und die Natur begann, sich die aufgegebenen Gebäudekomplexe zurückzuerobern. Heute ragen die verlassenen Hotelbauten wie Relikte einer untergegangenen Tourismuswelt über dem Fluss auf.
Warum die Hotelruinen nicht einfach verschwinden
Dass die verlassenen Gebäude bis heute stehen, hat mehrere Gründe. Ein wesentlicher Faktor ist die komplizierte Eigentumssituation. Bei einigen Immobilien sind Eigentümer nicht mehr auffindbar, verstorben oder ohne Erben geblieben. Ein Abriss lässt sich dadurch rechtlich und organisatorisch erheblich erschweren. Hinzu kommen die Kosten. Der Rückbau der teilweise gewaltigen Betonkomplexe ist aufwendig und teuer. Gleichzeitig befinden sich einige Gebäude unmittelbar über Thermalquellen. Diese Quellen sind weiterhin Teil der Infrastruktur des noch funktionierenden Tourismus auf der gegenüberliegenden Flussseite.
Damit ist ein einfacher Abriss nicht möglich, ohne zugleich die geologischen und technischen Bedingungen des gesamten Areals zu berücksichtigen.
Forschungsprojekt sollte Abrissmöglichkeiten klären
Die Frage nach dem Umgang mit den verlassenen Hotels wurde schließlich auch wissenschaftlich untersucht. 2021 starteten die Stadt Nikko und die Universität Utsunomiya ein gemeinsames Forschungsprojekt. Dabei ging es unter anderem darum, ob und unter welchen Bedingungen die aufgegebenen Gebäude beseitigt werden könnten. Das Ergebnis war ernüchternd: Ein Abriss ließ sich zu diesem Zeitpunkt nicht umsetzen. Stattdessen wurden die verlassenen Gebäude im März 2022 gegen unbefugtes Betreten gesichert. Damit blieb die Situation weitgehend unverändert: Die Ruinen stehen weiterhin am Fluss und verfallen.
Ein Lost Place mitten im lebendigen Ferienort
Besonders ungewöhnlich ist, dass Kinugawa Onsen keineswegs vollständig aufgegeben wurde. Der Ort existiert weiterhin als Tourismusdestination. Während auf einer Seite des Flusses die verlassenen Hotelkolosse das Landschaftsbild bestimmen, werden auf der anderen Seite nach wie vor Hotels betrieben. Gäste kommen weiterhin in die Region, um die Thermalquellen und die Landschaft zu genießen. So treffen in Kinugawa zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander: funktionierender Tourismus und aufgegebene Hotelarchitektur. Die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart verläuft dabei praktisch mitten durch den Ferienort.
Die Ruinen werden selbst zur Attraktion
Mit dem zunehmenden internationalen Interesse an Japan hat sich auch die Wahrnehmung der verlassenen Hotels verändert. Fotos und Videos der Ruinen kursieren in sozialen Netzwerken und machen Kinugawa Onsen zu einem bekannten Motiv für Urbexer und Lost-Places-Fotografen. Die verfallenden Gebäude erzählen dabei mehr als nur eine Geschichte über Leerstand. Sie dokumentieren den Aufstieg des japanischen Massentourismus, die wirtschaftliche Krise der 1990er-Jahre und den Wandel der Urlaubsgewohnheiten. Gerade die Größe der Anlagen macht den Verfall besonders eindrucksvoll. Wo einst hunderte oder sogar tausende Menschen Urlaub machten, herrscht heute in den aufgegebenen Gebäuden Stille.
Lost Place mit erheblicher Gefahr
Trotz der spektakulären Bilder sollte der Ort nicht als frei zugängliches Abenteuerziel missverstanden werden. Die verlassenen Gebäude befinden sich teilweise in schlechtem Zustand. Einsturzgefährdete Bauteile, beschädigte Böden und andere Gefahren machen das Betreten riskant. Hinzu kommt die rechtliche Situation: Das Betreten fremder Grundstücke ist in Japan verboten und kann entsprechend geahndet werden. Die Sicherungsmaßnahmen aus dem Jahr 2022 zeigen zudem, dass die Gebäude keineswegs als öffentliche Sehenswürdigkeiten freigegeben sind.
Kinugawa Onsen als Mahnmal des Massentourismus
Kinugawa Onsen steht heute exemplarisch für die Schattenseite einer vergangenen Tourismusära. Die verlassenen Hotelbauten sind keine künstlich inszenierte Geisterstadt, sondern das Ergebnis eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels. Die Ruinen zeigen, wie schnell eine touristische Infrastruktur an Bedeutung verlieren kann, wenn sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Reisegewohnheiten und Finanzierungsmodelle verändern. Gleichzeitig macht der Fall deutlich, wie schwierig der Umgang mit großen aufgegebenen Gebäuden werden kann, wenn Eigentumsverhältnisse ungeklärt sind und ein Rückbau enorme Kosten verursacht.
Während auf der einen Seite des Kinugawa-Flusses weiterhin Urlauber in Thermalhotels einchecken, erinnern die gegenüberliegenden Betonruinen daran, dass auch die erfolgreichsten Tourismuskonzepte nicht für die Ewigkeit gebaut sind.
