Schornsteine des swb-Kohlekraftwerks verschwinden

Foto: Ra Boe/CC BY-SA 3.0
Foto: Ra Boe/CC BY-SA 3.0

Bremen. Bremen verliert ein weithin sichtbares Wahrzeichen seiner Industriegeschichte. Im Industriehafen hat der Rückbau der Schornsteine des ehemaligen swb-Kraftwerks begonnen. Besonders einschneidend ist das Ende des mehr als 250 Meter hohen Schornsteins von Block 6. Er ist bislang das höchste Bauwerk der Hansestadt und prägt die Bremer Skyline seit Jahrzehnten. Auch der rund 114 Meter hohe Schornstein von Block 5 wird verschwinden.

Was jetzt Stück für Stück abgetragen wird, ist mehr als ein überdimensionaler Kamin. Die beiden Bauwerke stehen für eine Epoche, in der Steinkohle einen wesentlichen Teil der Bremer Energieversorgung sicherte. Mit ihrem Verschwinden wird der Wandel des Kraftwerksstandorts nun auch von weitem sichtbar.

Zwei Kraftwerksblöcke prägten Bremen

Block 5 ging 1968 in Betrieb, Block 6 folgte 1979. Beide Anlagen wurden zunächst zur Stromerzeugung eingesetzt. Ab den frühen 1990er-Jahren wurde zusätzlich Fernwärme für den Bremer Westen ausgekoppelt. Block 6 entwickelte sich dabei zum leistungsstärksten mit Steinkohle betriebenen Kraftwerksblock der swb-Gruppe. Er verfügte zuletzt über eine Nettoleistung von rund 300 Megawatt. Block 5 wurde Ende 2016 endgültig stillgelegt. Block 6 folgte am 7. Juli 2021. Mit der Abschaltung des größeren Blocks endete für Bremen ein bedeutendes Kapitel der Kohleverstromung. Nach Angaben der Stadt konnten dadurch die CO₂-Emissionen im Land Bremen um rund 1,5 Millionen Tonnen jährlich reduziert werden.

Das Ende kommt nicht mit der Sprengung

Der Abschied von den beiden Kolossen erfolgt ungewöhnlich unspektakulär. Die Schornsteine werden nicht gesprengt, sondern kontrolliert von oben nach unten zurückgebaut. Bereits seit März 2026 laufen vorbereitende Arbeiten im Inneren. Der Abbruch des kleineren Schornsteins von Block 5 begann im Juni. Beim 250-Meter-Schornstein von Block 6 soll der Rückbau ab November 2026 auch von außen deutlich sichtbar werden. Spezialgeräte werden am oberen Rand der Konstruktionen eingesetzt und tragen die Bauwerke schrittweise ab. Das Material fällt dabei nicht unkontrolliert zu Boden, sondern wird im Inneren gesammelt und anschließend abtransportiert. Der gesamte Rückbau soll nach derzeitiger Planung Anfang 2028 abgeschlossen sein.

Schadstoffe machen den Rückbau kompliziert

Der kontrollierte Abbruch hat auch mit der problematischen Bausubstanz der alten Kraftwerksanlagen zu tun. Nach Angaben des Beirats Gröpelingen enthalten die Schornsteine unter anderem Asbest, künstliche Mineralfasern, Schwermetalle und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Deshalb ist ein kontrollierter Rückbau ohne Sprengung vorgesehen. Für die Umgebung sind während der Arbeiten insbesondere Lärm- und Staubemissionen ein Thema. Damit verschwindet ein Stück Industriearchitektur nicht einfach über Nacht. Der Rückbau ist ein technisch aufwendiges Verfahren, bei dem die ehemaligen Kraftwerksanlagen kontrolliert zerlegt und die anfallenden Materialien entsprechend behandelt und abtransportiert werden.

Platz für eine neue Energieinfrastruktur

Mit dem Ende der Kohlekraftwerke wird das Gelände jedoch nicht aufgegeben. Die frei werdenden Flächen sollen für die Weiterentwicklung des Energiestandorts genutzt werden. Auf dem Kraftwerksgelände ist bereits heute eine thermische Verwertungsanlage in Betrieb, die unter anderem zur Fernwärmeversorgung im Bremer Westen beiträgt. Der Rückbau der Schornsteine ist damit Teil eines größeren Strukturwandels. Aus einem klassischen Kohlekraftwerksstandort soll schrittweise ein Standort für eine veränderte Energieinfrastruktur werden.

Ein Wahrzeichen verschwindet aus der Bremer Skyline

Für die Bremer Stadtansicht bedeutet der Abriss trotzdem einen deutlichen Einschnitt. Der mehr als 250 Meter hohe Schornstein war über Jahre hinweg aus großer Entfernung zu erkennen. Selbst die offizielle Standortwerbung Bremens bezeichnete ihn als höchstes Bauwerk der Stadt. Nun verschwindet dieses industrielle Landmark Stück für Stück. Übrig bleibt zunächst die Erinnerung an eine Kraftwerksära, die Bremen über Jahrzehnte geprägt hat. Die Türme erzählen von Kohle, Stromproduktion und Fernwärme – aber auch vom technischen und politischen Wandel der Energieversorgung.

Ein Relikt weniger – eine neue Industriebrache?

Für die Industriekultur stellt sich damit zugleich eine andere Frage: Was bleibt von diesem Kapitel Bremer Kraftwerksgeschichte sichtbar erhalten? Die Schornsteine selbst werden nicht zu Industriedenkmälern, sondern verschwinden. Gleichzeitig wird das Gelände weiter industriell genutzt und entwickelt. Der Rückbau markiert deshalb einen bemerkenswerten Moment: Bremen verliert sein höchstes Bauwerk, während am selben Ort eine neue Energieinfrastruktur entsteht. Wo jahrzehntelang zwei gewaltige Kohleschlote den Himmel über dem Hafen dominierten, soll künftig eine andere Form der Energieerzeugung und -versorgung sichtbar werden.

Der Wandel lässt sich dabei kaum deutlicher beobachten als an der Silhouette selbst. Der Bremer „Industrie-Riese“ wird nicht abgeschaltet – er wird abgetragen.

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