Rüdersdorf bei Berlin. Das ehemalige Chemiewerk in Rüdersdorf bei Berlin gehört zu den markantesten Industrieruinen im Berliner Umland. Seit dem Ende der Produktion verfällt das weitläufige Areal. Nun liegt laut dem Portal „Entwicklungsstadt“ eine neue städtebauliche Perspektive auf dem Tisch: Das Architekturbüro Max Dudler hat eine Studie vorgestellt, die auf dem rund 13,5 Hektar großen Gelände ein neues Wohnquartier vorsieht. Dabei sollen prägende Strukturen der alten Fabrik in die Neubebauung integriert werden. Ein konkretes Bauprojekt ist daraus allerdings noch nicht geworden.
20 Jahre Stillstand auf dem ehemaligen Werksgelände
Das Areal an der Gutenbergstraße blickt auf eine wechselvolle Industriegeschichte zurück. Große Teile der heute noch vorhandenen Fabrikanlagen entstanden zwischen 1940 und 1942. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Anlagen demontiert, bevor der Standort ab 1950 wieder industriell genutzt wurde. Produziert wurde unter anderem Glühphosphat und später Calcium-Natrium-Phosphat für die Futtermittelindustrie. Das Werk gehörte schließlich zum VEB Chemiewerk Coswig beziehungsweise zum Kombinat Agrochemie Piesteritz. Nach der politischen Wende lief die Produktion noch einige Jahre weiter. 1999 war endgültig Schluss. Seitdem stehen die Gebäude weitgehend leer.
Eine Industrieruine mit Filmkarriere
Was für die Industriegeschichte ein verlorener Produktionsstandort ist, wurde für die Filmbranche zu einer gefragten Kulisse. Die verfallenen Hallen, Schornsteine und technischen Strukturen dienten unter anderem als Schauplatz für Produktionen wie „Enemy at the Gates“, „The Monuments Men“, „Inglourious Basterds“ und „Die Tribute von Panem“. Auch die Serie „Homeland“ nutzte das Gelände. In „Dark“ wurde die Rüdersdorfer Industriebrache sogar zum Schauplatz eines fiktiven Atomkraftwerks. Damit besitzt das Chemiewerk längst eine zweite Geschichte: Die einstige Produktionsstätte wurde zum Lost Place und zugleich zu einem international sichtbaren Filmstandort.
Wohnen statt Abrissbirne
Die aktuelle Studie des Architekturbüros Max Dudler setzt auf einen anderen Umgang mit der Industriebrache. Statt das Gelände vollständig zu räumen, sollen wesentliche Teile der vorhandenen Industriearchitektur in ein neues Quartier eingebunden werden. Vorgesehen ist eine relativ dichte Bebauung entlang einer zentralen Erschließungsachse. Diagonal angelegte Wege sollen Verbindungen zum Wasser herstellen. Welche Fabrikgebäude tatsächlich erhalten bleiben, ist allerdings noch nicht abschließend festgelegt. Auch die Zahl möglicher Wohnungen und weitere Nutzungen sind derzeit offen. Ein verbindlicher Realisierungszeitplan existiert ebenfalls nicht.
Kein völlig neuer Gedanke
Die Idee, aus dem verlassenen Chemiewerk etwas Neues zu entwickeln, ist nicht neu. Bereits der Schinkel-Wettbewerb 2022 beschäftigte sich unter dem Titel „Ressource Rüdersdorf – neu aufgemischt“ mit dem Areal. Die eingereichten Entwürfe reichten von einer weitgehenden Transformation der vorhandenen Bauten bis hin zu Konzepten, die Teile der Industrieanlage der Natur überlassen wollten. Auch frühere Planungen sahen eine Wohnentwicklung vor. 2021 war von rund 800 Wohnungen auf dem ehemaligen Futterphosphatwerk die Rede. Der damalige Eigentümer hielt sich jedoch verschiedene Nutzungsmöglichkeiten offen.
Altlasten und Denkmalschutz als große Hürden
Eine Nachnutzung des Areals dürfte allerdings erheblich anspruchsvoller sein als eine gewöhnliche Wohnbauentwicklung. Jahrzehntelange industrielle Nutzung hinterlässt nicht nur wertvolle Bausubstanz, sondern kann auch Altlasten und kontaminierte Böden bedeuten. Gleichzeitig müssen bei einem denkmalgeschützten Industrieensemble Fragen des Erhalts, der Sicherung und einer zeitgemäßen Nutzung miteinander vereinbart werden. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung des Projekts: Aus einer großflächigen Industriebrache soll ein funktionierender Stadtbaustein werden, ohne die Geschichte des Ortes vollständig auszulöschen.
Ein Quartier mit ungewöhnlicher Kulisse
Auch die Lage macht das Gelände interessant. Das ehemalige Chemiewerk grenzt unmittelbar an den Museumspark Rüdersdorf und liegt am Wasser. Die städtebauliche Studie versucht, diese Lage mit der industriellen Vergangenheit zu verbinden. Vorgesehen ist zudem ein Energiekonzept mit Flusswärmepumpe und Geothermie; Photovoltaikanlagen auf den Dächern sollen Strom für die Wärmepumpen liefern. Rüdersdorf entwickelt sich damit weiter – und steht zugleich vor der Frage, wie viel seiner industriellen Vergangenheit in der Zukunft noch sichtbar sein soll. Die Gemeinde erhält für ihre allgemeine Stadtentwicklung derzeit ebenfalls erhebliche Fördermittel. Im Februar 2026 wurden Bund und Land zufolge weitere 1,43 Millionen Euro für verschiedene Stadtentwicklungsprojekte bewilligt.
Vom Lost Place zum lebendigen Ort?
Noch ist offen, ob aus der Dudler-Studie tatsächlich ein neues Wohnquartier entsteht. Fest steht aber: Das Chemiewerk Rüdersdorf ist längst mehr als eine verlassene Fabrik. Es ist ein Zeugnis der DDR-Industriegeschichte, ein Industriedenkmal, eine berühmte Filmkulisse und ein enormes städtebauliches Entwicklungsareal.
Sollte die Transformation gelingen, könnte aus einem jahrzehntelang abgeschotteten Lost Place ein neuer Teil Rüdersdorfs werden. Entscheidend wird dabei sein, ob die industrielle Identität des Ortes tatsächlich integriert wird – oder am Ende doch nur einige Fassaden als Erinnerung an das verschwundene Werk übrig bleiben.
