Valhallabadet: Europäische Experten warnen vor Abriss

Foto: Europa Nostra/CC BY-NC-SA 4.0
Foto: Europa Nostra/CC BY-NC-SA 4.0

Göteborg. Die traditionsreiche Schwimmhalle Valhallabadet in Göteborg steht weiterhin vor dem Abriss. Ein europäisches Expertenteam fordert nun ausdrücklich, die Zukunft des bedeutenden Nachkriegsbaus neu zu bewerten. Die Anlage zählt zu den wichtigsten öffentlichen Schwimmbädern der schwedischen Stadt, empfängt jährlich rund 500.000 Besucher und gilt zugleich als herausragendes Beispiel moderner Architektur der 1950er Jahre.

Ein Bauwerk mit internationaler Bedeutung

Das Valhallabadet wurde 1956 eröffnet und entstand nach Entwürfen des Architekten Nils Olsson. Die Planung geht auf das Jahr 1948 zurück. Charakteristisch sind die klaren Linien der Nachkriegsmoderne, großzügige Innenräume und markante abstrakte Mosaike. Für die architektonische Gestaltung erhielt das Projekt bereits bei den Olympischen Spielen 1948 eine Bronzemedaille für Architektur. Damit ist das Schwimmbad weit mehr als eine gewöhnliche Sportstätte. Es steht exemplarisch für eine Epoche, in der öffentliche Architektur in Schweden zunehmend mit gesellschaftlichen Ansprüchen verbunden wurde. Schwimmbäder sollten nicht mehr ausschließlich der Körperpflege dienen, sondern ebenso Sport, Freizeit, Gesundheit und soziale Begegnung ermöglichen. Genau diese Funktion erfüllt Valhallabadet bis heute.

Rund eine halbe Million Menschen nutzen die Anlage

Die Bedeutung des Gebäudes lässt sich nicht allein anhand seiner Architektur erklären. Valhallabadet ist nach wie vor eine intensiv genutzte öffentliche Einrichtung. Nach Angaben des Betreibers kommen jährlich knapp 500.000 Besucher. Die Anlage verfügt unter anderem über ein 50-Meter- und ein 25-Meter-Becken, weitere kleinere Becken sowie einen zehn Meter hohen Sprungturm. Auch nach mehreren Modernisierungen ist der Charakter der 1950er Jahre weitgehend erhalten geblieben.

Gerade diese Verbindung aus denkmalwürdiger Bausubstanz und aktueller Nutzung macht den Fall für die internationale Fachwelt besonders interessant. Anders als bei vielen bedrohten Kulturdenkmalen handelt es sich nicht um ein leerstehendes Gebäude, das erst wieder einer Nutzung zugeführt werden müsste. Valhallabadet funktioniert als öffentliche Einrichtung bis heute.

Abriss für ein neues Veranstaltungsareal

Der Konflikt entsteht durch die langfristigen Entwicklungspläne der Stadt Göteborg. Das Gebiet rund um Valhallabadet und die benachbarte Scandinavium-Arena soll umfassend neu geordnet werden. Vorgesehen sind unter anderem eine neue Multifunktionsarena sowie ein neues Centralbad. Dafür soll das bestehende Valhallabadet weichen. Die Stadt verfolgt damit ein langfristig angelegtes Großprojekt. Nach der derzeitigen Planung könnte das neue Centralbad im ersten Quartal 2031 fertiggestellt werden. Erst danach soll Valhallabadet demontiert beziehungsweise abgerissen werden. Für die neue Multifunktionsarena wird derzeit mit einer Fertigstellung im Jahr 2034 gerechnet, wobei die Stadt selbst auf erhebliche zeitliche Unsicherheiten hinweist.

Europa Nostra fordert Kurskorrektur

Valhallabadet wurde bereits 2025 in das Programm „7 Most Endangered“ von Europa Nostra und dem Institute der Europäischen Investitionsbank aufgenommen. Das Programm macht auf besonders gefährdete Kulturdenkmale in Europa aufmerksam. Die Schwimmhalle gehört dabei zu den modernen Bauwerken, die wegen eines unmittelbar drohenden Abrisses ausgewählt wurden. Im März 2026 untersuchte ein internationales Expertenteam die Situation vor Ort. Zwischen dem 16. und 21. März fanden Gespräche mit Denkmalpflegern, Architekten, Behördenvertretern, politischen Entscheidungsträgern und lokalen Initiativen statt. Auch das Gebäude selbst und sein städtebauliches Umfeld wurden untersucht.

Experten sehen Alternativen zum Abriss

Der nun veröffentlichte Bericht stellt die bisherige Planung grundsätzlich infrage. Nach Einschätzung des Expertenteams sollte nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass die städtebaulichen Ziele Göteborgs nur mit dem Abriss des Schwimmbades umgesetzt werden können. Stattdessen müsse geprüft werden, ob sich die bestehenden Gebäude erhalten, modernisieren und in eine neue Gesamtplanung integrieren lassen. Nach Angaben von Europa Nostra existieren bereits unterschiedliche architektonische Ansätze, die eine Weiterentwicklung des Areals unter Einbeziehung von Valhallabadet ermöglichen würden.

Besonders kritisch bewerten die Experten, dass entsprechende Alternativen bislang nicht ausreichend in die offiziellen Planungsprozesse einbezogen worden seien. Bei einer früheren städtischen Architekturkonkurrenz war der Erhalt von Valhallabadet und Scandinavium demnach überhaupt keine mögliche Planungsvariante.

Denkmalpflege trifft auf Stadtentwicklung

Der Fall Valhallabadet berührt damit eine grundsätzliche Frage moderner Stadtentwicklung: Was geschieht mit Gebäuden der Nachkriegsmoderne, wenn sie einer neuen städtebaulichen Vision im Weg stehen? Die Stadt Göteborg hat einen hohen Bedarf an moderner Sport- und Veranstaltungsinfrastruktur. Gleichzeitig besitzt Valhallabadet nach Einschätzung der Fachleute einen architektur-, kultur- und sozialgeschichtlichen Wert, der über die Stadtgrenzen hinausreicht. Europa Nostra sieht deshalb die Notwendigkeit, Neubaupläne und Bestandsschutz nicht als zwangsläufige Gegensätze zu behandeln.

Auch der schwedische Denkmalschutz bietet in diesem konkreten Fall nur begrenzte Möglichkeiten. Nach den von Europa Nostra dokumentierten Gesprächen kann die zuständige regionale Behörde ein Gebäude zwar grundsätzlich unter Schutz stellen. In der praktischen Anwendung der geltenden Regelungen hat die Stadt Göteborg als Eigentümerin jedoch erheblichen Einfluss auf eine solche Unterschutzstellung.

Der politische Streit um Valhallabadet

Der Erhalt des Schwimmbades ist inzwischen auch zu einem politischen Thema geworden. Bereits 2022 wurde in Göteborg die grundsätzliche Richtung für die Entwicklung des Areals festgelegt. 2025 bestätigte der Stadtrat den weiteren Kurs hin zu einem neuen Centralbad und einer neuen Arena. Gleichzeitig ist die politische Unterstützung für das Gesamtprojekt nicht mehr völlig geschlossen. Europa Nostra berichtet von unterschiedlichen Positionen innerhalb der Stadtpolitik und von einer wachsenden öffentlichen Debatte über die Zukunft des Gebäudes. Die lokale Initiative FASAD setzt sich gemeinsam mit weiteren Unterstützern für den Erhalt ein.

Ein Präzedenzfall für die Nachkriegsmoderne

Die Auseinandersetzung um Valhallabadet reicht deshalb weit über Göteborg hinaus. Viele Bauten der Nachkriegsmoderne stehen heute vor einem ähnlichen Problem: Sie sind noch nicht alt genug, um allgemein als historisch wertvoll wahrgenommen zu werden, zugleich entsprechen ihre Strukturen häufig nicht mehr den Anforderungen heutiger Großprojekte. Für Europa Nostra zeigt der Fall, dass gerade diese Gebäude stärker in den Fokus der Denkmalpflege rücken müssen. Valhallabadet sei ein Beispiel dafür, dass architektonische Qualität, öffentliche Nutzung und nachhaltige Stadtentwicklung miteinander verbunden werden könnten, anstatt den Bestand grundsätzlich durch einen Neubau zu ersetzen.

Abriss oder Weiterbauen mit Bestand?

Noch ist das letzte Wort über die Zukunft des Valhallabadet nicht gesprochen. Die Stadt verfolgt weiterhin ihre Planungen für das neue Centralbad und das Veranstaltungsareal. Gleichzeitig liegt nun eine europäische Expertenbewertung vor, die eine erneute Prüfung des eingeschlagenen Weges verlangt.

Der Streit in Göteborg ist damit zu einem klassischen Konflikt zwischen Abriss und Neubau auf der einen und Erhalt, Umbau und Weiterentwicklung auf der anderen Seite geworden. Valhallabadet steht dabei beispielhaft für eine Frage, die inzwischen zahlreiche europäische Städte beschäftigt: Muss ein funktionierendes und architektonisch bedeutendes Gebäude verschwinden, damit eine Stadt sich weiterentwickeln kann – oder kann gerade sein Erhalt Bestandteil dieser Entwicklung sein?

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