Bunkerführung im Wald – Lost Places entdecken

Foto: WORhausen/CC BY-SA 3.0
Foto: WORhausen/CC BY-SA 3.0

Geretsried. Was heute wie ein gewöhnlicher Wald am Isarhochufer wirkt, war einst ein streng abgeschirmter Rüstungsstandort. In Geretsried erinnern bis heute Betonstraßen, Gebäudereste, Bunker und andere Relikte an die beiden Munitionswerke, die während der NS-Zeit im damaligen Forstbezirk Wolfratshausen errichtet wurden. Am 11. Oktober 2026 führt eine historische Tour durch Teile dieses heute weitgehend überwachsenen Areals. Die Veranstaltung des Tölzer Landes ist dabei weit mehr als eine klassische Lost-Place-Tour. Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines Ortes, dessen Entstehung unmittelbar mit der nationalsozialistischen Aufrüstung und dem Zweiten Weltkrieg verbunden ist.

Tarnung als „Schokoladenfabrik“

Der Aufbau der Rüstungsindustrie begann ab 1938 unter strenger Geheimhaltung. Im Wald entstanden zwei große Werke der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG) und der Deutschen Sprengchemie (DSC). Nach außen wurde die tatsächliche Funktion des Areals verschleiert. In der Bevölkerung kursierte unter anderem die Bezeichnung „Schokoladenfabrik“. Das Gelände war gewaltig. Die Gesamtfläche der beiden Werke umfasste rund 720 Hektar. Mehr als 70 Kilometer Betonstraßen, Werkbahnen sowie eigene Versorgungs- und Infrastrukturanlagen erschlossen den weitläufigen Industriekomplex. Die Gebäude wurden so in den Wald eingebettet und teilweise mit Erdwällen umgeben, dass sie aus der Luft möglichst schwer zu erkennen waren.

Sprengstoff für den Krieg

Im Werk Tal I, das von der DAG beziehungsweise ihrer Tochtergesellschaft Verwertchemie betrieben wurde, begann 1940 die Produktion von Sprengstoffen. Geretsried entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Produktionsstandorte für Nitropenta im Deutschen Reich. Im Werk Tal II wurden Sprengstoffe unter anderem weiterverarbeitet und für die Herstellung von Granaten und Zündladungen eingesetzt. Hinter der scheinbaren Abgeschiedenheit des Waldes verbarg sich damit eine hochmoderne und zugleich hochgefährliche Rüstungsindustrie. Tausende Menschen arbeiteten in den beiden Werken. Unter ihnen waren neben deutschen Beschäftigten auch ausländische Arbeitskräfte und Zwangsarbeiter. Die Stadt Geretsried verweist ausdrücklich auf die oftmals harte und menschenunwürdige Behandlung der Zwangsarbeiter.

Der Wald wurde zur Tarnkappe

Die besondere Bauweise prägt das Gelände bis heute. Produktionsgebäude, Bunker und andere Anlagen wurden auf Abstand zueinander errichtet. Erdwälle sollten bei Explosionen die Wirkung begrenzen. Bäume und Bewuchs dienten gleichzeitig als natürliche Tarnung. Viele dieser Strukturen sind inzwischen überwuchert oder nur noch fragmentarisch erhalten. Wer heute durch den Wald geht, stößt deshalb nicht auf eine klassische Industrieruine mit großen Hallen, sondern auf ein ungewöhnliches Nebeneinander von Natur und militärischer Infrastruktur. Betonreste, alte Wege und Gebäudefragmente lassen die ursprüngliche Dimension des Areals nur noch erahnen.

1945 endet die Rüstungsproduktion

Der Krieg hinterließ auch in Geretsried deutliche Spuren. Die Rüstungswerke wurden im April 1945 von US-amerikanischen Bombern angegriffen. Nach Kriegsende folgten Demontage und Sprengung zahlreicher Produktionsgebäude und Bunker. Die Geschichte des Areals war damit allerdings keineswegs beendet. Ab 1946 wurden Teile der vorhandenen Infrastruktur für die Unterbringung von Heimatvertriebenen genutzt. Aus dem ehemaligen Rüstungsstandort entwickelte sich schrittweise die Grundlage für die spätere Stadt Geretsried. Noch heute bestimmen ehemalige Werkstraßen und andere bauliche Hinterlassenschaften das Stadtbild.

Geretsrieds Vergangenheit liegt unter dem Blätterdach

Die Besonderheit des Ortes liegt deshalb in seiner Doppelgeschichte. Einerseits handelt es sich um einen historischen Rüstungsstandort mit einer belasteten NS-Vergangenheit. Andererseits bildete genau dieses Gelände nach 1945 eine wichtige Grundlage für die Entwicklung der jungen Stadt. Der Arbeitskreis Historisches Geretsried beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dieser Vergangenheit. Historische Führungen und Dokumentationen sollen sichtbar machen, was von den beiden Munitionswerken geblieben ist und welche Geschichte sich hinter den heute unscheinbaren Relikten verbirgt.

Führung macht verborgene Strukturen sichtbar

Die für den 11. Oktober 2026 angekündigte Führung setzt genau dort an. Nach Angaben des Tölzer Landes führt die rund vierstündige Tour durch Waldabschnitte rund um das frühere Werksgelände. Anhand historischer Pläne werden Wege, Gebäudereste und Spuren der ehemaligen Produktionsbereiche eingeordnet. Auch die Frühgeschichte Geretsrieds gehört zum Programm. Treffpunkt ist der Parkplatz der Firma ROHI in Geretsried. Die Führung beginnt um 13 Uhr und soll gegen 16.30 Uhr enden. Vorgesehen sind mindestens acht und maximal 30 Teilnehmer. Geführt wird die Tour von Alexander Jochum vom Arbeitskreis Historisches Geretsried. Aufgrund des Geländes werden wetterfeste Kleidung und geländetaugliches Schuhwerk empfohlen.

Lost Place mit historischer Verantwortung

Geretsried zeigt beispielhaft, dass Lost Places nicht nur spektakuläre Fotomotive sein können. Gerade ehemalige Rüstungsstandorte verlangen einen anderen Blick. Hinter überwucherten Betonwänden und unscheinbaren Gebäuderesten stehen hier die Geschichte der NS-Aufrüstung, die Produktion von Sprengstoffen und Munition sowie das Schicksal von Zwangsarbeitern. Die Waldreste sind deshalb keine Kulisse für Abenteuerromantik. Sie sind materielle Quellen einer Geschichte, die ohne die noch vorhandenen Spuren schnell abstrakt werden würde. Was im Wald langsam von Bäumen überwachsen wird, erzählt bei genauerem Hinsehen von einem der dunkelsten Kapitel der Geretsrieder Stadtgeschichte.

Anmeldung über die Volkshochschule Geretsried – telefonisch unter 08171 529144, per E-Mail an geretsried@isar-vhs.de oder online unter www.isar-vhs.de

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