Mailand. Das Ende einer Fußball-Ikone rückt näher: Das legendäre San Siro in Mailand soll einem modernen Stadionneubau weichen. Die beiden Traditionsvereine Inter Mailand und AC Mailand haben Ende Oktober 2026 die Entwürfe für ihre gemeinsame neue Arena vorgestellt. Das Projekt trägt den Namen „Generali Stadium“, soll rund 2,3 Milliarden Euro kosten und ab der Saison 2031/32 die neue Heimat der beiden Klubs werden. Während die Verantwortlichen von einer neuen Ära sprechen, formiert sich unter Fans und Stadionliebhabern Widerstand gegen den Verlust eines der bekanntesten Fußballstadien der Welt.
Ein Stadion mit hundertjähriger Geschichte soll verschwinden
Das Stadio Giuseppe Meazza, weltweit vor allem unter dem Namen San Siro bekannt, wurde 1926 eröffnet. Im Laufe seiner Geschichte wurde die Anlage mehrfach erweitert und umgebaut. Besonders prägend waren die markanten Betontürme, die umlaufenden Rampen und die charakteristische Dachkonstruktion. Seit 1947 teilen sich Inter und der AC Mailand das Stadion. Mit einer aktuellen Kapazität von rund 75.900 Plätzen ist es die größte Spielstätte der italienischen Serie A.
Das San Siro war Schauplatz bedeutender Fußballereignisse. Es gehörte zu den Austragungsorten der Weltmeisterschaften 1934 und 1990 sowie der Europameisterschaft 1980. Auch mehrere Endspiele europäischer Wettbewerbe wurden hier ausgetragen. Für Generationen von Fußballfans ist die Arena deshalb weit mehr als eine Sportstätte: Sie ist ein Stück italienischer Fußballgeschichte und ein Wahrzeichen der Stadt Mailand.
Generali Stadium: 71.500 Plätze und eine neue Architektur
Der neue Entwurf stammt vom britischen Architekturbüro Foster + Partners in Zusammenarbeit mit dem Architekten David Manica und seinem Büro MANICA. Vorgesehen ist eine Arena mit 71.500 Zuschauerplätzen. Anders als das bestehende San Siro soll das Stadion über zwei statt drei Zuschauerränge verfügen. Besonders steile Tribünen hinter den Toren mit einer Neigung von 37 Grad sollen für eine intensive Atmosphäre sorgen.
Architektonisch setzt der Neubau auf eine ovale Form, eine doppelt geschwungene Dachkonstruktion und eine Außenfassade mit markanten X-förmigen Tragstrukturen. LED-Installationen sollen die Vereinsfarben von Inter und Milan auf die Gebäudehülle bringen können. Auch ein verglaster Spielertunnel ist vorgesehen, der die Nähe zwischen Mannschaften und Publikum verstärken soll. Das Stadion soll nicht ausschließlich dem Fußball dienen. Geplant sind unter anderem Veranstaltungen, Rugby- und American-Football-Spiele sowie Konzerte. Damit soll die Arena zu einem ganzjährig genutzten Veranstaltungsort werden.
Milliardenprojekt mit Hotel, Park und Einkaufsangeboten
Der Stadionbau ist Teil einer umfassenden städtebaulichen Neuordnung des Areals. Auf einer Fläche von rund 281.000 Quadratmetern sollen neben der neuen Arena Grün- und Freizeitflächen, ein Hotel, Einkaufs- und Gastronomieangebote, Museen der beiden Vereine sowie weitere Einrichtungen entstehen. Das Gesamtvorhaben wird mit rund 2,3 Milliarden Euro veranschlagt. Auch wirtschaftlich ist das Projekt auf langfristige Einnahmen ausgerichtet. Der Namensrechtevertrag mit dem Versicherungskonzern Generali soll über 20 Jahre ein Volumen von rund 650 Millionen Euro erreichen. Die Vereine versprechen sich davon zusätzliche finanzielle Spielräume und eine bessere Vermarktung ihrer Heimspielstätte.
Nach den derzeitigen Planungen soll der Bau 2028 beginnen. Bis zur Fertigstellung bleibt das alte San Siro in Betrieb. Die Eröffnung des Neubaus ist für die Saison 2031/32 vorgesehen. Auch die Fußball-Europameisterschaft 2032, die Italien gemeinsam mit der Türkei ausrichtet, spielt bei den Planungen eine Rolle.
Fans protestieren gegen den Verlust der Fußball-Ikone
Die Präsentation der Neubaupläne wurde von Protesten begleitet. Inter-Anhänger machten ihrem Unmut mit Sprechchören und Bannern Luft. Ihre Botschaft: Das San Siro soll nicht verschwinden. Auch in den sozialen Netzwerken wurde der vorgestellte Entwurf kontrovers diskutiert. Einige Nutzer verglichen die geplante Architektur mit einer Waschmaschine oder einer Heißluftfritteuse, andere kritisierten das Erscheinungsbild als austauschbar und seelenlos.
Hinter dem Spott steckt eine grundsätzliche Auseinandersetzung. Für die Vereine ist das alte Stadion wirtschaftlich und technisch nicht mehr zeitgemäß. Für viele Fans und Kritiker dagegen ist es ein unverwechselbares Bauwerk, dessen Atmosphäre und Geschichte sich nicht einfach durch einen modernen Neubau ersetzen lassen.
Abriss trotz jahrelanger Debatte
Die Zukunft des San Siro war über Jahre Gegenstand politischer, rechtlicher und städtebaulicher Auseinandersetzungen. Widerstand kam unter anderem von Bürgerinitiativen und Gegnern des Verkaufs des Stadiongeländes. Im Oktober 2026 wies das zuständige Verwaltungsgericht in der Lombardei mehrere Klagen gegen den Verkauf des Areals an die beiden Vereine zurück. Damit erhielt das Vorhaben einen wichtigen rechtlichen Schub. Die weiteren Planungs- und Genehmigungsverfahren bleiben dennoch maßgeblich für den tatsächlichen Zeitplan.
Für die Industriekultur und die Architekturgeschichte ist der Fall San Siro ebenfalls von Bedeutung. Zwar handelt es sich nicht um ein Industriedenkmal, doch zeigt die Debatte exemplarisch, wie schwer sich wirtschaftliche Modernisierungsinteressen und der Erhalt identitätsstiftender Bauwerke miteinander vereinbaren lassen. Das San Siro ist nicht nur Beton, Stahl und Tribünen. Es ist ein Ort kollektiver Erinnerungen, sportlicher Triumphe und städtischer Identität. Wenn die Arena tatsächlich weitgehend abgerissen wird, verschwindet ein Bauwerk, dessen Bedeutung weit über den Fußball hinausreicht.
