Leutkirch im Allgäu. Verlassene Bauernhöfe, aufgegebene Gasthäuser, leer stehende Häuser und ehemalige Industrieanlagen: In Oberschwaben finden sich zahlreiche Orte, die längst aus dem Alltag verschwunden sind. Der Heimatkundler und Fotograf Paul Sägmüller hat sich auf die Suche nach diesen vergessenen Schauplätzen gemacht. Unter dem Titel „Verdingst – Lost Places in Oberschwaben“ präsentiert er seine fotografischen Entdeckungen in einem Lichtbildervortrag in Leutkirch. Dabei geht es nicht nur um spektakuläre Ruinen, sondern vor allem um die Geschichten hinter den verlassenen Gebäuden.
Verborgene Orte irgendwo im Nirgendwo
Viele der von Sägmüller dokumentierten Objekte liegen abseits der bekannten Wege. Manche stehen seit Jahrzehnten leer, andere sind längst dem Verfall preisgegeben. Häufig sind die Gebäude von außen sichtbar, doch der Zugang bleibt verwehrt. Zäune, verschlossene Türen, Einsturzgefahr oder schlicht ein bestehendes Betretungsverbot machen aus den verlassenen Gebäuden schwer zugängliche Zeitkapseln. Sägmüller hat zahlreiche dieser Orte dennoch besucht und fotografisch festgehalten, was von ihrer ursprünglichen Nutzung geblieben ist.
Der morbide Charme des Verfalls
Gerade die Spuren des langen Leerstands machen den besonderen Reiz der Motive aus. Verwitterte Oberflächen, zurückgelassene Gegenstände und überraschende Details erzählen von einer Vergangenheit, die sonst kaum noch sichtbar wäre. Dabei geht es um mehr als die typische Ästhetik eines Lost Places. Hinter jedem Gebäude steht eine Geschichte: Menschen haben dort gewohnt, gearbeitet, gewirtschaftet oder ihre Freizeit verbracht. Mit dem Ende dieser Nutzungen verschwanden die Orte zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein.
Heimatgeschichte durch die Kameralinse
Paul Sägmüller verbindet seine fotografische Arbeit mit seiner Tätigkeit als Heimatkundler, Forscher und Sammler von Geschichten und Kuriositäten. Seine Beschäftigung mit verlassenen Orten ist deshalb zugleich eine Spurensuche in der regionalen Vergangenheit. Die Lost Places werden dabei zu historischen Quellen. Selbst scheinbar nebensächliche Hinterlassenschaften können Hinweise darauf geben, wie ein Gebäude einst genutzt wurde und welche Bedeutung es für die Menschen vor Ort hatte.
Mehr als 300 Aufnahmen auf großer Leinwand
Beim Vortrag erwartet die Besucher eine umfangreiche Bilderschau mit mehr als 300 Fotografien und Bildern. Ergänzt werden die Aufnahmen durch Informationen zu den jeweiligen Orten und ihren Hintergründen. Damit entsteht kein gewöhnlicher Reisebericht durch Ruinen, sondern eine fotografische Zeitreise durch die weniger bekannten Seiten Oberschwabens. Sägmüller ist zudem für seine unterhaltsamen und fachkundigen Vorträge in oberschwäbischer Mundart bekannt. Seine Veranstaltungen verbinden damit regionale Geschichte mit persönlicher Erzählweise.
Was bleibt, wenn ein Ort verschwindet?
Das Thema Lost Places berührt eine zentrale Frage der regionalen Erinnerungskultur: Was passiert mit der Geschichte eines Ortes, wenn seine ursprüngliche Funktion verschwindet? Ein leer stehender Bauernhof kann vom Strukturwandel der Landwirtschaft erzählen. Eine aufgegebene Wirtschaft erinnert an veränderte Formen des gesellschaftlichen Lebens. Eine ehemalige Fabrik kann Zeugnis einer verschwundenen Arbeitswelt sein. Sägmüllers Fotografien halten solche Übergangszustände fest – und bewahren damit zumindest visuell, was irgendwann vollständig verschwunden sein könnte.
Vortrag in Leutkirch
Der Lichtbildervortrag „Verdingst – Lost Places in Oberschwaben“ findet am 6. Mai 2026 um 19.30 Uhr im Bocksaal, Gänsbühl 9, 88299 Leutkirch im Allgäu, statt. Veranstalter ist die Volkshochschule Leutkirch e.V. Für Lost-Place-Fans, Fotografen und Freunde regionaler Geschichte bietet der Abend einen ungewöhnlichen Blick auf Oberschwaben. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht die bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern jene Orte, an denen die Zeit scheinbar stehen geblieben ist.
Lost Places als fotografisches Gedächtnis
Paul Sägmüllers Projekt zeigt, dass Lost Places weit mehr sein können als verlassene Gebäude mit morbider Atmosphäre. Sie sind Teil der regionalen Geschichte und erzählen von Veränderungen, die sich über Jahrzehnte vollzogen haben. Wo heute Leerstand und Verfall dominieren, herrschte einst Leben. Die mehr als 300 Bilder des Vortrags machen diese vergessenen Geschichten wieder sichtbar – bevor die Spuren der Vergangenheit endgültig verschwinden.
