Lange Tafel der Industriekultur im historischen Wasserwerk

Foto: Andreas Schmidt
Foto: Andreas Schmidt

Berlin. Industriegeschichte muss nicht immer zwischen Maschinen, Fabrikhallen und stillgelegten Produktionsstätten erzählt werden. In Berlin verbindet die Lange Tafel der Industriekultur Geschichte, Kulinarik und Musik an einem ungewöhnlichen Ort: Im ehemaligen Wasserwerk im Grunewald können Besucher am 26. September 2026 gemeinsam essen und anschließend die historische Anlage erkunden. Die Veranstaltung ist Teil des Festivals der Berliner Industriekultur, das vom 12. September bis zum 4. Oktober zahlreiche historische Orte der Hauptstadt in den Mittelpunkt rückt.

Essen, Musik und Industriekultur unter einem Dach

Austragungsort ist das heutige Naturschutzzentrum Ökowerk an der Teufelsseechaussee. Das historische Wasserwerk liegt mitten im Grunewald und gehört zu den bedeutenden erhaltenen Zeugnissen der Berliner Infrastrukturgeschichte. Im ehemaligen Kesselhaus wird für die Lange Tafel ein ungewöhnliches Ambiente geschaffen: Statt klassischer Führung steht zunächst gemeinsames Essen auf dem Programm, begleitet von live gespielter Musik. Die Veranstaltung findet in zwei Durchgängen um 12.30 Uhr und 13.30 Uhr statt. Angeboten wird ein veganes Zwei-Gänge-Menü zum Preis von sieben Euro. Alkoholfreie Getränke können zusätzlich erworben werden.

Ein Wasserwerk als Veranstaltungsort

Der historische Hintergrund des Ortes ist mindestens so interessant wie das Programm. Das Wasserwerk im Grunewald wurde ab 1872 errichtet und nahm 1873 seinen Betrieb auf. Rund ein Jahrhundert lang diente die Anlage der Wasserversorgung der umliegenden Haushalte. Damit steht das Gebäudeensemble für eine Zeit, in der die Versorgung einer schnell wachsenden Großstadt zunehmend durch technische Großanlagen organisiert wurde. Heute erfüllt der Ort eine völlig andere Funktion. Das ehemalige Wasserwerk ist Bestandteil des Naturschutzzentrums Ökowerk und verbindet damit Technikgeschichte, Natur und Umweltbildung. Gerade dieser Nutzungswandel macht den Standort für die Veranstaltung interessant: Aus einer einst für die Versorgung Berlins wichtigen technischen Anlage ist ein öffentlich zugänglicher Kultur- und Lernort geworden.

Alte Musik im ehemaligen Kesselhaus

Für die musikalische Begleitung sorgt das Holzbläserensemble Double Reed Tales. Das Ensemble widmet sich selten gespielter älterer Musik und setzt dabei historische Instrumente ein. Die Veranstalter verbinden damit bewusst Vergangenheit und Gegenwart: Im historischen Kesselhaus trifft die Geschichte der Berliner Wasserversorgung auf Musik aus vergangenen Jahrhunderten. Damit unterscheidet sich die Lange Tafel deutlich von einer klassischen Industriekultur-Führung. Das historische Gebäude wird nicht lediglich als Ausstellungsstück betrachtet, sondern als Raum für eine heutige Nutzung inszeniert.

Regionaler Roggen statt importiertem Reis

Auch beim Essen spielt der Nachhaltigkeitsgedanke eine Rolle. Auf den Tisch kommt unter anderem Roggreis, eine Entwicklung der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau gemeinsam mit Brandenburger Biobäuerinnen und Biobauern. Dabei handelt es sich nicht um klassischen Reis, sondern um eine regionale Alternative auf Roggenbasis. Nach Angaben des Veranstalters soll das Konzept zeigen, dass sich regionale Landwirtschaft und umweltbewusste Ernährung mit einer Veranstaltung zur Industriekultur verbinden lassen. Mit dem Essen werden zugleich ökologische Landwirtschaft und Klimaschutz unterstützt.

Auch Kinder bekommen ihr eigenes Programm

Die Lange Tafel richtet sich nicht ausschließlich an Erwachsene. Auf dem Gelände des Ökowerks gibt es von 12 bis 16 Uhr Angebote im Forschergarten, bei denen sich Kinder spielerisch mit dem Thema Wasser beschäftigen können. Damit wird die historische Funktion des Ortes auch für jüngere Besucher erfahrbar gemacht. Gerade für Familien bietet sich dadurch eine Verbindung von Industriekultur, Natur und Umweltbildung an.

Führung durch das historische Wasserwerk

Nach dem Essen besteht die Möglichkeit, das Wasserwerk bei einer einstündigen Führung genauer kennenzulernen. Die Besichtigung kostet zusätzlich drei Euro und wird zu einem vergünstigten Preis angeboten. Im Mittelpunkt stehen das Gebäudeensemble und die technische Ausstattung, darunter auch die historische Dampfmaschine. Dabei geht es nicht nur um Architektur. Die Führung vermittelt auch, wie die Berliner Wasserversorgung ab dem späten 19. Jahrhundert technisch organisiert wurde und welche Bedeutung das Wasserwerk für die Entwicklung der Stadt hatte.

Industriekultur mitten im Grunewald

Der Veranstaltungsort macht die Lange Tafel zu einem besonderen Programmpunkt des Festivals. Berlin wird häufig mit Mietskasernen, Fabriken und großen Verkehrsanlagen der Industrialisierung verbunden. Das Wasserwerk im Grunewald zeigt dagegen eine andere Seite der industriellen Stadtgeschichte: Infrastruktur verschwindet häufig aus dem Bewusstsein, obwohl sie entscheidend dafür war, dass eine moderne Großstadt überhaupt funktionieren konnte.

Wasserwerke, Kraftwerke, Bahnanlagen, Pumpwerke und andere technische Einrichtungen waren die unsichtbare Grundlage des urbanen Lebens. Heute sind viele dieser Anlagen verschwunden oder haben ihre ursprüngliche Funktion verloren. Das Ökowerk zeigt, wie ein solcher historischer Ort erhalten und zugleich neu genutzt werden kann.

Teil des Festivals der Berliner Industriekultur

Die Lange Tafel ist eingebettet in das Festival der Berliner Industriekultur 2026. Vom 12. September bis zum 4. Oktober macht das Festival zahlreiche historische Orte in allen zwölf Berliner Bezirken zugänglich. Das Programm reicht von Führungen und Ausstellungen über Radtouren und Sonderfahrten bis zu Musik, Workshops und kulinarischen Veranstaltungen. Die Lange Tafel folgt dabei einem zentralen Gedanken des Festivals: Industriekultur soll nicht ausschließlich als Vergangenheit verstanden werden. Historische Orte können auch heute Räume für Begegnung, Kultur und neue Nutzungen sein.

Ein ungewöhnlicher Blick auf Berliner Geschichte

Die Veranstaltung am Ökowerk zeigt damit, dass Industriekultur auch jenseits klassischer Lost Places und spektakulärer Fabrikruinen funktioniert. Das ehemalige Wasserwerk ist kein aufgegebener Ort. Seine historische Substanz wurde vielmehr in eine neue Nutzung überführt. Gerade darin liegt der Reiz der Langen Tafel: Besucher erleben Geschichte nicht nur bei einer Führung, sondern sitzen buchstäblich mitten in ihr. Zwischen historischem Kesselhaus, alter Technik, Musik und einem gemeinsamen Essen wird aus einem ehemaligen Infrastrukturstandort ein temporärer Treffpunkt.

Die Lange Tafel der Industriekultur findet am Samstag, 26. September 2026, im Naturschutzzentrum Ökowerk, Teufelsseechaussee 22 in Berlin-Grunewald statt. Die Essenstermine beginnen um 12.30 Uhr und 13.30 Uhr. Für das Essen ist eine Anmeldung erforderlich.

Tickets unter https://pretix.eu/oekowerk/industriekultur/

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