Lost Places werden im alten Inspektorhaus zu Kunst

Oberwiederstedt. Ein ungewöhnlicher Ausstellungsort steht im Mittelpunkt eines Kunstprojekts im sachsen-anhaltischen Oberwiederstedt. Im ehemaligen Inspektorhaus am Novalis-Schloss widmet sich die Fotoausstellung „Die Anwesenheit von Abwesenheit“ der Faszination verlassener Orte. Das Besondere: Das Gebäude, in dem die Ausstellung stattfindet, ist selbst ein Lost Place. Die Ausstellung wurde am 31. Juli 2026 eröffnet. Sie bleibt bis zum 4. Oktober 2026 bestehen und kann während der Öffnungszeiten des Novalis-Museums auf Anfrage besichtigt werden. Organisiert wird das Projekt von Erlebniswelt Museen e. V. gemeinsam mit dem Trägerverein Novalis-Taufkirche e. V.

Fünf Fotografen zeigen ihre Sicht auf verlassene Orte

Im Mittelpunkt stehen Arbeiten von fünf Fotografen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit verlassenen Industrieanlagen, ehemaligen Militärstandorten und leerstehenden Wohnhäusern auseinandersetzen. Dabei soll die Ausstellung bewusst über die klassische Lost-Place-Ästhetik hinausgehen. Nicht der spektakuläre Verfall oder der Reiz des Verbotenen steht im Vordergrund. Vielmehr geht es um die Geschichten, die in den verlassenen Gebäuden und Anlagen weiterleben. Die Fotografien beschäftigen sich mit Vergänglichkeit, gesellschaftlichem Wandel und der Frage, was von vergangenen Nutzungen zurückbleibt. Verlassene Räume werden dabei zu Dokumenten vergangener Industrie-, Militär- und Alltagsgeschichte.

Wenn die Natur die Gebäude zurückerobert

Ein weiteres Thema der Ausstellung ist der fortschreitende Verfall. Wo Menschen ihre Nutzung aufgegeben haben, beginnt die Natur, die Räume langsam zurückzuerobern. Pflanzen wachsen durch Mauerritzen, Witterung setzt der Bausubstanz zu und einst funktionale Räume verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung. Die Fotografien machen diesen Prozess sichtbar und zeigen, wie sich Orte durch die Abwesenheit des Menschen verändern. Damit wird der Lost Place nicht lediglich als Ruine betrachtet. Er erscheint vielmehr als Übergangszustand zwischen Vergangenheit und möglicher Zukunft.

Inszenierte Kulisse und Fundstücke ergänzen die Fotografien

Neben den Bildern wartet die Ausstellung mit weiteren Elementen auf. Eine begehbare Lost-Place-Kulisse, ausgewählte Fundobjekte und ein Film mit einer dystopischen Zukunftsvision sollen die Besucher noch stärker in die Thematik eintauchen lassen. Die Ausstellung verbindet damit Fotografie, Rauminstallation und Film zu einer atmosphärischen Auseinandersetzung mit verlassenen Orten.

Das Inspektorhaus ist selbst ein Lost Place

Besonders stimmig ist die Wahl des Ausstellungsortes. Das ehemalige Inspektorhaus neben dem Novalis-Schloss wurde im 19. Jahrhundert errichtet. Ursprünglich diente es als Verwaltungs- und Wohnhaus des Gutsinspektors. Später wurde das Gebäude ausschließlich als Wohnhaus genutzt. Seit vielen Jahren steht es leer und ist inzwischen selbst dem Verfall überlassen. Für die Dauer der Ausstellung erhält das Gebäude nun vorübergehend wieder eine öffentliche Funktion. Der Lost Place wird damit gleichzeitig zur Ausstellungsfläche und zum Exponat.

Leerstand wird zum Ausgangspunkt für Erinnerung

Genau darin liegt die zentrale Idee des Projekts: Die Ausstellung zeigt nicht nur Bilder verlassener Orte, sondern findet selbst an einem solchen Ort statt. Das ehemalige Inspektorhaus vermittelt dadurch unmittelbar, was die Fotografien thematisieren. Vergangenheit, Leerstand, Verfall und eine zeitweise neue Nutzung treffen aufeinander. Der Ort erzählt seine eigene Geschichte, während in seinen Räumen Geschichten anderer aufgegebener Gebäude sichtbar werden.

Ausstellung macht Lost Places als Kulturerbe sichtbar

„Die Anwesenheit von Abwesenheit“ setzt damit einen anderen Akzent innerhalb der Lost-Place-Fotografie. Die verlassenen Gebäude werden nicht allein als spektakuläre Motive verstanden, sondern als Zeugnisse gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Gerade für Regionen mit industrieller Vergangenheit, aufgegebenen Militärstandorten und historischen Leerständen eröffnet diese Perspektive einen differenzierten Blick auf den Umgang mit dem baulichen Erbe.

Die Ausstellung in Oberwiederstedt zeigt zugleich, dass ein Lost Place nicht zwangsläufig nur das Ende einer Geschichte markieren muss. Für einige Wochen wird aus dem verlassenen Inspektorhaus ein Ort der Begegnung, der Fotografie und der Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit.

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