Görlitz. Kaum ein Grundstück in Görlitz hat in den vergangenen Jahren so viele Besitzerwechsel erlebt wie das ehemalige Kema-Areal (Keramikmaschinen Görlitz) in der Südstadt. Die traditionsreiche Maschinenfabrik an der Pomologischen Gartenstraße, 2013 insolvent gegangen, wanderte seither durch mehrere Hände – von einem Berliner Wohnpark-Entwickler bis hin zu einem Bautzener Unternehmer. Zuletzt wurde das über 38.000 Quadratmeter große Gelände für eine Million Euro online angeboten. Nun gehört es überraschend einem Unternehmen aus NRW: „Die Holzbauprofis“ aus der Nähe von Wuppertal. Doch was sie mit dem riesigen Areal vorhaben, ist völlig unklar.
Für neuen Schwung sorgt nun ein Vorstoß aus dem Rathaus. Oberbürgermeister Octavian Ursu kündigte im Stadtrat an, dass die Stadt selbst das Gelände erwerben möchte. Der Vergleich mit dem alten Schlachthof liegt für ihn nahe: Auch dort sei jahrelang trotz wechselnder Eigentümer wenig passiert. „Wenn über Jahrzehnte keine Entwicklung stattfindet, dann fehlt der Wille oder die Möglichkeit“, sagt Ursu. Daher sei nun der Moment gekommen, dass die Stadt selbst die Zukunft des Geländes in die Hand nimmt.
Konkrete Pläne gebe es noch nicht – anders als beim Schlachthof, wo frühzeitig Ideen für Schule und Turnhalle vorlagen. Beim Kema-Areal gehe es um grundsätzliche Stadtentwicklung. Ein Wohnpark werde nicht ausgeschlossen; ebenso seien völlig neue Konzepte denkbar. Die städtische Gesellschaft Kommwohnen würde den Kauf sowie spätere Investitionen stemmen. Bis Jahresende hofft Ursu auf Klarheit.
Die Kema ist tief in der Görlitzer Geschichte verwurzelt. Ende des 19. Jahrhunderts von Richard Raupach gegründet, entwickelte sich das Unternehmen zu einem bedeutenden Keramikmaschinenbauer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Anlagen demontiert; 1948 entstand der VEB Keramikmaschinenbau. Nach der Privatisierung überlebte die Kema noch bis zur Insolvenz 2013.
Zwischennutzungen zeigten zuletzt, welches Potenzial das Gelände besitzt. 2015 verwandelte Fotograf Jörg Schöner die leeren Hallen in eine große Ausstellung, 2025 nutzte das Gerhart-Hauptmann-Theater das Areal für das immersive Theaterstück „Gatsby!“ – eine Veröffentlichung, die über 12.300 Besucher anzog. Intendant Daniel Morgenroth betont, dass die Hallen einzigartige Möglichkeiten für große Inszenierungen bieten.
Auch Historiker Daniel Breutmann, Südstadt-Bürgerrat und Kenner der Kema-Geschichte, sieht industrielle Nutzung heute als unrealistisch – zu nah liege das Areal an Wohnbebauung. Doch als Ort für Kreativwirtschaft, neue Veranstaltungsformate oder ein Messegelände könne die Kema zu einem wichtigen Impulsgeber für die Stadt werden.
Ob Görlitz das bedeutende Gelände tatsächlich übernehmen kann, hängt nun von den laufenden Gesprächen mit dem Eigentümer ab. Klar ist: Die Stadt will verhindern, dass ein weiteres Jahrzehnt ungenutzt verstreicht.
