Bad Berka. Ein ehemaliges Gutshofgelände, eine verfallene Lungenheilstätte und rund 40 Hektar Geschichte: Bei Bad Berka im Weimarer Land entsteht derzeit ein ungewöhnliches Tourismuskonzept. Der Sophienhof und die rund 900 Meter entfernt gelegene Sophienheilstätte gehören wieder zusammen. Während unten Gäste übernachten, Tiere beobachten und feiern können, wartet oben einer der bekanntesten Lost Places Thüringens auf Besucher. Seit dem 3. Oktober 2026 ist der Sophienhof offiziell neu eröffnet. Die Betreiber wollen beide historischen Orte künftig stärker miteinander verbinden und damit zugleich eine Perspektive für die seit Jahrzehnten leerstehende Heilstätte schaffen.
Die „Hustenburg“ im Wald
Die Sophienheilstätte wurde 1898 auf dem Emskopf eröffnet. Ursprünglich war sie als Klinik für lungenkranke Männer konzipiert. In einer Zeit, in der wirksame Medikamente gegen Tuberkulose noch fehlten, setzte die Behandlung vor allem auf Ruhe, Höhenluft und den Aufenthalt im Wald. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Anlage erweitert. Labore, Röntgentechnik und Operationsmöglichkeiten kamen hinzu, schließlich verfügte die Klinik über rund 200 Betten. Zeitgenossen bezeichneten den Komplex wegen seiner Größe und Funktion als „Hustenburg“. 1994 wurde die Heilstätte geschlossen.
30 Jahre Leerstand hinterließen Spuren
Was folgte, war ein jahrzehntelanger Niedergang. Mehrere Pläne für eine neue Nutzung scheiterten. Gebäude verfielen, Fenster und Heizkörper wurden ausgebaut und 2015 fiel eine historische Liegehalle einem Brand zum Opfer. Gleichzeitig entwickelte sich die ehemalige Klinik zu einem Magneten für Urban Explorer, Fotografen und Filmteams. Auch Produktionen wie „Tatort“ und „In aller Freundschaft“ nutzten die morbide Kulisse. Heute ist das Gelände gesichert und kann nur noch im Rahmen von Führungen oder gebuchten Veranstaltungen betreten werden.
Aus dem Lost Place wird ein Erlebnisort
Genau hier setzt das neue Konzept an. Die Eigentümer Silvio Kayser und Oliver Einicke wollen die Heilstätte nicht vollständig sanieren – das wäre nach Einschätzung der Betreiber wirtschaftlich kaum realistisch. Stattdessen soll der Tourismus helfen, den Bestand langfristig zu sichern.
Führungen, Fackelwanderungen, Zeitzeugenveranstaltungen, Flohmärkte und spezielle Grusel-Events gehören bereits zum Angebot. Auch Gruppen, die sich mit paranormalen Phänomenen beschäftigen, können das Gelände für entsprechende Veranstaltungen buchen. Die zahlreichen Spukgeschichten rund um die ehemalige Klinik haben längst ihren eigenen Mythos entwickelt. Belege für übernatürliche Erscheinungen gibt es allerdings nicht.
Unten beginnt die neue Zukunft
Der Sophienhof bildet dabei den deutlich weniger morbiden Gegenpol. Wo einst die Heilstätte mit Lebensmitteln und anderen Gütern versorgt wurde, können heute Gäste übernachten. Geplant beziehungsweise vorhanden sind Einzel-, Doppel- und Familienzimmer, Ferienwohnungen sowie das historische Herrenhaus.
Hinzu kommen Tagungsräume, ein Festsaal und das Café „Q-Stall“. Auf dem Gelände leben außerdem gerettete Tiere wie Ziegen, Ponys, Meerschweinchen, Hasen und zahlreiche Alpakas. Damit richtet sich das Angebot nicht ausschließlich an Lost-Place-Fans, sondern ausdrücklich auch an Familien.
Geschichte statt Abriss
Für die Sophienheilstätte könnte das Konzept damit eine entscheidende Bedeutung bekommen. Nach drei Jahrzehnten Leerstand ist der Gebäudekomplex zwar weit von einer klassischen Sanierung entfernt. Doch statt den Verfall einfach weiterlaufen zu lassen, soll seine besondere Geschichte selbst zur Grundlage einer neuen Nutzung werden.
Das ist ein bemerkenswerter Ansatz: Der Lost Place wird nicht beseitigt und auch nicht künstlich zum Hochglanzobjekt gemacht. Sein morbider Charakter bleibt Teil des Erlebnisses. Gleichzeitig sorgen Veranstaltungen und touristische Einnahmen dafür, dass zumindest der weitere Erhalt des Komplexes finanziert werden kann.
Ein ungewöhnliches Modell für Lost Places
Das Projekt in Bad Berka zeigt damit einen möglichen dritten Weg im Umgang mit verlassenen historischen Gebäuden. Zwischen vollständiger Restaurierung und endgültigem Verfall entsteht eine kontrollierte Nutzung, die den authentischen Charakter des Ortes bewusst einbezieht.
Ob dieses Modell langfristig funktioniert, muss sich erst zeigen. Die Betreiber wissen, dass die Bevölkerung nach früheren gescheiterten Nutzungsversuchen skeptisch ist. Ihr Anspruch ist deshalb klar: Sie wollen nicht nur eröffnen, sondern bleiben.
Ausgerechnet ein Lost Place könnte damit zu einem neuen touristischen Anker im Weimarer Land werden. Unten schlafen Gäste und streicheln Alpakas, oben erzählen verfallende Klinikräume von einer vergangenen Epoche. Die Sophienheilstätte wäre dann nicht länger nur ein Symbol des Verfalls – sondern ein Ort, dessen Geschichte wieder Einnahmen für seinen Erhalt erwirtschaftet.
