Wismar. Die ehemalige Malzfabrik und Getränkefabrik Wismaria am Platten Kamp in Wismar ist nach dem verheerenden Feuer vom 18. Oktober 2026 akut einsturzgefährdet. Der Brand hatte sich im Obergeschoss des seit Jahrzehnten leer stehenden Backsteingebäudes ausgebreitet und schließlich auch das Dach erfasst. Sämtliche Zwischendecken wurden zerstört, Teile des Gebäudes stürzten bereits während der Löscharbeiten ein.
Rund 150 Feuerwehrleute waren zeitweise im Einsatz, um die Flammen unter Kontrolle zu bringen. Wegen der erheblichen Einsturzgefahr konnten die Einsatzkräfte das Gebäude nicht betreten und mussten den Brand überwiegend von außen bekämpfen. Die Rauchentwicklung war weithin sichtbar und führte zeitweise zu erheblichen Einschränkungen im Stadtgebiet.
Die Folgen beschränkten sich nicht auf das Fabrikgelände. Die unmittelbar angrenzende Bahnstrecke und die Hochbrücke waren von den Sperrungen betroffen. Besonders die Gefahr, dass Gebäudeteile auf die Gleise oder angrenzende Verkehrsflächen stürzen könnten, machte umfangreiche Sicherungsmaßnahmen erforderlich.
Ruine ist nicht mehr standsicher
Wie Bürgermeister Frank Junge am 29. Oktober in der Bürgerschaft mitteilte, hat das Feuer einen Großteil der tragenden Bausubstanz zerstört. Durch den Verlust der inneren Tragstruktur sei das verbliebene Gebäude nicht mehr standsicher. Die Stadt ließ deshalb bereits am 19. Oktober besonders gefährdete Bereiche abtragen. Betroffen waren unter anderem eine Außenwand entlang der Straße und der Bahnstrecke sowie Teile des Dachgeschosses.
Nach einem weiteren Brand in der Nacht zum 22. Oktober wurde der Sicherheitsbereich nochmals vergrößert. Inzwischen ist das Gelände mit Bauzäunen und Warnschildern gesichert. Die Stadt appelliert an die Bevölkerung, die Absperrungen unbedingt zu beachten. Das Betreten der Brandruine und ihres unmittelbaren Umfelds ist lebensgefährlich.
Hochbrücke: Folgen für geplanten Neubau noch offen
Besondere Aufmerksamkeit gilt inzwischen auch der benachbarten Hochbrücke. Die historische Fabrik liegt unmittelbar an einer wichtigen Verkehrsverbindung der Hansestadt. Der Zustand der Ruine könnte deshalb Auswirkungen auf die weiteren Planungen für den Neubau beziehungsweise die Erneuerung der Brücke haben.
Noch ist nicht abschließend geklärt, in welchem Umfang die verbliebenen Gebäudeteile zurückgebaut werden müssen und welche Sicherheitsabstände während der Arbeiten erforderlich sind. Auch die räumliche und bauliche Situation zwischen Fabrik, Straße und Bahntrasse macht die Abstimmung anspruchsvoll. Solange die Standsicherheit nicht gewährleistet ist, bleibt die Ruine ein Risikofaktor für die angrenzende Infrastruktur. Die ursprünglichen Verkehrsbehinderungen konnten nach den ersten Sicherungs- und Abrissarbeiten zwar reduziert werden. Die langfristigen Auswirkungen auf die Hochbrückenplanung sind damit jedoch noch nicht geklärt.
Zweiter Brand verschärft die Lage
Zusätzlich zum Großbrand kam es in der Nacht zum 22. Oktober zu einem weiteren Feuer in der ehemaligen Fabrik. Gegen 2 Uhr wurde die Polizei über neue Flammen im Gebäude informiert. Die Feuerwehr konnte den Brand bis etwa 4 Uhr löschen. Die Kriminalpolizei nahm auch hierzu Ermittlungen auf. Beim ersten Großbrand gehen die Ermittler dem Verdacht der Brandstiftung nach. Inzwischen steht eine Person unter Tatverdacht. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Schwerin stützt sich der Verdacht auf Zeugenaussagen. Für den zweiten Brand gibt es bislang keinen vergleichbaren Ermittlungsfortschritt. Ob beide Feuer miteinander in Verbindung stehen, ist weiterhin offen. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Wismaria: Mehr als ein gewöhnlicher Lost Place
Die Geschichte der ehemaligen Malzfabrik reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Das rund 130 Jahre alte Backsteingebäude gehörte zu den historischen Industrieanlagen Wismars und prägte über Jahrzehnte das Umfeld der Hochbrücke. In der DDR wurde der Standort als Getränkefabrik des VEB Wismaria genutzt. Später verlor das Gebäude seine Funktion und stand über viele Jahre leer. Die Fabrik entwickelte sich zu einem bekannten Lost Place und war zugleich ein Zeugnis der industriellen Vergangenheit der Hansestadt. Der Denkmalschutz unterstrich die historische Bedeutung des Bauwerks. Mit dem Großbrand ist diese Substanz nun weitgehend verloren gegangen.
Zukunft des Industriedenkmals praktisch besiegelt
Der Brand hat die Diskussion über die Zukunft der Wismaria grundlegend verändert. Wo zuvor zumindest theoretisch eine Sanierung oder neue Nutzung denkbar gewesen wäre, bestimmen nun Gefahrenabwehr und Sicherung die Entscheidungen. Die Stadt hat bereits einen geordneten Rückbau veranlasst. Ob und in welchem Umfang der Denkmalstatus angesichts der massiven Zerstörungen noch Bestand haben kann, ist eine weitere offene Frage.
Die Wismaria steht damit vor dem endgültigen Ende ihrer baulichen Geschichte. Was jahrzehntelang als verlassener Industriebau überdauerte, droht nun innerhalb kurzer Zeit vollständig zu verschwinden. Neben der Klärung der Brandursache bleibt vor allem die Frage, wie die Stadt mit dem Verlust eines historischen Industriezeugnisses umgeht – und wie sich die Beseitigung der Ruine mit den Planungen für die Hochbrücke vereinbaren lässt.
