Dippoldiswalde/Seifersdorf. Die Tage der ehemaligen Polstermöbelfabrik in Seifersdorf bei Dippoldiswalde sind gezählt. Direkt am Ufer der Roten Weißeritz steht das weitgehend verfallene Gebäude seit Jahren leer. Der Dippoldiswalder Stadtrat hatte 2025 die Entwicklung indirekt mit auf den Weg gebracht (wir berichteten). Gemeinsam mit der Straßenbauverwaltung verfolgt die Stadt das Vorhaben, die Industriebrache bis 2027 zu beseitigen.
Die Zuständigkeit liegt dabei wesentlich beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr. Die Behörde hat den vollständigen Rückbau der ehemaligen Polstermöbelfabrik öffentlich ausgeschrieben. Damit wird aus den langjährigen Überlegungen zur Beseitigung der Ruine ein konkretes Bauvorhaben. Die Angebotsfrist endet am 19. November 2026.
Vom Produktionsstandort zum verlassenen Fabrikgebäude
Die Geschichte des Standorts reicht weit zurück. Die Polstermöbelfabrik entstand neben einer wasserbetriebenen Getreidemühle mit Sägewerk. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein industrieller Produktionsstandort, dessen Nutzung sich auch den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts anpasste.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden in Seifersdorf unter anderem Feldbetten und Munitionskisten hergestellt. 1972 wurde der Betrieb verstaatlicht. Nach der politischen Wende folgte 1990 die Privatisierung. Doch die wirtschaftliche Perspektive hielt nicht lange: Bereits 1996 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Rund 40 Beschäftigte verloren damals ihre Arbeitsplätze.
Auch ein späterer Versuch, den Standort weiterzuführen, konnte die Entwicklung nicht dauerhaft aufhalten. Nach dem Ende der Produktion blieb das Gebäude zurück. Was einst Arbeitsstätte und wirtschaftlicher Mittelpunkt für Beschäftigte aus der Umgebung gewesen war, entwickelte sich zunehmend zu einer verlassenen Industriebrache.
Jahrzehntelanger Verfall und ein schwieriges Erbe
Mit den Jahren verschlechterte sich der bauliche Zustand der Fabrik immer weiter. Zurückgelassene Produktionsmaterialien, Einrichtungsgegenstände und Spuren des früheren Arbeitsalltags machten das Gebäude zu einem Lost Place. Die Ruine wurde zu einem sichtbaren Zeugnis des industriellen Niedergangs und der wirtschaftlichen Umbrüche nach 1990.
Bereits 2023 beschäftigte sich die lokale Berichterstattung ausführlich mit der Geschichte des Standorts. Damals wurde deutlich, wie viele Erinnerungen mit dem Gebäude verbunden sind. Für ehemalige Beschäftigte und Menschen aus Seifersdorf ist die Fabrik mehr als eine leer stehende Immobilie. Sie steht auch für einen Teil der Orts- und Wirtschaftsgeschichte. Eine neue Nutzung ließ sich offenbar nicht dauerhaft realisieren. Die schwierige Umnutzung des Gebäudes, sein Zustand und die Interessen rund um die künftige Flächenentwicklung haben dazu beigetragen, dass der Abriss nun als Lösung verfolgt wird.
Ausschreibung umfasst Hauptgebäude, Nebengebäude und Altlasten
Die veröffentlichte Ausschreibung macht deutlich, dass es sich nicht um einen einfachen Gebäudeabriss handelt. Neben dem Hauptgebäude sollen auch Nebengebäude und befestigte Flächen beseitigt werden. Vorgesehen sind nach der Leistungsbeschreibung rund 2.025 Kubikmeter Abbruchvolumen für das Hauptgebäude sowie weitere 1.050 Kubikmeter für Nebengebäude.
Zunächst muss das Gelände freigemacht werden. Dafür sind unter anderem die Rodung von Sträuchern und Bäumen auf rund 1.500 Quadratmetern sowie die Beräumung von etwa 200 Kubikmetern Müll aus dem Gebäude vorgesehen. Auch rund 700 Quadratmeter befestigte Flächen sollen zurückgebaut werden.
Besondere Aufmerksamkeit erfordern die im Gebäude und auf dem Gelände vorhandenen Gefahrstoffe. Die Ausschreibung nennt unter anderem fünf Tonnen asbesthaltige Baustoffe, Altreifen, Farben und Lösungsmittel sowie Öle und Inhalte aus Öltanks. Diese Materialien müssen fachgerecht ausgebaut und entsorgt werden. Der Rückbau dürfte deshalb eine sorgfältige Vorbereitung und entsprechende Schutzmaßnahmen erfordern.
Artenschutz und Hochwasserschutz sind Teil der Planung
Die Lage unmittelbar an der Roten Weißeritz macht das Vorhaben zusätzlich anspruchsvoll. In der Ausschreibung sind ausdrücklich Maßnahmen zum Hochwasserschutz vorgesehen. Auch der Artenschutz ist Bestandteil der Arbeiten. So sollen zwölf Nistkästen für Vögel und Fledermäuse angebracht werden.
Für die Durchführung sind außerdem umfangreiche Baustelleneinrichtungen und eine Baustraße mit einer Fläche von rund 1.500 Quadratmetern vorgesehen. Die Zufahrt soll teilweise über ein Nachbargrundstück erfolgen. Nach Abschluss der Arbeiten werden die dafür benötigten provisorischen Flächen wieder zurückgebaut. Als vorgesehener Ausführungszeitraum ist der 1. Februar bis zum 16. Juli 2027 angegeben. Damit könnte die Fabrikruine im kommenden Jahr endgültig aus dem Seifersdorfer Ortsbild verschwinden.
Ein weiteres Kapitel Industriekultur verschwindet
Mit dem Abriss verliert Seifersdorf ein markantes Zeugnis seiner industriellen Vergangenheit. Die Fabrik war über Jahrzehnte Arbeitsplatz, Produktionsstätte und Teil der örtlichen Wirtschaft. Ihr Niedergang erzählt zugleich von den Schwierigkeiten vieler Betriebe, sich nach der deutschen Wiedervereinigung unter veränderten wirtschaftlichen Bedingungen zu behaupten.
Dass eine verfallene und offenbar schwer umnutzbare Immobilie beseitigt wird, mag aus Sicht der Stadtentwicklung nachvollziehbar sein. Dennoch verschwindet damit ein Ort, dessen Geschichte weit über die letzten Jahre als Lost Place hinausgeht. Was bleibt, sind Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter, historische Aufnahmen und die Dokumentation eines Produktionsstandorts, der einst das Leben in Seifersdorf mitprägte.
Der Abriss wird die baulichen Spuren dieser Geschichte beseitigen. Umso wichtiger ist es, die Vergangenheit der Polstermöbelfabrik festzuhalten, bevor Bagger und Abbruchgeräte das letzte Kapitel dieses Industriestandorts schreiben.
