Krefeld. Das Seidenweberhaus in Krefeld ist wieder zum politischen und städtebaulichen Streitfall geworden. Rund um den markanten Bau am Theaterplatz flammt die Diskussion über Abriss oder Erhalt erneut auf. Während Initiativen für eine Zukunft des Gebäudes kämpfen, hält die Stadt an ihrer bisherigen Linie fest: Der Abriss des Veranstaltungshauses ist politisch beschlossen, ein Neubau soll den Standort künftig neu ordnen. Das 1976 eröffnete Seidenweberhaus ist ein Kind der Architektur der 1970er-Jahre. Der sechseckige Bau mit seiner wabenartigen Betonfassade wurde nach Plänen der städtischen Bauverwaltung errichtet und entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem wichtigen Veranstaltungsort der Stadt.
Was bei seiner Entstehung als zeitgemäße Architektur galt, ist heute ein Gebäude, an dem sich die Geister scheiden. Für die einen ist das Seidenweberhaus ein ungeliebter Betonbau, für die anderen ein charakteristisches Zeugnis des Krefelder Städtebaus und längst ein Teil der Stadtgeschichte.
Der Abriss wurde bereits beschlossen
Die aktuelle Debatte lässt allerdings einen entscheidenden Punkt erkennen: Der Abriss ist keineswegs eine völlig neue Idee. In den städtischen Unterlagen wird ausdrücklich festgehalten, dass der Rat der Stadt Krefeld die Entscheidung zum Abriss bereits getroffen hat. Auch frühere Planungsverfahren kamen zu dem Ergebnis, dass ein Abbruch und eine Neuordnung des Theaterplatzes verfolgt werden sollen. Die Stadt plant inzwischen einen neuen Verwaltungsstandort am Theaterplatz. Der Neubau soll die Krefelder Kernverwaltung stärker in der Innenstadt bündeln und rund 600 Arbeitsplätze aufnehmen. Nach der derzeitigen Planung ist die Umsetzung ab 2029 vorgesehen. Der Abriss des Seidenweberhauses ist Bestandteil dieser städtebaulichen Neuordnung.
Bürgerinitiativen wollen das Ende verhindern
Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht abgeschlossen. Mehrere Krefelder Initiativen haben sich zusammengeschlossen und versuchen, den Abriss doch noch zu verhindern. Sie argumentieren unter anderem mit der kulturellen Bedeutung des Hauses, seiner zentralen Lage und den aus ihrer Sicht möglichen Alternativen zu einem Neubau. Für die Befürworter eines Erhalts ist das Seidenweberhaus längst mehr als ein Veranstaltungsgebäude. Gemeinsam mit Theater und Mediothek bilde es einen wichtigen kulturellen Mittelpunkt der Innenstadt. Auch die jahrzehntelange Nutzung für Konzerte, Theater, Tagungen und große Veranstaltungen wird als Argument für den Erhalt angeführt.
Abriss oder Umgang mit einem ungeliebten Baudenkmal?
Besonders spannend ist die Frage, wie Krefeld mit seiner Nachkriegsarchitektur umgehen will. Das Seidenweberhaus ist kein klassisches Industriedenkmal und schon gar kein historischer Prachtbau. Es steht vielmehr für eine Epoche, in der Sichtbeton, geometrische Formen und monumentale Baukörper das Stadtbild vieler deutscher Städte prägten. Gerade solche Gebäude geraten häufig zwischen die Fronten: Für ihre Befürworter sind sie wichtige Zeugnisse einer vergangenen Architekturauffassung, für ihre Gegner stehen sie für städtebauliche Fehlentwicklungen und hohe Sanierungskosten.
Noch steht der Betonklotz
Vorerst bleibt das Seidenweberhaus in Betrieb. Der aktuelle Veranstaltungskalender reicht weit über 2026 hinaus. Gleichzeitig arbeitet die Stadt an der langfristigen Neuordnung des Theaterplatzes. Damit ist der markante Bau noch nicht Geschichte. Der politische Beschluss zum Abriss existiert – doch die gesellschaftliche Debatte über seinen Wert ist offensichtlich noch lange nicht beendet. Krefeld steht damit vor einer grundsätzlichen Entscheidung: Soll ein umstrittener Bau der 1970er-Jahre verschwinden, um Platz für eine neue Innenstadtplanung zu schaffen? Oder bekommt ausgerechnet der viel geschmähte Betonbau noch eine zweite Chance?
Für Freunde der Nachkriegsarchitektur könnte das Seidenweberhaus damit zu einem exemplarischen Fall werden. Denn während vielerorts historische Gebäude unter Denkmalschutz gestellt und bewahrt werden, beginnt die Auseinandersetzung über den Wert der jüngeren Architektur erst richtig.
