Alexisbad. Der Harz gilt als Sehnsuchtsort für Wanderer, Naturfreunde – und für Abenteurer, die gezielt verlassene Orte aufsuchen. Einer dieser sogenannten „Lost Places“ könnte nun vor dem endgültigen Verfall bewahrt werden: Der seit Jahren leerstehende Bahnhof von Alexisbad hat einen neuen Eigentümer. Für den strukturschwachen Kurort im Selketal ist das ein Signal mit erheblicher Symbolkraft.
Der Bahnhof Alexisbad, errichtet im Jahr 1888, stand lange sinnbildlich für den Niedergang des einst renommierten Heilbads. Wo früher Kurgäste ankamen, schlossen vor über zehn Jahren die letzten Verkaufsschalter der Harzer Schmalspurbahnen (HSB). Eine tragfähige Nachnutzung fand sich lange nicht – bis jetzt. Ende vergangenen Jahres veräußerte die HSB das historische Gebäudeensemble. Nun ist auch bekannt, wer der Käufer ist.
Neuer Eigentümer ist der thüringische Agrarinvestor und Autohausunternehmer Markus Hercher aus Bad Frankenhausen. Hercher führt laut Handelsregister mehrere Unternehmen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, darunter eine Autohausgruppe mit Standorten unter anderem in Leipzig, Zwickau und Altenburg. Zusätzlich ist er seit fast zwei Jahrzehnten in großem Stil in landwirtschaftliche Betriebe investiert. Auch im Harz ist er kein Neuling: Ein Agrarunternehmen von ihm hat seit über 20 Jahren seinen Sitz in Harzgerode, zu dem Alexisbad gehört.
Die Harzer Schmalspurbahnen bewerten den Verkauf als wichtigen Schritt für die Zukunft des Standorts. „Nach vielen Jahren ohne erfolgreiche Nachnutzungsperspektive ist dies ein wichtiger Schritt für den Bahnhof und die touristische Entwicklung der Region“, erklärte HSB-Geschäftsführerin Katrin Müller. Konkrete Pläne für die künftige Nutzung des Bahnhofs sind bislang nicht öffentlich bekannt, doch allein der Eigentümerwechsel nährt die Hoffnung auf eine Wiederbelebung.
Allerdings ist Herchers Engagement nicht unumstritten. 2019 verlieh ihm die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft den Negativpreis „Heuschrecke des Jahres“. Kritisiert wurden vor allem großflächige Investitionen in landwirtschaftliche Betriebe. Dennoch setzt die Region nun auch auf private Investoren, um den sichtbaren Verfall historischer Bausubstanz zu stoppen.
Der Verkauf des Bahnhofs passt in eine größere Entwicklung im Selketal. Die Stadt Harzgerode erhielt im vergangenen Jahr rund sieben Millionen Euro an Fördermitteln vom Infrastrukturministerium. Ein Schwerpunkt ist die Sanierung des historischen Logierhauses in Alexisbad aus dem Jahr 1811, für die allein 4,6 Millionen Euro eingeplant sind. Das Gebäude mit seinen markanten Türmen wurde im Winter 2024 vom Touristikkonzern Skan-Tours übernommen, der in Alexisbad bereits ein Hotel betreibt.
Ziel der Investitionen ist es, dem Ort sein ramponiertes Image zu nehmen. Leerstehende und verfallene Gebäude hätten Gäste abgeschreckt und dem Ruf des Kurorts nachhaltig geschadet, erklärte Skan-Tours-Geschäftsführerin Iona Werner. Mit der Aufwertung des Ortsbildes soll Alexisbad wieder touristisch attraktiv werden.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei weiterhin die Selketalbahn mit ihren historischen Dampflokomotiven. Obwohl ein Gutachten im vergangenen Jahr die Einstellung des Betriebs nahelegte, halten die Harzer Schmalspurbahnen an der Strecke fest und wollen weiter investieren. Der Verkauf des Bahnhofs könnte damit zum Wendepunkt werden – für Alexisbad und für eine Region, die lange auf neue Impulse gewartet hat.
