Pirna. Bevor in Pirna der neue Hotelkomplex „Zum Schwarzen Adler“ entsteht, rückt zunächst die Vergangenheit in den Fokus. Auf dem Baugelände des ehemaligen Traditionshotels führen Archäologen umfangreiche Ausgrabungen durch – und stoßen dabei auf bedeutende Überreste der mittelalterlichen Stadtgeschichte. Die Funde liefern neue Erkenntnisse über die historische Dohnaische Vorstadt und könnten bisherige Annahmen zur Entwicklung des Stadtteils ergänzen oder sogar widerlegen. Erst nach Abschluss der Untersuchungen wird das rund 3.000 Quadratmeter große Grundstück vollständig für den Hotelneubau freigegeben.
Ausgrabungen auf geschichtsträchtigem Boden
Das Landesamt für Archäologie Sachsen untersucht das Areal zwischen dem Abriss des ehemaligen Hotels und dem geplanten Neubau. Anlass ist die besondere historische Bedeutung des Grundstücks, das unmittelbar vor dem einstigen Dohnaischen Stadttor liegt. Bereits im 14. Jahrhundert ist an dieser Stelle eine Vorstadtsiedlung urkundlich nachgewiesen. Solche Vorstädte entwickelten sich außerhalb der schützenden Stadtmauern und beherbergten häufig Handwerksbetriebe sowie Gewerbe, für die innerhalb der Altstadt kein Platz war. Da die Neubebauung die archäologischen Schichten unwiederbringlich zerstören würde, müssen diese vor Baubeginn wissenschaftlich dokumentiert werden.
Historische Mauern und Pflaster freigelegt
Seit Mitte Mai untersucht ein Team aus Archäologen, Technikern und freiwilligen Helfern die Fläche. Bereits unter der Bodenplatte des abgerissenen Hotels kamen massive Natursteinmauern sowie großflächige Kieselsteinpflaster zum Vorschein. Die freigelegten Mauern stammen vermutlich von ehemaligen Keller- oder Untergeschossen mittelalterlicher Gebäude, deren aufgehende Stockwerke einst in Fachwerkbauweise errichtet waren. Hinweise deuten darauf hin, dass sich unter den bisherigen Funden weitere unterirdische Baustrukturen befinden könnten.
Brandspuren erzählen von dramatischen Ereignissen
Besonders aufschlussreich sind deutliche Brandspuren an den Sandsteinmauern. Die rötliche Verfärbung der Steine weist auf extreme Hitzeeinwirkungen hin und passt zu historischen Überlieferungen mehrerer verheerender Stadtbrände. So brannte die Breite Straße im Jahr 1488 vollständig nieder. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die gesamte Dohnaische Vorstadt im Jahr 1639 gezielt zerstört, um den heranrückenden schwedischen Truppen kein Deckungsgebiet zu bieten. Auch die Ausgrabungen liefern hierzu spannende Hinweise. Eine freigelegte Brandschicht enthält Keramik aus dem 15. Jahrhundert und könnte direkt mit dem verheerenden Feuer von 1488 in Verbindung stehen.
Hochwasser hinterließ ebenfalls Spuren
Neben den Brandschichten entdeckten die Archäologen mehrere mächtige Lehmschichten, die die historischen Siedlungsschichten unterbrechen. Diese Ablagerungen könnten von früheren Hochwasserereignissen stammen und zeigen, dass die Vorstadt nicht nur durch Kriege und Brände, sondern auch durch Naturereignisse geprägt wurde.
Keine Hinweise auf mittelalterliche Kaufmannssiedlung
Die Breite Straße galt lange Zeit als möglicher Standort einer mittelalterlichen Kaufmannssiedlung. Diese Annahme beruhte unter anderem auf der nahegelegenen Nikolaikirche, deren Schutzheiliger Nikolaus traditionell als Patron der Kaufleute gilt. Sowohl frühere Grabungen als auch die aktuellen Untersuchungen liefern jedoch bislang keine archäologischen Belege für einen Markt oder eine größere Kaufmannssiedlung an dieser Stelle. Damit geraten frühere wissenschaftliche Annahmen zunehmend ins Wanken.
Weitere Untersuchungen im hinteren Grundstücksbereich
Während im vorderen Bereich des Grundstücks bereits erste Vorbereitungen für den Hotelneubau beginnen, verlagern sich die archäologischen Arbeiten auf den hinteren Teil des Areals in Richtung Robert-Koch-Straße. Historische Stadtpläne aus dem frühen 18. Jahrhundert deuten dort auf Gärten oder landwirtschaftlich genutzte Flächen hin. Dennoch schließen die Archäologen nicht aus, weitere Gebäudereste, Brunnen oder ehemalige Latrinen freizulegen, die zusätzliche Einblicke in das Alltagsleben der Bewohner liefern könnten.
Hotelprojekt startet nach Abschluss der Grabungen
Die archäologischen Untersuchungen sollen Mitte Juli abgeschlossen sein. Anschließend wird das gesamte Grundstück für den Bau des neuen Hotelkomplexes freigegeben. Mit den aktuellen Ausgrabungen wird nicht nur die Grundlage für ein neues Hotel geschaffen. Gleichzeitig gelingt es, wertvolle Zeugnisse der mittelalterlichen Stadtentwicklung Pirnas zu sichern und wissenschaftlich auszuwerten. Die Funde leisten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Geschichte der Dohnaischen Vorstadt und zeigen, wie eng moderne Stadtentwicklung und Denkmalpflege miteinander verbunden sind.
