Gütersloher Marten-Areal soll Wohnquartier werden

Foto: Stadt Gütersloh
Foto: Stadt Gütersloh

Gütersloh. Auf dem ehemaligen Gelände der Fleischwarenfabrik Marten an der Bismarckstraße in Gütersloh kommt Bewegung in eine jahrelang festgefahrene Entwicklung. Auf rund 1,3 Hektar soll ein neues innerstädtisches Wohnquartier entstehen. Dafür haben jetzt fünf Planungsteams ihre Arbeit aufgenommen. Gesucht wird nicht nur ein Entwurf für möglichst viele Wohnungen, sondern eine städtebauliche Lösung, die den besonderen Standort zwischen Innenstadt, bestehenden Wohnquartieren und der historischen Gewerbenutzung neu interpretiert.

Am 28. September startete das von der Grundstückseigentümerin Asset Gruppe und der Stadt Gütersloh gemeinsam angestoßene Verfahren. Architektur-, Städtebau- und Landschaftsplaner verschafften sich bei einem Rundgang zunächst ein Bild vom Gelände und seiner Umgebung. Dabei wurden die Rahmenbedingungen für die weitere Planung erläutert. Nach Jahren des Stillstands soll aus dem ehemaligen Fabrikstandort nun ein Stück neue Stadt werden.

Von der Fleischwarenfabrik zum Wohnstandort

Die Geschichte des Areals reicht weit zurück. Johann Friedrich Marten gründete sein Unternehmen bereits 1855 als Fleischwarenbetrieb. Damit gehört die Firma zu den traditionsreichen Unternehmen der Gütersloher Lebensmittelindustrie. Die Produktion befand sich zunächst an der Münsterstraße. 1895 wurde die Fleischwarenfabrik an die Bismarckstraße verlagert, wo sich der Standort über mehr als ein Jahrhundert entwickelte. Aus dem ursprünglichen Handwerksbetrieb war längst ein industrielles Unternehmen geworden. Historische Quellen berichten, dass Hermann und Fritz Marten noch vor der Jahrhundertwende ein Schlacht- und Werkhaus mit mehreren Nebengebäuden errichten ließen. 1928 wechselte das Unternehmen an die Brüder Fritz und Franz Blankemeyer, die den Betrieb weiter ausbauten.

Die Fabrik wurde damit über Generationen zu einem festen Bestandteil der Gütersloher Stadt- und Industriegeschichte. Noch bis Ende 2018 wurde an der Bismarckstraße produziert. Nach 163 Jahren Firmengeschichte – davon 124 Jahre am Standort – endete die Produktion. Bereits zuvor war ein Teil der Fertigung an andere Standorte verlagert worden.

Jahrelanger Stillstand prägte das Gelände

Mit dem Ende der Produktion begann die schwierige Suche nach einer neuen Perspektive. Das innerstädtisch gelegene Fabrikgelände bot zwar erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten, zugleich musste eine Lösung für die großflächige ehemalige Gewerbenutzung gefunden werden. Auch die Frage nach dem Umgang mit einzelnen historischen Gebäudeteilen spielte in der Vergangenheit eine Rolle. So war bereits 2019 davon die Rede, dass zumindest das historische Bürogebäude an der Ecke Bismarck-/Moltkestraße erhalten bleiben könnte.

Anfang 2021 wurde das Areal von einer Immobiliengesellschaft aus dem Umfeld der Familie Tönnies übernommen. Doch auch danach ging es zunächst nicht entscheidend voran. 2023 wurde öffentlich von rund zwei Jahren Stillstand berichtet. Gleichzeitig wurden zwischen Stadt und Eigentümerseite neue Gespräche über die Zukunft des Grundstücks aufgenommen.

Auch innerhalb der Stadt wurde das Marten-Gelände über Jahre als eine der großen innerstädtischen Entwicklungsaufgaben betrachtet. Im Zusammenhang mit der Gütersloher Stadtentwicklung wurde es neben anderen großen Flächen als noch ungelöstes Thema genannt. Nun scheint dieser Stillstand überwunden. Die Stadt und die heutige Eigentümerin Asset Besitz GmbH haben sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt und setzen bewusst auf einen Wettbewerb mehrerer Planungsteams.

Wohnraum, Grün und Klimaanpassung statt reiner Flächenverwertung

Die Anforderungen an das künftige Quartier sind entsprechend umfangreich. Einerseits soll auf der vergleichsweise kleinen Fläche neuer Wohnraum entstehen. Andererseits soll das Gebiet nicht einfach möglichst dicht bebaut werden. Grün- und Freiräume, der vorhandene Baumbestand, Verkehrsfragen, Klimaanpassung und die Einbindung in die angrenzenden Stadtbereiche sollen Bestandteil der Konzepte sein. Auch die wirtschaftliche Realisierbarkeit spielt eine entscheidende Rolle.

Eine wichtige Vorgabe betrifft den Wohnungsbau: Nach den Grundsätzen des kommunalen Baulandmanagements soll ein Drittel der Wohnungen als öffentlich geförderter Wohnraum entstehen. Damit soll die Entwicklung des ehemaligen Fabrikgeländes nicht ausschließlich dem frei finanzierten Wohnungsmarkt überlassen werden.

Bürgermeister Matthias Trepper sieht in dem Vorhaben deshalb eine Chance, an zentraler Stelle ein neues Stück Gütersloh zu schaffen. Entscheidend sei, dass nicht allein die Zahl der Wohnungen im Vordergrund stehe, sondern ein Quartier mit funktionierenden Freiräumen und einer langfristig tragfähigen Struktur entstehe.

Fünf Büros, fünf unterschiedliche Ansätze

Um genau diese Frage zu beantworten, wurden fünf Planungsteams ausgewählt. Beteiligt sind 3Pass aus Köln mit RMPSLA aus Bonn/Köln, GJL+ Freie Architekten aus Karlsruhe/Gütersloh mit Bäuerle Landschaftsarchitektur aus Stuttgart, Hauer + Partner Architekten aus Gütersloh mit morbach.wermeyer.Landschaftsarchitekten aus Sassenberg, Lorber Paul aus Köln mit studio grüngrau aus Düsseldorf sowie Schmitz Architekten mit GROW Landschaftsarchitektur, beide aus Köln.

Das Verfahren wird vom Düsseldorfer Büro Faltin+Sattler betreut. Statt einen einzigen Entwurf von Beginn an festzulegen, sollen unterschiedliche städtebauliche Ideen gegeneinander antreten. Baudezernent Albrecht Pförtner begründet das mit den besonderen Anforderungen des Standorts: Erst der Vergleich mehrerer Konzepte ermögliche es, die unterschiedlichen Möglichkeiten auszuloten und anschließend weiterzuentwickeln.

Erste Entwürfe werden Ende November öffentlich

Das Verfahren ist zweistufig angelegt. Am 30. November sollen die Planungsteams ihre ersten Entwürfe vorstellen. Die Ergebnisse werden an diesem Abend ab 18 Uhr auch öffentlich präsentiert. Damit bekommen Bürgerinnen und Bürger erstmals die Möglichkeit, unterschiedliche Vorstellungen für die Zukunft des ehemaligen Fabrikgeländes direkt miteinander zu vergleichen und Hinweise einzubringen. Anschließend werden ausgewählte Konzepte weiter ausgearbeitet. Die abschließende Entscheidung der Jury soll am 9. März 2027 fallen. Danach dürfte sich zeigen, welches Konzept die schwierigste Aufgabe am besten löst: Wie wird aus einem industriell geprägten, lange brachliegenden Areal ein funktionierendes Stück Stadt?

Ein alter Industriestandort vor einem neuen Kapitel

Das Marten-Areal steht damit exemplarisch für einen Wandel, der viele deutsche Städte beschäftigt. Wo über Jahrzehnte produziert, gelagert und gearbeitet wurde, entstehen neue Anforderungen an innerstädtische Flächen. Die Herausforderung besteht darin, nicht einfach die Vergangenheit abzuräumen und möglichst viel Neubaufläche zu schaffen. Gerade bei einem Standort mit einer so langen industriellen Geschichte stellt sich die Frage, welche Spuren dieser Vergangenheit künftig noch erkennbar bleiben.

Für Gütersloh ist das Marten-Gelände zugleich eine seltene Möglichkeit: Eine vergleichsweise große Fläche in zentraler Lage kann neu geordnet werden, ohne dafür einen neuen Siedlungsbereich am Stadtrand erschließen zu müssen. Der Preis dafür ist eine anspruchsvolle Planung. Wohnraum, Freiraum, Verkehr, Klimaanpassung, Bezahlbarkeit und die Geschichte des Ortes müssen auf engem Raum zusammengebracht werden.

Nach Jahren des Stillstands beginnt damit zunächst nicht der Bau, sondern der Wettbewerb um die beste Idee. Ob aus dem ehemaligen Marten-Werk tatsächlich ein überzeugendes neues Stadtquartier wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten.

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