Ludwigsburg. Eine der bekanntesten Industrie-Ruinen Baden-Württembergs soll neues Leben einhauchen: Die historische Franck-Fabrik direkt am Ludwigsburger Bahnhof, einst Produktionsstätte des berühmten Caro-Kaffees, steht vor einer sanften Wiedergeburt. Stadt und Politik setzen auf kleinteilige Nutzung statt auf den großen Wurf – und orientieren sich am Schweizer Vorbild.
Ein Denkmal des Verfalls – mit Zukunft
Die imposanten Produktionshallen aus dem 19. Jahrhundert haben seit Jahren ausgedient. Verlassene Maschinen, verblasste Hinweisschilder zu Ganzkörperduschen im Säure- und Laugeraum – Überbleibsel einer Zeit, in der das Kaffeepulver „Muckefuck“ in ganz Deutschland gefragt war. Seit Nestlé, Eigentümerin des Areals, 2018 den Standort verließ, stand die Zeit still.
Hobby-Fotografen entdeckten das stillgelegte Werk als Lost Place – doch die Stadt Ludwigsburg verfolgt andere Pläne. Um Investoren mit reinem Renditeblick zuvorzukommen, kaufte die Stadt das 40.000 Quadratmeter große Gelände kurzerhand selbst. Der Schock über den Verlust einer ehemaligen Orgel-Fabrik, die verrottete und abgerissen wurde, sitzt noch tief. Ein zweites Mal will die Stadt kein architektonisches Kulturgut opfern.
Von der Ruine zum Stadtbaustein
Angeführt von Baubürgermeisterin Andrea Schwarz (SPD) verfolgt Ludwigsburg nun einen Strategiewechsel: statt auf einen einzigen Großinvestor zu setzen, will die Stadt das Areal in vielen kleinen Schritten revitalisieren – Raum für Raum, Idee für Idee. „Wir schauen, was Interessenten konkret brauchen – und bieten ihnen genau das“, sagt Schwarz.
Im alten Laborgebäude aus den 1970er-Jahren sind bereits erste Start-ups eingezogen. Food-Trucks beleben im Sommer das Areal. Die Mischung aus industriellem Charme und Retro-Ästhetik kommt vor allem bei jungen Kreativen gut an. Zwischenmieter könnten zu Dauermietern werden.
Was Schwarz besonders freut: das wachsende Interesse aus der Gastronomie und Kulturszene. Die Nähe zum Bahnhof, keine unmittelbaren Anwohner – ideale Bedingungen für neue Veranstaltungsformate. Doch klar ist auch: Neue Kulturangebote dürfen die Stadtkasse nicht zusätzlich belasten. Öffentliche Förderung soll es nur in Ausnahmefällen geben.
Basel als Blaupause
Rückenwind bekommt Ludwigsburg aus der Schweiz. Denn dort, in Basel, steht ein nahezu baugleiches Franck-Gelände. Auch dort zog sich Nestlé zurück. Heute ist das Areal unter dem Namen „KULTQuartier“ ein Mix aus Wohnraum, Tanzzentrum und Innovationslabor. Für Schwarz ein ermutigendes Beispiel: „Wir sehen, dass es funktionieren kann.“
Der Ludwigsburger Gemeinderat signalisiert Unterstützung – auch, wenn die Entwicklung Jahre dauern wird. Geduld sei gefragt, aber gerechtfertigt, so der politische Tenor.
Vom Kaffeeduft zur Kulturidee
Was einst nach Muckefuck roch, könnte bald nach Zukunft duften. Ludwigsburgs Franck-Areal steht exemplarisch für den neuen Umgang mit Industriegeschichte: nicht als Bürde, sondern als Chance. Der Weg ist mühsam, aber klar – und wenn die Stadt ihren Kurs hält, könnte aus dem Lost Place ein neuer urbaner Ankerpunkt entstehen.
