Goslar. Es ist der wohl bekannteste Lost Place in Goslar – und zugleich einer der gefährlichsten. Das ehemalige Königsberg-Sanatorium, seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben, soll nun endgültig verschwinden. Die Stadt plant den vollständigen Abriss der einsturzgefährdeten Gebäude und eine umfassende Sanierung des rund 50.000 Quadratmeter großen Areals. Die geschätzten Kosten: rund zwei Millionen Euro.
Einsturzgefahr in sensibler Lage
Nach Einschätzung der Stadtverwaltung sind die Gebäude akut einsturzgefährdet. Trotz regelmäßiger Sicherungsmaßnahmen stelle das Gelände weiterhin ein erhebliches Risiko für Menschen, Tiere und die Umwelt dar. Besonders brisant: Das Areal liegt in einer Schutzzone der Granetalsperre.
Ein Neubau an dieser Stelle ist deshalb ausgeschlossen. Stattdessen soll das Gelände vollständig geräumt, entsiegelt und renaturiert werden. Ziel sei es, einen „natürlichen Zustand“ herzustellen, so Stadtsprecherin Daniela Siegl. Auch eine Bepflanzung ist vorgesehen. Einen konkreten Zeitplan gibt es bislang nicht. Die Finanzierung soll gemeinsam mit dem Landkreis Goslar über Fördermittel erfolgen.
Jahrzehnte des Stillstands
Seit 1984 steht die einstige Tuberkulose-Heilanstalt leer. In den vergangenen vier Jahrzehnten reihten sich gescheiterte Nutzungskonzepte, Brände und Verwüstungen aneinander. Mehrfach gab es Versuche, das Gelände touristisch zu entwickeln oder anderweitig zu nutzen – ohne Erfolg.
Besonders verheerend waren mehrere Großbrände, zuletzt 2009 und 2015, die die Bausubstanz massiv beschädigten. Bereits bei einem Brand im Hauptgebäude vor fast elf Jahren musste die Feuerwehr die Löscharbeiten wegen akuter Einsturzgefahr abbrechen. Schon damals warnte der damalige Erste Stadtrat Burkhard Siebert, perspektivisch müsse etwas mit dem Gelände geschehen.
Heute zeigt sich: Diese Perspektive zog sich über Jahrzehnte.

Magnet für Lost-Place-Fans – trotz Gefahr
In der Zwischenzeit entwickelte sich das Areal zu einem Anziehungspunkt für sogenannte Urban Explorer. Zahlreiche Videos in sozialen Netzwerken dokumentieren illegale Erkundungen des Geländes – trotz massiver Sicherheitsrisiken. Die Stadt spricht von einem dauerhaften Gefahrenpotenzial.
Erst im vergangenen Jahr kam Bewegung in die Angelegenheit, nachdem der Landkreis Goslar auf die Stadt zuging und sich neue Fördermöglichkeiten eröffneten. Nun scheint der politische Wille vorhanden, das Kapitel endgültig zu schließen.
Historischer Ort mit internationaler Bedeutung
Dabei blickt das Königsberg-Sanatorium auf eine bemerkenswerte Geschichte zurück. Es galt als weltweit erste Heilstätte für sozialversicherte Lungenkranke. 1895 erwarb die Landesversicherungsanstalt Hannover das Hauptgebäude, das drei Jahre zuvor errichtet worden war.
Im Ersten Weltkrieg wurden hier lungenkranke Soldaten behandelt, im Zweiten Weltkrieg diente der Komplex erneut als Lazarett. 1948 erfolgte eine umfassende Modernisierung. Das Aus für die Lungenheilstätte kam 1971, nachdem die Tuberkulose-Fälle weltweit stark zurückgegangen waren.
1973 übernahm die Helferich-Stiftung aus Kassel das Gelände und richtete ein Pflege- und Rehabilitationsheim für mehrfach geschädigte Kinder und Jugendliche ein. Doch 1984 untersagte das Land den weiteren Betrieb. Am 27. August verließen die letzten Kinder das Gelände – nur zehn Tage später legten Brandstifter erstmals Feuer.
Plünderungen, Investoren, Stillstand
In den 1990er-Jahren berichteten Medien von massiven Verwüstungen und Plünderungen. 1997 kaufte ein Unternehmen aus Magdeburg das Areal, doch nachhaltige Entwicklungen blieben aus. Ein Investor plante 2009 eine Ferienhaussiedlung am Steinberg – auch dieses Projekt scheiterte.
Seitdem verfiel der Gebäudekomplex weiter. Nach dem Verzicht des Eigentümers gilt das Grundstück heute offiziell als herrenlos.
Schlussstrich unter ein düsteres Kapitel
Mit dem geplanten Abriss will die Stadt nun nicht nur ein Sicherheitsproblem beseitigen, sondern auch ein Stück belasteter Geschichte beenden. Was einst als medizinischer Vorzeigeort begann, wurde über Jahrzehnte zum Symbol für Stillstand, Verwahrlosung und gescheiterte Visionen.
Ob die Sanierung tatsächlich zügig umgesetzt wird oder sich das Projekt erneut verzögert, bleibt abzuwarten. Klar ist: Das Königsberg-Sanatorium steht vor seinem letzten Kapitel.
