Blumen, Jungpflanzen und Saatgut gehörten zu einem Bereich der DDR-Landwirtschaft, der auf den ersten Blick wenig mit industrieller Produktion zu tun hatte. Tatsächlich wurde der Zierpflanzenbau zunehmend zentralisiert und industrialisiert. Eine Schlüsselrolle spielte dabei das VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt. Der Betrieb entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren für Züchtung, Jungpflanzenproduktion und Zierpflanzenbau in der DDR.

Von privaten Gärtnereien zum volkseigenen Betrieb
Die Wurzeln des Erfurter Betriebes reichen in die traditionsreiche Gartenbauwirtschaft der Stadt zurück. 1964 wurde aus dem staatlich organisierten Vorgängerbetrieb das VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt. Damit begann eine neue Phase, in der Züchtung, Vermehrung und Produktion zunehmend unter staatlicher Kontrolle zusammengeführt wurden. Der Betrieb verfügte über umfangreiche Flächen und spezialisierte Anlagen. Im Sortiment fanden sich unter anderem Chrysanthemen, Pelargonien, Fuchsien, Rhododendren, Warmhaus- und Grünpflanzen sowie Blumenzwiebeln. Historische Pflanzenkataloge dokumentieren bereits Mitte der 1960er-Jahre die große Bandbreite.

Zierpflanzenbau wird industrialisiert
Die DDR-Führung wollte den Gartenbau stärker rationalisieren. Das VEG sollte deshalb nicht nur Pflanzen produzieren, sondern auch als Zentrum für moderne Produktionsverfahren dienen. Gefordert wurden unter anderem größere Spezialisierung, moderne Gewächshaustechnik und eine konzentrierte Jungpflanzenproduktion. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Jungpflanzenanzucht. Sie sollte von der Produktion fertiger Zierpflanzen getrennt und in spezialisierten Betrieben organisiert werden. Erfurt wurde zu einem zentralen Standort dieser Entwicklung.

Ein Betrieb mit Ausstrahlung auf die gesamte DDR
Ab 1968 wurde das Erfurter VEG zu einem zentralen Kombinatsbetrieb mit Betriebsteilen in verschiedenen Regionen der DDR. Besonders umfangreiche Anlagen entstanden in Erfurt-Mittelhausen und Kühnhausen. Dort wurden schließlich rund 17 Hektar Gewächshausflächen betrieben. Der Betrieb übernahm zudem wichtige Aufgaben für den Export. Zierpflanzen und Jungpflanzen waren damit nicht ausschließlich für die Versorgung der DDR-Bevölkerung bestimmt, sondern wurden auch international vermarktet.






Forschung und Züchtung gehören dazu
Zum Erfurter Komplex gehörte nicht nur die Produktion. Auch die wissenschaftliche Arbeit wurde ausgebaut. Die Abteilung Zierpflanzenforschung beschäftigte sich mit technischen und pflanzenbaulichen Problemen sowie mit neuen Produktionsverfahren. Diese Forschung war eng mit der praktischen Arbeit des VEG verbunden. Damit wurde Erfurt zu einem wichtigen Knotenpunkt zwischen Pflanzenzüchtung, Forschung und industriellem Gartenbau.

1990 kommt der radikale Einschnitt
Mit der deutschen Wiedervereinigung brach das zentral organisierte System zusammen. Das VEG wurde aufgelöst beziehungsweise in mehrere neue Unternehmen überführt. Die Dimension des Umbruchs war enorm: Nach Angaben des Thüringer Gartenbauportals gingen 90 Prozent der Arbeitsplätze verloren. Gleichzeitig entstanden durch Reprivatisierung und Neugründungen mehrere kleinere Gartenbaubetriebe.

Auch die großen staatlichen Strukturen der Saat- und Pflanzgutwirtschaft verschwanden. Das 1988 gegründete VE Kombinat Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft Quedlinburg, dem zahlreiche Betriebe angehörten, wurde bereits 1990 im Zuge der Privatisierung aufgelöst.

Ein vergessenes Kapitel der Erfurter Industriegeschichte
Heute ist nur noch schwer vorstellbar, welche Dimension der staatliche Zierpflanzenbau in der DDR erreichte. Das VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt war längst keine klassische Gärtnerei mehr, sondern ein hochspezialisierter Großbetrieb mit Gewächshausanlagen, Forschung, Züchtung und überregionalen Betriebsteilen. Die Geschichte des VEG Saatzucht Zierpflanzen Erfurt steht damit beispielhaft für die Industrialisierung der Landwirtschaft in der DDR – und für den radikalen Strukturbruch, der den ostdeutschen Gartenbau nach 1990 traf.
