Kraftwerk Niederschachtofenwerk Calbe

Ein mächtiger Industriebau prägt noch heute das Gelände des ehemaligen Niederschachtofenwerks in Calbe. Das Kraftwerk des einstigen Hüttenwerks erinnert an ein ambitioniertes Industrieprojekt der frühen DDR, mit dem aus heimischen, vergleichsweise eisenarmen Erzen Roheisen gewonnen werden sollte. Heute gehört die Anlage zu den markantesten Zeugnissen der Calbenser Industriegeschichte. Der Aufbau des Eisenwerks begann 1950. Bereits am 15. Oktober 1951 floss in Calbe erstmals Roheisen. Das dort eingesetzte Niederschachtofenverfahren war damals weltweit einzigartig. Verarbeitet wurden unter anderem Erze aus dem Harz, deren vergleichsweise geringer Eisengehalt eine herkömmliche Verhüttung erschwerte.

Das Werk wurde mit enormem Aufwand errichtet. Insgesamt entstanden zehn Niederschachtöfen, Versorgungs- und Nebenanlagen sowie ein Kraftwerk. Die Stadt Calbe bezeichnet das Werk rückblickend als weltweit einziges Niederschachtofenwerk, in dem jährlich bis zu 300.000 Tonnen Gießereiroheisen produziert wurden.

Das Kraftwerk nutzte das Gichtgas

Eine besondere Funktion hatte das 1953 errichtete Industriekraftwerk. Es verwertete das bei der Eisenverhüttung entstehende Gichtgas und erzeugte daraus Energie und Wärme für das Werk und die angeschlossenen Einrichtungen. Damit war das Kraftwerk ein zentraler Bestandteil des Produktionssystems. Die Dimension des Gesamtprojekts ging weit über die eigentliche Hütte hinaus. Für die Beschäftigten entstand eine eigene Wohnstadt mit Schule, Poliklinik, Kinderbetreuung, Geschäften, Post und Sparkasse. Das Niederschachtofenwerk veränderte damit nicht nur die Industrie, sondern auch das Gesicht von Calbe.

Technischer Erfolg, wirtschaftliches Problem

Technisch war das Verfahren durchaus erfolgreich. Das in Calbe erzeugte Roheisen konnte an Gießereien geliefert werden und wurde sogar in 34 Länder Europas und nach Übersee exportiert. Gleichzeitig blieb die Produktion wirtschaftlich problematisch. Die eisenarmen Erze erforderten große Mengen Braunkohlenhochtemperaturkoks, während die zehn Öfen einen hohen Personalaufwand verursachten. Mit zunehmender Verfügbarkeit günstigerer Erze auf dem Weltmarkt wurde das Verfahren endgültig unrentabel.

1970 kommt das Ende

Am 8. Mai 1970 erfolgte in Calbe der letzte Roheisenabstich. Insgesamt waren bis dahin rund 4,5 Millionen Tonnen Gießereiroheisen produziert worden. Das Werk wurde geschlossen, die rund 2.500 Beschäftigten in Calbe und weitere 1.000 Beschäftigte aus den Erzgruben mussten in andere Betriebe wechseln. Das Gelände wurde anschließend vom Metallleichtbaukombinat genutzt. Diese Nutzung dauerte bis 1991 an. Das ehemalige Kraftwerk blieb darüber hinaus noch länger in Betrieb und wurde erst 1996 endgültig vom Netz genommen.

Ein markantes Industrierelikt bleibt

Heute befindet sich auf dem ehemaligen Werksgelände der Industriepark Calbe. Von der ursprünglichen Hütte ist nur ein Teil der baulichen Substanz erhalten. Das große Kraftwerksgebäude gehört zu den auffälligsten verbliebenen Relikten. Damit steht der Bau für eine widersprüchliche Industriegeschichte: Der Niederschachtofen war ein technischer Pionier, doch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verhinderten seinen langfristigen Erfolg. Das Kraftwerk erinnert heute an den Versuch der DDR, mit eigenen Rohstoffen möglichst unabhängig von Importen zu werden.

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