In Glauzig im heutigen Landkreis Anhalt-Bitterfeld steht eine ungewöhnliche Industriebrache. Die markanten Ziegelbauten gehörten einst zu einer Zuckerfabrik, bevor der Standort nach dem Zweiten Weltkrieg eine völlig neue Funktion erhielt. Aus der ehemaligen Zuckerproduktion wurde ein bedeutender Betrieb der DDR-Tabakwirtschaft: der VEB Rohtabak Glauzig. Die industrielle Geschichte des Areals begann bereits 1848 mit der Gründung einer Zuckerfabrik. 1872 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Anlage wurde mehrfach erweitert und erhielt 1914 einen Eisenbahnanschluss. 1923 folgte ein weiterer Ausbau.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam der radikale Einschnitt: 1946 wurden die Maschinen der Zuckerfabrik demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion gebracht. Die Produktion von Zucker war damit Geschichte.

Tabak statt Zucker
Die vorhandenen Fabrikgebäude erhielten anschließend eine neue Aufgabe. In Glauzig entstand eine Anlage zur Fermentation und Lagerung von Rohtabak. 1950 wurde die Tabakfermentation vom VEB Rohtabak übernommen. Der Standort wurde später als Werk Rohtabak Glauzig des VEB Tabakkontor Dresden geführt. Der Tabakkontor war für die Versorgung der Tabakindustrie mit Rohtabak aus dem In- und Ausland sowie für die Lagerung und Aufbereitung zuständig. Ab 1979 gehörte der Leitbetrieb zum VEB Kombinat Tabak Berlin.







Ein wichtiger Teil der DDR-Tabakwirtschaft
Rohtabak war für die DDR von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Das Land konnte den Bedarf der Tabakindustrie nicht vollständig aus eigener Produktion decken und war deshalb auf Importe angewiesen. Gleichzeitig wurde versucht, den heimischen Tabakanbau und dessen industrielle Verarbeitung auszubauen. Glauzig gehörte dabei gemeinsam mit Döbeln zu den Standorten der südlichen Tabakverwertung. Archivunterlagen belegen zudem, dass bereits in den 1950er-Jahren technische Anlagen für den Standort beschafft wurden. Eine Heißlufttrockenanlage für den VEB Rohtabak Glauzig ist beispielsweise für den Zeitraum 1955 bis 1961 dokumentiert.

Rekonstruktion in den 1980er-Jahren
Auch in der späten DDR blieb der Standort in Betrieb. 1980 wurden Teile der Fabrik rekonstruiert, wodurch die vorhandenen Gebäude und technischen Anlagen modernisiert wurden. Die historische Fabrikanlage bestand aus mehreren zwei- bis viergeschossigen Ziegelbauten. Verwaltungsgebäude, Pförtnerhaus, Produktionsgebäude und Schornstein bildeten ein geschlossenes Ensemble, das bis heute das Ortsbild prägt. Die aufwendig gestalteten Fassaden mit ihren teilweise romanisierenden Formen gelten als charakteristisch für die gründerzeitliche Industriearchitektur.
1990 endet die Tabakgeschichte
Mit der deutschen Wiedervereinigung veränderten sich auch die Strukturen der Tabakwirtschaft grundlegend. 1990 übernahm die Treuhandgesellschaft den Betrieb. Die staatliche Organisation des DDR-Tabakkontors war damit beendet. Die Tabakverarbeitung in Glauzig endete schließlich 1990. Damit verlor der historische Fabrikstandort seine jahrzehntelange industrielle Funktion.

Heute eine eindrucksvolle Industriebrache
Die Gebäude blieben nach der Stilllegung weitgehend erhalten und verfielen zunehmend. Ein besonders markantes Wahrzeichen verschwand jedoch: Einer der großen Türme musste wegen Einsturzgefahr gesprengt werden. Heute erinnern die verbliebenen Backsteinbauten an zwei völlig unterschiedliche Industrieepochen. Wo zunächst Zucker produziert wurde, wurden später Rohtabak verarbeitet und gelagert.
Der VEB Rohtabak Glauzig steht damit exemplarisch für den tiefgreifenden Wandel ostdeutscher Industriestandorte: Ein Werk, das einst Zucker produzierte, wurde nach Krieg und Demontage zum Bestandteil der DDR-Tabakwirtschaft – und nach 1990 schließlich selbst zum Relikt einer vergangenen Wirtschaftsordnung.
