VEB Spezialmöbel Johanngeorgenstadt

Johanngeorgenstadt ist vor allem mit dem Uranbergbau der Wismut und dem Wintersport verbunden. Doch die Stadt besaß zu DDR-Zeiten auch eine eigene Möbelindustrie. Der VEB Spezialmöbel Johanngeorgenstadt ging aus einer wesentlich älteren Fabrik hervor, deren Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Die Ursprünge des Standortes reichen bis 1817 zurück. Damals entstand in der alten Stadt eine kleine Schatullentischlerei. Um 1900 entwickelte Gotthold Heinz daraus einen industriell arbeitenden Betrieb, der sich schließlich auf die Herstellung von Büro- und Nähmaschinenfabrikation spezialisierte.

Damit begann für das Unternehmen eine Entwicklung vom handwerklichen Betrieb zum größeren Industriebetrieb. Die Lage im abgelegenen Erzgebirge war dabei kein Hindernis: Johanngeorgenstadt verfügte bereits über eine lange Tradition in verschiedenen Handwerks- und Industriezweigen.

Rüstungsproduktion im Zweiten Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Fabrik für die Rüstungsproduktion umgenutzt. Wegen der vergleichsweise geschützten Lage im Erzgebirge entstanden hier Flügel und Leitwerke für die Me 108 der Erla Maschinenwerk GmbH Leipzig. Damit wurde aus dem ursprünglichen Möbel- und Maschinenbaustandort ein Teil der deutschen Kriegsproduktion.

Neustart als volkseigener Betrieb

Nach 1945 kam es zur Enteignung und zur Überführung des Unternehmens in die staatliche Wirtschaft. Zunächst firmierte der Betrieb als VEB Möbelbox Johanngeorgenstadt. Das Produktionsprofil hatte nun wenig mit der ursprünglichen Möbelherstellung gemeinsam. Gefertigt wurden vor allem Gehäuse für Radio- und Fernsehgeräte, unter anderem für Geräte der Marken Staßfurt und Sonneberg. Der Betrieb wurde damit zu einem Zulieferer der DDR-Elektronikindustrie.

Ein wichtiger Ausbildungsbetrieb

Wie viele volkseigene Betriebe war auch die Spezialmöbelfabrik in das Ausbildungssystem der DDR eingebunden. Ein Dokument aus den Verhandlungen des VI. Parteitages der SED von 1963 nennt die Spezialmöbelfabrik ausdrücklich als Partnerbetrieb für die berufliche Grundausbildung von Schülern der Johanngeorgenstädter Oberschulen. Der Betrieb war damit nicht nur Produktionsstätte, sondern auch Teil des lokalen Ausbildungs- und Arbeitslebens.

Das Ende nach 1990

Mit dem Ende der DDR brachen die bisherigen Produktions- und Absatzstrukturen weg. Auch für den VEB Spezialmöbel Johanngeorgenstadt fand sich kein tragfähiges neues Konzept. 1990 wurde der Betrieb liquidiert. Die einstigen Fabrikgebäude verloren damit ihre industrielle Funktion. Was über Jahrzehnte Arbeitsplatz für die Menschen der Region gewesen war, wurde zur Industriebrache.

Große Teile verschwunden

Der anschließende Abriss hat das historische Erscheinungsbild des Standortes stark verändert. Nach Angaben zur ehemaligen Fabrik sind inzwischen etwa 80 Prozent des alten Werkes verschwunden. Lediglich eine historische Montagehalle aus den 1930er-Jahren blieb erhalten und erinnert noch an die einstige Größe des Betriebes.

Die Geschichte des VEB Spezialmöbel Johanngeorgenstadt zeigt, wie stark sich Produktionsstandorte im Erzgebirge innerhalb weniger Generationen verändern konnten: von der Schatullenfertigung über die Industrieproduktion und Rüstungswirtschaft bis zur volkseigenen Möbel- und Gehäusefertigung. Heute ist von diesem Kapitel nur noch wenig sichtbar. Gerade deshalb sind die verbliebenen Gebäude und historischen Aufnahmen wichtige Zeugnisse einer Industriegeschichte, die eng mit der Entwicklung Johanngeorgenstadts verbunden war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert