Kugelgasbehälter Bielefeld-Gadderbaum

Mitten im Grünen stehen in Bielefeld-Gadderbaum zwei gewaltige Stahlkugeln, die auf den ersten Blick wie futuristische Fremdkörper wirken. Tatsächlich handelt es sich um historische Kugelgasbehälter am Quellenhofweg. Die beiden Anlagen sind Zeugnisse einer längst vergangenen Epoche der Energieversorgung und gehören zu den ungewöhnlichsten technischen Bauwerken Bielefelds. Besonders bemerkenswert ist die ältere der beiden Kugeln: Sie entstand Anfang der 1930er-Jahre und gilt als erster Kugelgasbehälter Deutschlands. Gemeinsam erzählen die beiden Stahlkonstruktionen von der Entwicklung der Gasspeichertechnik über mehrere Jahrzehnte.

Der erste Kugelgasbehälter Deutschlands

Die ältere Kugel wurde 1931/32 errichtet. Ihr genieteter Stahlkörper besitzt einen Durchmesser von rund 20 Metern und konnte mehrere tausend Kubikmeter Gas aufnehmen. Der Speicher arbeitete mit einem Druck von etwa fünf Bar. Die Konstruktion war für ihre Zeit technisch bemerkenswert. Während klassische Gasometer meist aus zylindrischen Behältern bestanden, ermöglichte die Kugelform eine besonders effiziente Druckverteilung. Der Gasdruck konnte dadurch wesentlich höher sein als bei herkömmlichen Niederdruck-Gasbehältern. Heute besitzt die Konstruktion auch aus technikgeschichtlicher Sicht einen hohen Wert. Die genietete Stahlkugel dokumentiert eine frühe Entwicklungsstufe des industriellen Gasspeicherbaus.

Eine zweite Kugel dokumentiert den technischen Wandel

Rund drei Jahrzehnte später kam eine zweite Kugel hinzu. 1962 wurde der jüngere Kugelgasbehälter errichtet. Im Gegensatz zum älteren Speicher wurde er bereits in geschweißter Bauweise hergestellt. Damit stehen die beiden Anlagen nicht nur nebeneinander, sondern dokumentieren zugleich den technischen Wandel im Stahl- und Behälterbau: Die ältere genietete Konstruktion stammt aus der frühen Phase der Kugelgasbehälter, während die jüngere bereits die moderne Schweißtechnik repräsentiert.

Beide Bauwerke stehen heute unter Denkmalschutz.

Gasversorgung für Bethel

Die Kugelgasbehälter waren Teil der Energieversorgung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Die Speicher dienten dazu, Gas unter hohem Druck vorzuhalten und bei Bedarf für die Versorgung bereitzustellen. Damit erfüllten die Kugeln eine wichtige technische Funktion für die Versorgung des damaligen Siedlungs- und Klinikbereichs. Über Jahrzehnte gehörten sie zur Infrastruktur des Standortes. Mit der Veränderung der Energieversorgung verloren die Speicher schließlich ihre ursprüngliche Bedeutung. In den 1970er-Jahren endete ihre Nutzung.

Vom Energiespeicher zum technischen Denkmal

Nach ihrer Stilllegung verschwanden die Kugeln jedoch nicht aus dem Stadtbild. Während zahlreiche technische Anlagen nach dem Ende ihrer Nutzung abgerissen wurden, blieben die beiden Stahlkörper erhalten. Heute erinnern sie an eine Zeit, in der Gasversorgung noch völlig anders organisiert war. Ihre ursprüngliche Funktion ist längst Geschichte – ihre Konstruktion macht sie jedoch weiterhin zu einem bedeutenden Zeugnis der Industrie- und Technikgeschichte. Gerade die ältere Kugel besitzt dabei eine besondere historische Bedeutung. Ihre genietete Konstruktion macht sie zu einem seltenen erhaltenen Beispiel früher Hochdruck-Gasspeichertechnik.

Stahl und Natur bilden einen ungewöhnlichen Kontrast

Eine Besonderheit des Standorts ist seine Umgebung. Die beiden Kugelgasbehälter stehen nicht inmitten eines dicht bebauten Industrieareals, sondern in einem bewaldeten Bereich von Gadderbaum. Zwischen Bäumen und Vegetation wirken die riesigen Stahlkugeln beinahe surreal. Genau dieser Gegensatz macht den Ort fotografisch besonders interessant: Auf der einen Seite steht die monumentale industrielle Konstruktion, auf der anderen die langsam zurückkehrende Natur. Für Liebhaber historischer Industrieanlagen sind die Kugeln deshalb ein außergewöhnliches Motiv.

Neue Ideen für die alten Stahlkugeln

Die Zukunft der beiden Denkmale ist dennoch nicht völlig geklärt. Immer wieder wird über eine mögliche Umnutzung nachgedacht. Eine besonders ungewöhnliche Idee sieht vor, eine der Kugeln für Wohnzwecke zu nutzen. Unter anderem wurde vorgeschlagen, dort Wohnraum für Studierende zu schaffen. Die Überlegung zeigt, dass die Kugeln nicht ausschließlich als historische Relikte betrachtet werden, sondern grundsätzlich auch Potenzial für eine neue Nutzung besitzen könnten. Allerdings stehen einer solchen Entwicklung erhebliche Fragen gegenüber. Neben dem Denkmalschutz spielen insbesondere Naturschutz und die Lage im Wald eine Rolle. Eine Umnutzung wäre deshalb mit umfangreichen planerischen und technischen Herausforderungen verbunden.

Kein gewöhnlicher Lost Place

Obwohl die Kugelgasbehälter ihre ursprüngliche Funktion verloren haben, sind sie nur bedingt mit einem klassischen Lost Place vergleichbar. Sie sind keine verlassenen Industriehallen, in denen die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Vielmehr handelt es sich um erhaltene technische Denkmale, deren ursprüngliche Nutzung beendet wurde. Gerade das macht ihren Reiz aus. Die Kugeln zeigen, dass Industriekultur nicht immer aus Backsteinfabriken, verlassenen Kraftwerken oder rostenden Maschinen bestehen muss. Manchmal reicht ein einzelnes außergewöhnliches Bauwerk, um eine ganze Epoche technischer Entwicklung sichtbar zu machen.

Zwei Stahlkugeln als Erinnerung an eine vergangene Energieära

Die beiden Kugelgasbehälter von Bielefeld-Gadderbaum haben mehr als 90 Jahre technischer Geschichte überstanden. Die ältere Kugel steht für den Beginn der deutschen Hochdruck-Gasspeicherung, die jüngere für eine spätere Generation der Konstruktion. Heute werden sie nicht mehr für die Gasversorgung benötigt. Trotzdem sind sie keineswegs bedeutungslos. Als technische Denkmale erinnern sie an die Geschichte der Energieversorgung und an die industrielle Entwicklung Bielefelds.

Ob die beiden Stahlriesen dauerhaft unverändert erhalten bleiben oder eines Tages eine neue Funktion erhalten, wird die Zukunft zeigen. Fest steht schon heute: Die Kugelgasbehälter am Quellenhofweg gehören zu den außergewöhnlichsten Relikten der Bielefelder Industriegeschichte.

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