VEB Feintuch Finsterwalde

Über Jahrhunderte war die Tuchmacherei ein wichtiger Teil der Geschichte Finsterwaldes. Im 20. Jahrhundert bündelte der VEB Feintuch Finsterwalde schließlich mehrere traditionsreiche Tuchfabriken der Stadt. Tausende Meter Stoff verließen die Werke – darunter Uniformtuche sowie hochwertige Gewebe für Mäntel, Anzüge und Kostüme. Nach der Wende kam das Aus. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Finsterwalde elf Tuchfabriken. Nach 1945 wurden mehrere Unternehmen enteignet und in Volkseigentum überführt. 1951 wurden drei Tuchfabriken zum VEB Feintuchfabrik Finsterwalde zusammengeführt.

Zum neuen Großbetrieb gehörten mehrere Werke im Stadtgebiet. Das Hauptwerk befand sich an der Brunnenstraße, weitere Produktionsstätten lagen unter anderem an der Weststraße, am Langen Damm und an der Leipziger Straße. Damit entstand ein für Finsterwalde bedeutender Textilbetrieb mit mehreren Standorten.

Stoff für Uniformen und Kleidung

Produziert wurden vor allem Uniformtuch sowie Stoffe für Herren- und Damenmäntel, Anzüge und Kostüme. Auch Kammgarngewebe spielten eine wichtige Rolle. Zu den Abnehmern gehörten unter anderem staatliche Einrichtungen wie Post, Armee, Zoll und Bahn. Ein erheblicher Teil der Produktion war für den Export bestimmt. Kunden saßen unter anderem in England, Finnland, Australien und der Bundesrepublik. Damit war das Unternehmen weit mehr als ein regionaler Handwerksbetrieb. Der VEB Feintuch war Bestandteil der staatlich organisierten DDR-Textilindustrie.

Modernisierung trotz veralteter Strukturen

Ab den 1970er-Jahren wurde kräftig investiert. Ein neues Färbereigebäude entstand, Spinnerei und Appretur wurden modernisiert. Ab 1985 wurde zudem ein neues Webereigebäude mit 55 Webmaschinen errichtet. 1975 erhielt der Betrieb schließlich seinen endgültigen Namen VEB Feintuch Finsterwalde. Gleichzeitig wurde die Produktion zunehmend konzentriert und einzelne ältere Werkteile aufgegeben.

1990 beginnt der Niedergang

Mit der politischen Wende änderten sich die Bedingungen schlagartig. Der volkseigene Betrieb wurde privatisiert und 1990 zur Finsterwalder Feintuch GmbH. Das Konzept für die weitere Entwicklung konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Die Treuhand akzeptierte die geplante Privatisierung nicht. 1992 wurden die letzten Maschinen abgeschaltet. Damit endete die industrielle Tuchproduktion an diesem Standort.

Eine Fabrik wird zum Lost Place

Nach der Stilllegung blieben Teile der historischen Fabrikanlagen zurück. Maschinen wurden größtenteils ausgebaut und verkauft, während die Gebäude zunehmend verfielen. Die ehemalige Feintuchfabrik entwickelte sich zu einer eindrucksvollen Industriebrache. Besonders das Hauptwerk an der Brunnenstraße besitzt bis heute eine bemerkenswerte historische Bausubstanz. Teile der Anlage stehen unter Denkmalschutz, darunter Pförtnerhaus, Kontorgebäude, Weberei, Sozialgebäude und weitere Nebengebäude.

Aus der alten Tuchfabrik wird die Kulturweberei

Ein anderer Teil des ehemaligen VEB Feintuch erhielt inzwischen eine völlig neue Aufgabe. Die historische Tuchfabrik Carl Schäfer an der heutigen Oscar-Kjellberg-Straße wurde saniert und zur Kulturweberei umgebaut. Das große Spinnerei- und Webereigebäude von 1889 mit seinem charakteristischen Sheddach bildet heute den Kern der Stadthalle. Damit blieb ein bedeutendes Stück der Finsterwalder Textilgeschichte erhalten.

Das Ende einer langen Tradition

Mit dem VEB Feintuch Finsterwalde verschwand Anfang der 1990er-Jahre ein Industriezweig, der die Stadt über Jahrhunderte geprägt hatte. Aus zahlreichen Tuchmachereien war zu DDR-Zeiten ein zentralisierter Großbetrieb geworden – und nach der Wende verschwand auch dieser innerhalb weniger Jahre. Die alten Fabrikgebäude erzählen heute von einer Zeit, in der Finsterwalde noch eine bedeutende Tuchstadt war. Wo einst Webmaschinen ratterten und Stoffbahnen für die DDR und den Export produziert wurden, erinnern heute Denkmäler und umgenutzte Industriebauten an eine untergegangene Arbeitswelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert