Versteckt in den Wäldern des Landkreises Teltow-Fläming liegt eines der geschichtsträchtigsten Militärgelände Brandenburgs. Das ehemalige Kasernenareal am Schumkasee und Heegesee in Sperenberg erzählt von mehr als 120 Jahren Militärgeschichte – von den preußischen Eisenbahnpionieren über die Wehrmacht und die sowjetischen Streitkräfte bis hin zur Garnison des DDR-Militärflugplatzes Sperenberg. Heute ist das riesige Gelände ein faszinierender Lost Place, auf dem verfallene Kasernen, Brückenreste und monumentale Bauwerke an die einstige strategische Bedeutung erinnern.

Die Anfänge reichen bis in das Deutsche Kaiserreich zurück
Bereits kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erkannte die preußische Armee erhebliche Defizite beim Bau militärischer Eisenbahnstrecken. Als Konsequenz entstand am Schumkasee ein einzigartiges Ausbildungszentrum für Eisenbahnpioniere. Ab 1871 übten Soldaten auf dem rund sechs Hektar großen See den Bau mobiler Eisenbahnbrücken, Pontonanlagen und provisorischer Verkehrswege. Ziel war es, im Kriegsfall innerhalb kürzester Zeit funktionierende Bahnverbindungen und Brücken errichten zu können, um Truppen und Material schnell an die Front zu bringen.
Mit der Genehmigung einer eigenen Übungsbahn zwischen Kummersdorf und dem Schumkasee im Jahr 1892 erhielt das Gelände eine direkte Schienenanbindung. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Sperenberg zu einem der bedeutendsten Ausbildungszentren für militärischen Eisenbahnbau im Deutschen Reich.

Ein riesiges Ausbildungszentrum für Brücken- und Feldbahnbau
Die Ausbildung der Eisenbahnpioniere war außergewöhnlich umfangreich. Neben dem schnellen Verlegen kompletter Eisenbahnstrecken mussten die Soldaten sämtliche Betriebsabläufe des Eisenbahnverkehrs beherrschen. Regelmäßig fanden große Manöver statt, bei denen komplette Feldbahnstrecken aufgebaut, Kriegsbrücken errichtet und Belastungsversuche durchgeführt wurden. Dabei entstanden im Laufe der Jahre Feldbahnnetze mit einer Gesamtlänge von bis zu 100 Kilometern.
Auf dem Gelände wurden unterschiedlichste Brückenkonstruktionen getestet, Pontons erprobt sowie Sprengversuche durchgeführt. Noch heute sind im Schumkasee zahlreiche Brückenpfeiler verschiedener Bauarten erhalten und geben einen Eindruck von der einstigen Ingenieurskunst der Eisenbahnpioniere.

Denkmal erinnert an gefallene Eisenbahnpioniere
Zu den markantesten Bauwerken gehört eine rund 15 Meter hohe Pyramide, die 1929 zum Gedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Eisenbahnpioniere errichtet wurde. Sie steht bis heute unweit des Schumkasees und bildet gemeinsam mit den Fundamenten ehemaliger Brücken und den Ruinen der früheren Unterkünfte eines der eindrucksvollsten historischen Zeugnisse des Areals.

Ausbau während der NS-Zeit
Mit der Aufrüstung des Deutschen Reiches erhielt Sperenberg erneut eine bedeutende militärische Funktion. Ab Mitte der 1930er-Jahre entstanden weitere Kasernen, Ausbildungsanlagen und Versuchseinrichtungen. 1935 wurde das Pionier-Lehr- und Versuchs-Bataillon für schweren Brückenbau aufgestellt. Wenige Jahre später folgte der Ausbau zur Kaserne des Eisenbahn-Pionierregiments 6 sowie zur Versuchsstelle am Heegesee.
Besonders beeindruckend ist die um 1940 errichtete Modellbauhalle. Das rund 160 Meter lange und 32 Meter breite Bauwerk besitzt eine aufwendig konstruierte Spannziegeldecke und diente dem Bau von Brückenmodellen im Maßstab 2:1. Die Halle zählt bis heute zu den architektonisch außergewöhnlichsten Militärbauten ihrer Zeit.

Nach Kriegsende übernehmen sowjetische Brückenbaupioniere
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Nutzung des Geländes grundlegend. Die vorhandenen Feldbahnen wurden vollständig demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion transportiert. Anschließend nutzten sowjetische Brückenbaupioniere das ehemalige Ausbildungszentrum bis zum Ende der 1950er-Jahre weiter.
DDR errichtet Militärflugplatz und neues Militärstädtchen
Ab 1958 entstand in unmittelbarer Nähe ein neuer Militärflugplatz der DDR, der den zuvor von den sowjetischen Streitkräften genutzten Flugplatz Berlin-Schönefeld ergänzte beziehungsweise ersetzte. Das historische Kasernengelände wurde dabei umfassend erweitert und entwickelte sich zum sogenannten „Militärstädtchen Nr. 1“ des Flugplatzes Sperenberg. Während einfache Soldaten überwiegend in den Unterkünften am Schumkasee lebten, befanden sich die Unterkünfte für Offiziere, Unteroffiziere und zivile Beschäftigte in Richtung Heegesee.
Das Gelände entwickelte sich nahezu zu einer eigenständigen Kleinstadt. Neben Kasernen entstanden Wohngebäude, eine Schule mit Sporthalle, eine Bäckerei, eine Konditorei, ein Supermarkt, Werkstätten sowie ein großer Fahrzeugpark.

Kulturhaus, Kino und Sprachunterricht mitten im Militärgelände
Auch das gesellschaftliche Leben spielte innerhalb der Garnison eine wichtige Rolle. Im Zentrum der Wohnsiedlung entstand ein großes Kulturhaus mit Theater- und Kinosaal, Tanzschule, Diskothek und zahlreichen Veranstaltungsräumen. Darüber hinaus wurden hier Kinder und Jugendliche unterrichtet. Neben dem regulären Schulbetrieb fanden sogar spezielle Sprachkurse, unter anderem in Englisch, statt. Der unmittelbar an der Einflugschneise des Flugplatzes gelegene Heegesee war zusätzlich mit Leuchtfeuern ausgestattet, die der Flugsicherung dienten. Heute wird das Gewässer hauptsächlich von Anglern genutzt.

Abzug der sowjetischen Streitkräfte hinterlässt riesigen Lost Place
Mit dem Abzug der russischen Streitkräfte im Jahr 1994 endete die militärische Nutzung des gesamten Areals endgültig.
Seitdem verfällt das ehemalige Militärstädtchen zusehends. Verlassene Kasernen, überwucherte Straßen, leerstehende Wohngebäude und die Ruinen militärischer Ausbildungsanlagen erinnern an die wechselvolle Geschichte des Standorts. Besonders die monumentale Modellbauhalle, die Gedenkpyramide der Eisenbahnpioniere sowie die noch erhaltenen Brückenpfeiler im Schumkasee machen Sperenberg heute zu einem der eindrucksvollsten militärhistorischen Lost Places Deutschlands. Das Gelände vereint preußische Militärgeschichte, Ingenieurkunst, Wehrmachtsarchitektur und die Relikte des Kalten Krieges an einem einzigen Ort.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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