Das Reichsbahnausbesserungswerk Görlitz, kurz RAW Görlitz, war über Jahrzehnte eine der wichtigsten Werkstätten für Schmalspurlokomotiven in der DDR. Was 1909 als Bahnbetriebswerk im Görlitzer Ortsteil Schlauroth begann, entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem hoch spezialisierten Ausbesserungswerk der Deutschen Reichsbahn. Tausende Lokomotiven und zahlreiche weitere Schienenfahrzeuge wurden hier gewartet, repariert, rekonstruiert oder neu aufgebaut. Mit der politischen Wende und der Neuordnung des deutschen Eisenbahnwesens begann jedoch der Niedergang. Ende der 1990er-Jahre schloss das traditionsreiche Werk endgültig seine Tore. Heute erinnern die verbliebenen Anlagen im Westen von Görlitz an eine Epoche, in der das RAW Schlauroth eine zentrale Rolle für den Erhalt der Schmalspurbahnen spielte.
1909 entsteht der Eisenbahnstandort Schlauroth
Die Geschichte des späteren Reichsbahnausbesserungswerks beginnt im Jahr 1909. Damals entstand westlich von Görlitz in Schlauroth ein großer Rangier- und Güterbahnhof. Hintergrund war die zunehmende Belastung des Görlitzer Bahnhofs und die wachsende Bedeutung der Eisenbahn für den Güterverkehr. Mit dem neuen Rangierbahnhof wurde auch ein selbstständiger Lokbahnhof eingerichtet. Dort wurden zunächst vor allem preußische und sächsische Güterzuglokomotiven gewartet und instandgesetzt. Eine Besonderheit war die politische und eisenbahntechnische Teilung des Standorts: Sachsen und Preußen trafen hier unmittelbar aufeinander. Der Lokschuppen war entsprechend zwischen beiden Staatsbahnen aufgeteilt.
Schlauroth war damit bereits vor der eigentlichen Gründung des RAW ein wichtiger Bestandteil des Görlitzer Eisenbahnknotens.
Vom Bahnbetriebswerk zum modernen Eisenbahnstandort
Mit der Gründung der Deutschen Reichsbahn im Jahr 1920 änderten sich die organisatorischen Strukturen. Ab 1923 wurde der Standort als Bahnbetriebswerk Schlauroth geführt. Eine besondere Bedeutung erhielt das Werk durch die Elektrifizierung der Strecke Görlitz–Lauban. In den Jahren 1923 und 1924 entstand ein modernes Bahnbetriebswerk für Elektrolokomotiven. Unterschiedliche Baureihen wurden in Schlauroth stationiert und gewartet. Der Standort entwickelte sich damit zu einem technisch anspruchsvollen Bestandteil des schlesischen Eisenbahnnetzes. Diese Entwicklung endete jedoch abrupt mit dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere den politischen und territorialen Veränderungen des Jahres 1945.
1945 wird der Eisenbahnstandort von seiner bisherigen Aufgabe abgeschnitten
Das Kriegsende veränderte die Eisenbahnlandschaft rund um Görlitz fundamental. Das Neißeviadukt wurde gesprengt, die Verbindungen in Richtung Osten waren unterbrochen und die zuvor elektrifizierten Strecken verloren ihre Bedeutung für den Görlitzer Eisenbahnbetrieb. Hinzu kam der Abbau der elektrischen Infrastruktur als Reparationsleistung für die Sowjetunion. Das bisherige Einsatzgebiet der Elektrolokomotiven in Schlauroth existierte damit praktisch nicht mehr. Der Standort musste eine neue Aufgabe erhalten. Aus der Krise entstand schließlich ein völlig neues Kapitel der Werkgeschichte.
1950 beginnt die Geschichte des eigentlichen RAW Görlitz
Am 1. Januar 1950 wurde aus der bisherigen Lokabteilung ein eigenständiges Reichsbahnausbesserungswerk. Der offizielle Name lautete „Reichsbahnausbesserungswerk Deutsch-Sowjetische Freundschaft Görlitz“. Damit begann die Entwicklung zu jenem Spezialbetrieb, mit dem das RAW Görlitz später bundesweit bekannt werden sollte. Die zentrale Aufgabe wurde die Instandsetzung von Schmalspurlokomotiven der Deutschen Reichsbahn. Während andere RAWs unterschiedliche Lokomotivtypen und Aufgabenbereiche übernahmen, konzentrierte sich Görlitz zunehmend auf die Schmalspur. Diese Spezialisierung machte das Werk zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Eisenbahnwesens der DDR.

Schmalspurlokomotiven aus ganz Ostdeutschland
In Görlitz wurden über Jahrzehnte Schmalspurdampflokomotiven aus verschiedenen Regionen der DDR aufgearbeitet. Die Werkhallen wurden damit zur zentralen Anlaufstelle für die Fahrzeuge zahlreicher Schmalspurbahnen. Zu den bekanntesten Lokomotivtypen gehörten die sächsischen Maschinen der Baureihen IV K und VI K. Die Fahrzeuge waren teilweise bereits seit Jahrzehnten im Einsatz und mussten immer wieder grundlegend überarbeitet werden. Die Arbeiten gingen dabei weit über gewöhnliche Reparaturen hinaus. Verschlissene Komponenten wurden erneuert, Baugruppen überarbeitet und Lokomotiven teilweise grundlegend rekonstruiert. Das RAW Görlitz war dadurch maßgeblich daran beteiligt, dass zahlreiche Schmalspurbahnen der DDR überhaupt weiter betrieben werden konnten.
Wenn aus Reparatur beinahe Neubau wurde
Besonders bemerkenswert war das Schmalspur-Rekonstruktionsprogramm. Um die teilweise stark verschlissenen Lokomotiven weiterhin einsetzen zu können, wurden Maschinen in Görlitz umfassend modernisiert. Die Eingriffe waren teilweise so weitreichend, dass einzelne Lokomotiven praktisch neu aufgebaut wurden. Formal blieben dabei die ursprünglichen Lokomotivnummern erhalten. Diese Arbeiten zeigen, welche technische Bedeutung das RAW Görlitz für die DDR-Schienenfahrzeuge besaß. Statt die alten Maschinen vollständig aus dem Verkehr zu ziehen, wurde versucht, ihre Einsatzdauer durch umfangreiche Rekonstruktionen zu verlängern.
Auch Spezialfahrzeuge gehörten zum Aufgabenbereich
Das RAW war nicht ausschließlich auf Dampflokomotiven beschränkt. Zum Aufgabenspektrum gehörten unter anderem Schmalspurtransportwagen, Rollwagen und Rollböcke. Auch die Betreuung von Werklokomotiven sowie die Instandhaltung weiterer Spezialfahrzeuge gehörten zum Arbeitsalltag. Hinzu kamen Aufgaben außerhalb des klassischen Lokomotivbaus. Ab 1978 fertigte das Werk beispielsweise Dreikraftbremsen für Rangierbahnhöfe. Für diese neue Produktionsaufgabe mussten Beschäftigte zusätzlich qualifiziert werden. In der Fertigung kamen schließlich auch moderne Industrieroboter zum Einsatz. Das RAW entwickelte sich damit zu einem vielseitigen technischen Betrieb, der weit mehr leistete als die Reparatur historischer Dampflokomotiven.
Ein wichtiger Arbeitgeber in Görlitz
Wie bei vielen großen Reichsbahnausbesserungswerken war auch in Görlitz die Bedeutung des Betriebs nicht allein auf seine technische Funktion beschränkt. Das RAW war ein wichtiger Arbeitgeber und prägte das berufliche Leben vieler Menschen in der Region. Für die Beschäftigten bedeutete die Arbeit im Werk häufig eine langfristige berufliche Perspektive. Facharbeiter, Schlosser, Dreher, Fräser und weitere Spezialisten waren notwendig, um die komplexen Reparatur- und Fertigungsarbeiten auszuführen. Das Wissen und Können der Mitarbeiter war ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs. Gerade bei den historischen Schmalspurlokomotiven waren handwerkliche Erfahrung und Spezialkenntnisse von großer Bedeutung.
Die Wende bringt den radikalen Einschnitt
Mit dem Ende der DDR änderten sich die Voraussetzungen innerhalb weniger Jahre grundlegend. Die Deutsche Reichsbahn stand vor einer völlig neuen Situation. Der Güterverkehr in den ostdeutschen Ländern ging deutlich zurück, zahlreiche Bahnstrecken wurden aufgegeben und die bisherigen Strukturen der Reichsbahn wurden neu organisiert. Für das RAW Görlitz bedeutete dies einen dramatischen Rückgang der bisherigen Aufträge. Die Spezialisierung auf Schmalspurlokomotiven bot zunächst noch eine Perspektive. Ab 1992 wurden unter anderem die Schmalspurdampflokomotiven der Zittauer Schmalspurbahn auf Leichtölfeuerung umgebaut. Gleichzeitig übernahm das Werk die Aufarbeitung schmalspuriger Personenwagen, zunächst für Sachsen und später für weitere ostdeutsche Bundesländer.
Ein letzter Aufschwung mit historischen Dampflokomotiven
In den frühen 1990er-Jahren kamen sogar wieder Regelspurdampflokomotiven nach Görlitz. Auch historische Maschinen aus dem Museums- und Touristikbetrieb wurden hier aufgearbeitet. Damit erhielt das Werk noch einmal eine ungewöhnliche neue Aufgabe: Die technische Kompetenz der Mitarbeiter wurde genutzt, um historische Dampflokomotiven betriebsfähig zu halten. Doch diese Entwicklung konnte den langfristigen Niedergang nicht aufhalten. Die Deutsche Bahn AG suchte nach der Zusammenführung von Bundesbahn und Reichsbahn nach effizienteren und stärker zentralisierten Strukturen. Für einen kleinen Spezialstandort wie Görlitz wurde die wirtschaftliche Perspektive zunehmend schwieriger.
1996 fällt die Entscheidung gegen Görlitz
Mit der Umstrukturierung innerhalb der Deutschen Bahn AG wurde das Werk 1996 aufgegeben. Die Aufgaben zur Aufarbeitung von Schmalspurlokomotiven gingen schließlich vor allem an das Dampflokwerk Meiningen. Für die Mitarbeiter bedeutete die Schließung einen tiefen Einschnitt. Einige wechselten in andere Unternehmen, andere gingen in den Ruhestand. Weitere verloren ihre Arbeitsplätze. Ein Teil der Belegschaft war außerdem mit dem Rückbau des ehemaligen Werks beschäftigt.
Damit endete die Geschichte des RAW Görlitz als eigenständiger Eisenbahnbetrieb.
1998 endet der Bahnbetrieb endgültig
Bei der Datierung des Endes des RAW finden sich unterschiedliche Angaben. Während die Aufgabe des Werks im Zuge der Umstrukturierung bereits 1996 beschlossen beziehungsweise eingeleitet wurde, wird das endgültige Ende des traditionsreichen Standorts häufig mit 1998 angegeben. Fachpublikationen bezeichnen das Jahresende 1998 als den Zeitpunkt, an dem das RAW Görlitz endgültig seine Tore schloss. Damit ging eine fast neun Jahrzehnte umfassende Eisenbahngeschichte zu Ende, die vom preußisch-sächsischen Lokbahnhof über das Bahnbetriebswerk bis zum spezialisierten Reichsbahnausbesserungswerk reichte.
Was vom RAW Görlitz geblieben ist
Nach der Stilllegung wurden die umfangreichen Gleisanlagen zunehmend zurückgebaut. Auch die Werkhallen verloren ihre ursprüngliche Funktion. Um die verlassenen Gebäude vor unbefugtem Zutritt zu schützen, wurden Fenster und Türen teilweise verschlossen, vermauert oder mit Metallplatten gesichert. Dennoch verschwanden die Spuren der Vergangenheit nicht vollständig. Teile der historischen Anlagen blieben erhalten und erinnern bis heute an die frühere Nutzung. Das Gelände wird inzwischen teilweise anderweitig genutzt. Im Umfeld des ehemaligen Bahnbetriebswerks haben sich unter anderem Unternehmen aus dem Bereich Bahnprüfung und Bahntechnik angesiedelt. Der heutige TÜV-Süd-Standort führt dort unter anderem Prüfungen an Schienenfahrzeugen durch.
Ein Lost Place mit besonderer Eisenbahngeschichte
Das ehemalige RAW Görlitz-Schlauroth ist heute vor allem wegen seiner Geschichte interessant. Anders als bei vielen verlassenen Industrieanlagen handelt es sich nicht um einen beliebigen ehemaligen Produktionsstandort. Hier wurden über Jahrzehnte Schmalspurdampflokomotiven aus der gesamten DDR behandelt. Maschinen, die heute auf Museums- und Traditionsbahnen unterwegs sind, erhielten in Görlitz ihre technische Überholung oder wurden hier grundlegend rekonstruiert. Damit lebt ein Teil der Geschichte des RAW bis heute auf den Schienen weiter.
Führungen geben Einblicke in das ehemalige Werk
Das Gelände ist inzwischen Bestandteil der Industriekultur in Sachsen. Der Verein goerlitz21 bietet nach Angaben der Plattform „Industriekultur in Sachsen“ einmal jährlich Touren über das Areal des früheren Bahnbetriebswerks beziehungsweise Reichsbahnausbesserungswerks an. Dadurch sind zumindest punktuell Einblicke in die erhaltenen Bestandsobjekte möglich. Das macht den ehemaligen Standort zu einem besonderen Ziel für Eisenbahnfreunde, Technikinteressierte und Menschen, die sich mit der Industriegeschichte der Oberlausitz beschäftigen.
Das RAW Görlitz bleibt Teil der Eisenbahngeschichte
Das Reichsbahnausbesserungswerk Görlitz steht heute exemplarisch für den Wandel der deutschen Eisenbahnindustrie. Aus einem einstigen Lokbahnhof zweier Länderbahnen entstand ein moderner Eisenbahnstandort, später ein hoch spezialisiertes DDR-Reichsbahnausbesserungswerk und schließlich ein Opfer der tiefgreifenden Umstrukturierung nach der Wiedervereinigung. Die Geschichte des RAW Görlitz ist zugleich die Geschichte einer technischen Spezialisierung, die über Jahrzehnte funktionierte: Die Mitarbeiter hielten Schmalspurlokomotiven am Leben, rekonstruierten historische Maschinen und bewahrten Wissen, das für den Betrieb vieler Schmalspurbahnen unverzichtbar war.
Heute sind die großen Zeiten des Werkes vorbei. Doch zwischen alten Hallen, Gleisresten und erhaltenen Bauwerken ist die Vergangenheit noch immer spürbar. Das ehemalige RAW Görlitz-Schlauroth bleibt damit ein bedeutendes Zeugnis der sächsischen Eisenbahngeschichte und ein außergewöhnlicher Ort der Industriekultur.
