Zeitz. Kunst braucht nicht zwingend ein klassisches Atelier. Das Künstlerprojekt „If Paradise Is Half As Nice“ (IPIHAN) geht bewusst einen anderen Weg: Statt in etablierten Studios entstehen die Arbeiten in verlassenen Gebäuden. Der Leerstand wird dabei nicht nur zum Ausstellungsort, sondern selbst zum Bestandteil des künstlerischen Prozesses. Das Konzept ist radikal einfach und zugleich anspruchsvoll. Wird ein verlassenes Gebäude gefunden, bleiben den beteiligten Künstlern weniger als vier Wochen, um vor Ort Arbeiten zu entwickeln und umzusetzen. Anschließend öffnet sich der temporäre Kunstraum für die Öffentlichkeit.
Vier Wochen zwischen Verfall und Kreativität
Die Künstler müssen dabei mit dem arbeiten, was der jeweilige Ort vorgibt. Vorhandene Materialien, Räume, Spuren der Nutzung und die sichtbare Zerstörung werden zu Ausgangspunkten für neue Werke. Jeder Projektstandort bringt damit seine eigene Geschichte mit – und hinterlässt diese auch in den entstandenen Arbeiten. Der Zeitdruck ist Teil des Konzepts. Die kurze Produktionsphase wirkt wie ein kreativer Schnellkochtopf: Ideen werden unmittelbar ausgetauscht, verworfen, weiterentwickelt und umgesetzt. Gerade diese ungewöhnlichen Bedingungen sollen Lösungen hervorbringen, die in einem klassischen Atelier möglicherweise nicht entstanden wären.
Zwischen Kunstprojekt und Versteckspiel
Zum ungewöhnlichen Charakter von IPIHAN gehört auch, dass die Künstler an manchen Standorten nicht einfach unbehelligt arbeiten können. Das Projekt beschreibt selbst Situationen, in denen man sich möglichst unauffällig bewegen musste, um nicht von Behörden entdeckt zu werden. Damit verschwimmen die Grenzen zwischen künstlerischer Produktion, temporärer Besetzung und Urban Exploration. Der verlassene Ort ist nicht bloße Kulisse, sondern bestimmt die Bedingungen des gesamten Projekts.
Das Aus in Goßdorf kam nach vier Tagen
Beim jüngsten Projekt sollte ursprünglich die ehemalige Likolit-Linoleumfabrik in Goßdorf zum temporären Atelier werden. Doch die Pläne hielten nicht lange. Nur vier Tage nach der Ankunft wurden die Künstler von den zuständigen Behörden aufgefordert, das Gelände möglichst schnell zu verlassen. Die Enttäuschung war zunächst groß. Doch anstatt das Projekt abzubrechen, begann unmittelbar die Suche nach einer Alternative. Erkundungstouren führten die Beteiligten unter anderem nach Görlitz, Chemnitz, Nossen und Zeitz.
Ein Netzwerk rettet das Projekt
Parallel wurde das eigene IPIHAN-Netzwerk aktiviert. Die Kontakte erwiesen sich schließlich als entscheidend: In Zeitz konnte eine neue Location gefunden werden. Die Künstler erhielten die Möglichkeit, die Überreste der ehemaligen Oettler-Brauerei an der Geraer Straße 5 für ihr Projekt zu nutzen. Für IPIHAN ist Zeitz damit kein unbekanntes Terrain. Bereits die siebte Ausgabe des Projekts fand 2017 in der ehemaligen Nudelfabrik statt. Zwei Jahre später kehrte die Künstlergruppe für die neunte Ausgabe zurück – damals in die ehemalige Zitza-Fabrik.
Der Leerstand wird zum Kunstwerk
Das Besondere an IPIHAN liegt gerade in dieser Verbindung von Kunst und Verfall. Die Künstler kommen nicht in einen neutralen Ausstellungsraum, sondern treffen auf Gebäude, deren Geschichte, Architektur und Zerfall bereits eine eigene Sprache sprechen. Rost, abblätternde Farbe, zurückgelassene Materialien, Produktionsspuren und die Struktur verlassener Räume werden Teil des kreativen Umfelds. Die Kunstwerke entstehen damit nicht unabhängig vom Ort, sondern in direkter Auseinandersetzung mit ihm.
Temporäre Kunst hinterlässt dauerhafte Spuren
Wenn am Ende die Ausstellung eröffnet wird, treffen zwei Welten aufeinander: die Geschichte des verlassenen Gebäudes und die kurzfristige Intervention der Künstler. Für wenige Tage wird aus einem vergessenen Ort ein öffentlicher Kulturraum. Danach endet das Projekt – und mit ihm verschwindet auch ein Teil der temporären Kunstlandschaft wieder. Zurück bleibt ein Lost Place, der für kurze Zeit eine völlig neue Funktion erhalten hat. Genau darin liegt die besondere Idee von „If Paradise Is Half As Nice“: Nicht der Künstler sucht sich einen Raum für seine Kunst aus – der Raum fordert den Künstler heraus.
Programm zum Wochenende
Samstag, 19.09.2026
13:00 – 19:00 Ausstellung geöffnet
16:00 Offizielle Eröffnung durch IPIHAN und Philipp Baumgarten
14:00 und 17:00 Führungen durch die Ausstellung
19:30 Vorführung der Dokumentarfilme:
„IPIHAN #7 in der Nudelfabrik“ (2017, 23 Min.) von Wendy Oakes
und „IPIHAN #9 in der Zitza Fabrik“ (2019, 37 Min.) von Adam Wakeling (der Regisseur wird anwesend sein)
20:30 geselliges Beisammensein mit Getränken und Musik
Sonntag. 20.09.2026
13:00 – 19:00 Ausstellung geöffnet
13:00 Beschauung von „Sparrenschatten“ von Willem Besselink am Satellitenstandort hinter der Freiligrathstraße 43
14:00 und 17:00 Führungen durch die Ausstellung
