Schwerin. Wo einst das gesellschaftliche Herz Zippendorfs schlug und rauschende Feste gefeiert wurden, regiert heute der Vandalismus. Eingeschlagene Scheiben, bröckelnde Fassaden und rostige Bauzäune prägen das Bild des ehemaligen Strandhotels. Doch hinter der baufälligen Kulisse brodelt ein erbitterter Streit um die Zukunft des Areals. Die neueste Entwicklung in diesem Immobiliendrama: Die Investoren haben offiziell den Abriss des historischen Gebäudes beantragt.
Ein 800-Seiten-Angriff auf den Denkmalschutz
Baudezernent Bernd Nottebaum, der derzeit die Amtsgeschäfte des Oberbürgermeisters führt, bestätigte den Eingang des massiven Antrags. Ein 800-seitiges Gutachten soll nun belegen, warum eine Sanierung nicht mehr möglich oder wirtschaftlich unzumutbar sei. „Die detaillierte Prüfung wird einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen“, bremst Nottebaum übertriebene Hoffnungen auf eine schnelle Lösung.
Es ist ein strategischer Zug, der bei den Bürgern vor Ort die Alarmglocken schrillen lässt. Denn ein Abriss wurde in der Vergangenheit bereits von den Denkmalschutzbehörden abgelehnt. Kritiker wie Anwohner Thilo Kreimer warnen davor, sich „erpressen zu lassen“. Seine Forderung ist klar: Sollte die Abrissbirne tatsächlich schwingen, müsse ein Neubau zwingend dem historischen Vorbild nachempfunden werden – inklusive Hotel- und Gastronomiebetrieb.
Vom Kompromiss zum Spekulationsobjekt?
Dabei schien eine Lösung vor Jahren bereits greifbar. Stadt, Bürger und der damalige Eigentümer hatten sich auf einen tragfähigen Kompromiss geeinigt. Doch mit dem Verkauf an eine anonym bleibende Investorengruppe änderte sich alles. Die neuen Pläne sprengen den bisherigen Rahmen: Höher, breiter, ausladender soll gebaut werden. Statt der genehmigten drei Geschosse fordern die Investoren nun fünf.
Besonders pikant: Nach Informationen der OSTSEE-ZEITUNG ist der Deal zwischen Eigentümer und Investoren noch gar nicht endgültig in trockenen Tüchern. Geld fließt demnach erst, wenn die entsprechenden Baugenehmigungen vorliegen. Ein klassisches Patt, das das Gebäude zur Geisel wirtschaftlicher Interessen macht.
Zwischen Enteignungswünschen und Infrastruktur-Angst
Die Stimmung im Ortsteil ist gespalten. Christian Schneider, Gründer der Initiative „AG Strandhotel“, bringt sogar das schärfste Schwert der Demokratie ins Gespräch: die Enteignung. „In speziellen Fällen gibt es dieses Mittel“, so Schneider, auch wenn er einräumt, dass die politische Mehrheit in der Stadtvertretung dafür wohl fehlt.
Ganz andere Sorgen plagen Maren Ramünke-Höfer. Sie befürchtet, dass ein riesiges Ferienobjekt die Infrastruktur des beschaulichen Zippendorfs kollabieren ließe. „Von mir aus kann das so bleiben“, sagt sie provokant und verweist auf den drohenden Massentourismus durch Hunderte zusätzliche Gäste.
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Trotz der verhärteten Fronten setzt der Ortsbeiratsvorsitzende Dietmar Tackmann auf Diplomatie. Er will die Liste der „Schandflecke“ – zu der neben dem Strandhotel auch das Kurhotel und die Villa Nummer 7 gehören – endlich abarbeiten. Sein Vorschlag: Ein gesunder Kompromiss bei der Bauhöhe.
Ob die 800 Seiten Papier der Investoren ausreichen, um den Denkmalschutz zu kippen, bleibt abzuwarten. Sicher ist nur: Die unendliche Geschichte von Zippendorf ist um ein düsteres Kapitel reicher.
